Foto: Ralf Ziegler/AdLumina
Foto: Ralf Ziegler/AdLumina

Christoph Nicklas übers Zeit nehmen und Eintauchen

Hi! Aufmerksame Leser sehen es vermutlich schon: Ich bin der Neue hier. Da sind ein paar erläuternde Worte angebracht. Erst mal: So neu bin ich gar nicht. Seit rund zehn Jahren schreibe ich über Wein, Gastronomie, Tourismus und artverwandte schöne Dinge. Genauso lange besteht auch der Austausch mit Michael Hornickel, dem Vorgänger-Kolumnisten auf dieser Heftseite, in Sachen Tastings, Weinwettbewerben und stilistischen Entwicklungen. Die Idee für den Wechsel gab es schon eine Weile. Geordnete Übergabe des Staffelstabs quasi. Inhaltlich wird sich diese Seite aber verändern, sonst wär’s ja langweilig. Wir legen mit einer Herzens­angelegenheit los – und mit zwei Bekenntnissen. 

Erstens: Ich finde unsere Alltagswelt unfassbar anstrengend. Sie gleicht einer synaptischen Dauerbefeuerung – ob im Supermarkt oder Radio, am Bahnhof, auf Instagram, TikTok oder Spotify. Neuer, besser, cooler, hübscher, lauter. Ein Trend jagt den nächsten Hype, der morgen schon wieder von gestern ist. Diese Rennerei sorgt mich, denn sie lässt Menschen schnelllebiger und oberflächlicher werden. In der Psychologie und der Wirtschaftswissenschaft spricht man von „Instant Gratification“: ein sofortiges Belohnungserlebnis, unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Ständig in der Erwartung brandneuer Fotos und steigender Follower-Zahlen. Die trendigste Playlist mit einem Klick. Klamotten oder Bücher heute bestellt? Dann bitte spätestens am Tag darauf geliefert. Noch krasser der Wortlaut einer Pressemitteilung, kürzlich in meinem Postfach: eine garantierte Lieferung „unter 3 Stunden nach Eingang der Bestellung und innerhalb eines bestätigten Lieferfensters von 60 Minuten. Bei der Pre­mium-Lieferung legt sich der E-Food-Anbieter auf ein Zeitfenster von 15 Minuten fest.“ Sorry, what? Vielleicht bin ich seltsam, aber solche Sätze rufen bei mir eher Hektik und Stress als Bedürfnisbefriedigung hervor. 

Zweitens: Ich habe eine fast manische Schallplatten-Sammel­leidenschaft (deshalb mussten die hier auch mit aufs Bild). Vinyl und Wein sind Themen, die bei dieser Schnell­lebigkeit entschleunigend wirken – wenn man sich darauf einlässt und sich Zeit nimmt. Warum Vinyl? Weil man eben nicht mit wenigen Klicks Tausende neuer Songs kriegt, sondern das Einzelwerk langsam kennenlernt, eine Schallplatte nach der anderen. Das Cover studieren, die Platte aus der Hülle holen, auf den Plattenteller legen, den Tonarm auf­setzen, das Knistern, die Dreh­bewegung. All das dauert, all das hat etwas Meditatives. Ähnlich bei Wein: Man kann „Instant Gratification“-mäßig süßlichen Primitivo oder dropsige Weißweine (natürlich eiskalt und aus dem jüngsten Jahrgang) nebenbei süffeln, während man die neuste Serie streamt und parallel den Insta-Feed checkt. Man kann aber auch den Fokus ganz auf das Erlebnis richten. Sensorik an, Außenwelt aus. Ein großes Glas, vielleicht sogar ab in die Ka­­raf­­fe, die Entwicklung des Weins über Minuten und Stunden beobachten. Sich selbst auch ein bisschen mit unbekannten Rebsorten, Regionen oder Stilistiken herausfordern und in guter Ge­sell­schaft über die unzähligen Sinneseindrücke sprechen, was viel wichtiger ist als jeder Follower oder Like. Es kann so bereichernd sein, Dingen Zeit zu geben und in ihnen zu versinken. Lasst uns das nicht verlernen. Bis zum nächsten Mal! Das ist dann übrigens im November, wir haben also alle ein bisschen Zeit … 
 

Ausgabe 02/2023

Erhältlich ab 11. Januar: Weingut Schloss Schönberg // Weine vom Bodensee // Meiningers Deutscher Pinot-Preis

Themen der Ausgabe

Lust auf was Leichtes?

Da haben wir genau das Richtige für Sie. Mit dieser leicht pikant gewürzten und aromatischen Misobrühe mit Dorschfilet wickeln Sie Ihre Gäste einfach um den kleinen Finger. Der passende Weintipp darf auch nicht fehlen. Der kommt dieses Mal von Lea Rupp, die das Restaurant Mühle im gleichnamigen Hotel in Schluchsee betreibt. »Rezept und Wein verraten wir hier

Spannende See-Funde

Rund um den Bodensee wird Wein angebaut, in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Wir haben eine Rundreise gemacht und uns mit Winzerpersönlichkeiten getroffen, die mit charaktervollen und individuellen Weinen glänzen. Machen Sie sich gefasst auf eine traditionsreiche Kulturlandschaft, die durch visionäre Zukunftsideen neuen Glanz bekommt.

Schloss Schönberg

„Unterwegs auf unbekanntem Terroir“. So lautet der Claim vom jüngsten Weingut an der Hessischen Bergstraße. Rabea Trautmann und Julien Meissner sind angetreten, um mit intelligentem Handwerk, hohen Ansprüchen und einer konsequenten Qualitätsoffensive die Weine von Schloss Schönberg an die Spitze zu führen. Und das gelingt perfekt.