ProWein? Eigentlich schon.

Peter H. MüllerHaben wir uns etwa auseinander gelebt? In früheren Jahren klopfte ich mir nach einem erfolgreichen Messetag Stolz erfüllt auf die eigene Schulter beim Revue passieren lassenden Blättern durch mein Moleskine und der damit verbundenen Erkenntnis, über 180 Weine am Tag geschafft zu haben. Erspart Euch die Mühe, Euch in der Kommentarsektion aufzuplustern, dass das ja gar nichts sei und Ihr jeden Tag locker 250 Weine verkostet. Denn wer jenes als notwendig empfindet, hat bereits den Hintergrund des ersten Satzes nicht verstanden. Dieses Jahr empfand ich das tatsächliche Probieren von Wein als äußerst mühselig, bis schier unmöglich, da dieses gefühlt viel zu weit in den Hintergrund gedrängt worden war. Hallenweise ergeben sich, in ratloser Beklemmung resultierende, paradoxe Synergien aus Wall Street und Disneyworld, aus den grauen Herren aus Michael Endes „Momo“ und der fulminanten „Pompöös“-Serie der neuen Glitter-Kollektion von Harald Glööckler. Im benebelnden Dunst der Fahnen von Ausstellern und Gästen, sowie dem wiederkehrenden Aroma des Wurstwassers wahrlich grauslicher Hot Dogs entstanden folgende Szenen... Da schau her! Ein Quartett spielt auf Violinen und Celli im Stroboskop-Licht zur Premiere des neuen Frizzante „Fortissimo“. Sie ist halbnackt mit Avatar Body Painting und stellt trendige Spritzervariationen in Achtel Liter Dosen vor. Der Avatar auf den Stelzen hinter ihr winkt die Leute herbei. Die Flasche leuchtet im Dunkeln. Noch besser! Der Inhalt dieser Flasche leuchtet im Dunkeln. „Heute schon was Spannendes probiert?“ Hello Kitty Party Brause gibt’s jetzt auch mit Alkohol; man kann nie früh genug damit anfangen. Sie trägt ein Ganzkörper-Lederkostüm und schwingt ihre Peitsche; dabei geht’s noch nicht einmal um Domina. Der Wein ist dann super, wenn man ihn mit Pfefferminzlikör aufgießt. Der „24 Karat Blue Nun Sparkling“ hat Blattgoldflocken wie Fruchtfleisch, mit denen man sich Kronen antrinken kann. Der Typ steckt sich während der Spanien Probe rund ein Dutzend Tempura-Garnelen in die Sakkotasche; wird wohl noch ein langer Tag. „Germany‘s coolest Wines“ wurden auserkoren. Endlich! Den ang‘soffenen Hotelfach-Azubi hat‘s zwischen Halle 13 und 14 so zerlegt, dass er mit Platzwunde am Kinn heulend seinen Rucksack voll blutet, in dem sämtliche, an verschiedenen Ständen gezockten Flaschen zu Bruch gegangen sind. Dabei wollte er doch nur schnell von Joko Winterscheidt seinen Promi-Wein signieren lassen. All das im Namen des vergorenen Rebensaftes, dem wir so huldigen und gerecht zu werden uns ersehnen. Liebe ProWein, es liegt nicht an Dir. Es liegt an mir. Ich empfinde nichts mehr für diese veränderte, immer schriller scheinende Marketing-Weinwelt, aber wir können Freunde bleiben ...

Ausgabe 03/2021

Cover Meiningers Sommelier

Themen der Ausgabe

Fernbeziehung

Johannes Schellhorn und der Seehof in Goldegg

Weißes Burgund

Bezahlbarer Nachschub für die Weinkarten

Panorama

Ruwer – das leise Seitental der Mosel