Herausfordernd

Eigentlich würde ich gerne über die Dummheit und Arroganz unserer Politiker schreiben. Die Corona-Pandemie liefert so unendlich viel Stoff, von Fehlbeurteilungen über leere Versprechungen bis zum Versagen im Amt ist alles dabei, was dem gutwilligen Bürger die Galle überlaufen lässt. Das dilettantische Agieren, das Politiker und Behörden im Impfskandal an den Tag legen, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Viele andere Dinge wurden genauso stümperhaft um- oder besser ­– wie die Maut – in den Sand gesetzt. Ich bin ein überzeugter Befürworter der Demokratie, aber nicht des Personals, das in Eigennutz denkt und handelt und eine Unfähigkeit an den Tag legt, die jeder Beschreibung spottet. Belassen wir es dabei. Ich will Ihnen nicht die Laune verderben. Der Frühling wird irgendwann kommen und dann sieht die Welt wieder anders aus.

Frühjahrsputz hat auch der internationale Weinmarkt nötig. Der weltweite Weinkonsum ist im vergangenen Jahr um 10 Prozent eingebrochen. Einbußen in Handel, Gastronomie und Tourismus waren die ausschlaggebenden Faktoren, wie die Marktforscher der englischen IWSR-Gruppe in ihrer aktuellen Studie zu Tage förderten. Dem ist nicht zu widersprechen. So wird es gewesen sein. 

Rund 25 Mill. Hektoliter nicht konsumierter Wein, mehr als das Zweieinhalbfache einer deutschen Weinernte, lasten auf dem globalen Weinmarkt, zusätzlich zum Produktionsüberhang aus vergangenen Ernten. Kein Wunder, dass überall wo Branchenverbände das Sagen haben, die Erträge für die kommenden Ernten begrenzt werden. Ob es Sinn macht, wie andere Beschränkungen, steht auf einem anderen Blatt. Ich wage es zu bezweifeln.

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Deutschland ist einstweilen mit einem blauen Auge davongekommen. Die Konsumenten verlagerten ihren Außer-Haus-Konsum an Wein in die eigenen vier Wände, was dem Lebensmittel- und Onlinehandel eine Sonderkonjunktur bescherte. Auf rund 10 Prozent dürfte sich das Plus im Lebensmittelhandel summieren, wie aus den Mafo-Daten von IRI und anderen Instituten hervorgeht. 

Die höchsten Zuwächse, vom einen oder anderen Onliner mal abgesehen, erzielten im Handel die Verbrauchermärkte, während sich die Discounter mit dürftigen Zuwächsen begnügen mussten und das nicht ohne Grund. Wer sich vor Weihnachten die Wein- und Sektofferten zur Brust nahm, weiß auch warum. Einfältig und ohne Inspiration servierten die Discounter magere Alltagskost. Wen sollte das begeistern, der seine Tage wenigstens zuhause etwas aufhübschen wollte? Den Discountmanagern steckten wohl noch die Eskapaden früherer Jahre in den Knochen, als sie wie beispielsweise Lidl vollkommen am Markt vorbei ein ausgeufertes Frankreich-Sortiment offerierte, das kolportierte 500 Mill. Euro teuer, kläglich an den Wünschen der Verbraucher vorbeischrammte. Vermutlich zehrt Lidl-Inhaber Dieter Schwarz als sparsamer Schwabe noch heute von den Beständen. 

Ihre Chancen haben dagegen viele Verbrauchermärkte und insbesondere die selbständigen Einzelhändler von Edeka und Rewe genutzt. 15 Prozent Umsatzzuwachs und über 12 Prozent mehr Menge ermittelten die Marktforscher von IRI. Viele Initiativen und neu auf die Schiene gesetzte Online-Shops haben auch im Weinfachhandel das Geschäft beflügelt. Stellenweise mangelte es sogar am Weinnachschub.

An die Zuwächse des vergangenen Jahres anzuknüpfen, dürfte für viele schwer werden. Sobald die Gastronomen wieder öffnen dürfen, werden sich Umsätze verschieben. Die Menschen dürsten nach Begegnung. Zudem wird im Urlaub wieder das Ausland locken. Von ihrer Begeisterung fürs Reisen werden die Deutschen so schnell nicht lassen. Das verlagert dann ganz automatisch auch den Konsum von Wein und Sekt ins Ausland. Für den Handel wird das Weingeschäft 2021 daher zur Herausforderung. Mal sehen, wer sich der am besten stellt.