Vinophile Grüße


Sebastian BordthäuserDie vinophile Brille malt vieles Rosa, mag man meinen. Doch dieser ganze Weinzirkus nimmt teils groteske Formen an. Mein Vorschlag letztens nach der Messe, ein bestimmtes Lokal zu besuchen, wurde von zwei Kollegen gecancelt mit der Aussage, man könne dort keinen Wein trinken. Natürlich wäre es toll, wenn man überall guten Wein trinken könnte. Ist aber nicht so. Und die Aussage, nicht in ein Restaurant zu gehen, weil kein – guter – Wein serviert würde, ist in seinem Irrwitz vergleichbar mit chinesischen Restaurants, die damit werben, kein Glutamat zu verwenden. Das lockt Dogmatiker ins Restaurant, denen es völlig Schnuppe ist, was dort gekocht wird, solange das böse MSG nicht dabei ist. Und gibt es keinen Wein, dann trinkt man halt ein Bier oder eine Tasse Tee. Oder Wasser. Gutes Getränk übrigens.

Doch mit Wein ist – zugegeben – vieles besser. Auch der Rewe um die Ecke hat jetzt ein erfreuliches Sortiment. Was als Fortschritt bejubelt wird, betrifft mich aber nicht. Denn erstens haben wir alle unseren Wein im Keller. Und den kaufen wir nicht im Supermarkt. Zweitens wird dabei übersehen, dass es zwar Wein, aber auch jede Menge Schrott gibt. Viele Gemüse wurden über die Zeit einfach ausgelistet. Keine Schwarzwurzeln, kein Maiwirsing, keine Endivie, kein Rübstiel, kein Grünkohl. Das Fleisch stammt aus industrieller Produktion, ist somit völlig inakzeptabel. Aber dafür gibts jetzt Wein. Und Süßkartoffeln. Die Frage, die sich stellt, ist, warum solche Debatten überhaupt geführt werden. Die richtige Frage wäre doch eigentlich die: Was mache ich überhaupt in einem Supermarkt außer Klopapier kaufen?

Der Supermarkt ist keine ernsthafte Ressource, weder für Essen, noch für Wein. Schafft man es aber nicht auf den Markt und hat keine Lust zu kochen, muss man folglich ins Restaurant gehen. Dort gibt es auch eine ordentliche Weinkarte. Im besten Falle sogar einen Sommelier, der sich Gedanken gemacht hat. Offensichtlich fällt aber keinem auf, dass die meisten Restaurants in ihrem perfektionierten Wahnsinn nur mehr lauwarmes Essen servieren. Ein Steinbutt, perfekt gegart im Sous Vide, hat, wenn der Service ihn am Tisch serviert, nurmehr Körpertemperatur. Alles ist lauwarm, nichts ist heiß. Dazu ist der Rest oft püriert und nicht selten zu süß. Süßer Brei, wie im Altenheim. Oder im Krankenhaus. Aber wenigstens passt der Wein. Der ursprüngliche Grund, ein Restaurant zu besuchen ist das Essen. Besser noch: um rauschhaft zu essen, weil es so großartig ist. Fressen, nennt Lea Linster es. Ich möchte mich dem anschließen. Nichts ist besser als eine rauschhafte Völlerei, bei der natürlich der Wein in Strömen fließen muss. Die meisten Restaurantbesuche der letzten Zeit waren aber Erlebnisse mit angezogener Handbremse. Statt zu essen, verkostet man kleine Einheiten, die das Können der Chefs spiegeln. Wer bitte kann acht oder neun Gänge essen, womöglich noch mit Weinbegleitung, Champagner vorneweg und ’nem Kurzen danach? Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben den Fokus verloren, den Blick aufs Substantielle. Aber immerhin ist es leichter, mir ein hüftschwaches Menü schön zu trinken, als dass ein gutes Essen einen schlechten Wein rettet. Darauf hebe ich mein Glas. Mit vinophilen Grüßen!

Ausgabe 03/2021

Cover Meiningers Sommelier

Themen der Ausgabe

Fernbeziehung

Johannes Schellhorn und der Seehof in Goldegg

Weißes Burgund

Bezahlbarer Nachschub für die Weinkarten

Panorama

Ruwer – das leise Seitental der Mosel