Christoph Nicklas ist gegen Wein-Gepose

Es gibt Dinge, die mich beim Thema Wein immer wieder krass nerven. Drei davon sind recht eng miteinander verbunden, sie drehen sich um Geld, um Standes­dünkel – und um Hypes. Ende November saß ich bei unserem alljährlichen Sommelier Summit in Deidesheim und war ebenso überrascht wie erleichtert, dass diese drei Dinge mal in großer Runde von Profis und Nerds zur Sprache gebracht wurden. Auf dem Podium saßen unter anderem die Winzer Hans Oliver Spanier und Kai Schätzel, wo sie mit Sommeliers der besten Wein-Adressen Europas über den Niersteiner Grand Cru Pettenthal diskutierten. Bei allen positiven Entwicklungen in puncto Renommee, die diese Lage verdientermaßen seit ein paar Jahren erlebt (im Vergleich zu Burgund-Grands-Crus ist sie trotzdem immer noch ein Schnäppchen), kriegt das Ganze langsam doch einen unangenehmen Beigeschmack.

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Foto: AdLumina/Ralf Ziegler

Und zwar dann, wenn reiche private Weinfans einen Großteil des Bestands direkt vom Markt wegkaufen, um ihn sich aus schierer Sammelwut in den Keller zu legen, mit den Flaschen zu protzen (danke, Instagram!) oder – noch schlimmer – damit zu spekulieren. Stichwort Sekundärmarkt. Ok, momentan konzentriert sich dieses Phänomen noch auf sehr wenige Namen wie Klaus Peter Keller oder Egon Müller, aber tatsächlich erzählten einige Sommeliers beim Summit, dass es für sie auch bei anderen Betrieben inzwischen manchmal schwierig sei, die Top-Weine in ausreichender Menge für die Gastronomie einzukaufen. Auch Hans Oliver Spanier kritisiert diese Tendenz und will reagieren, indem er etwa die Abgabemenge seiner Spitzenweine an Einzelpersonen als Endverbraucher limitiert und man noch etwas genauer verfolgt, wer wovon wie viel kauft und ob die Weine dann andernorts zu wesentlich höheren Preisen wieder auftauchen.

Ich will hier jetzt gar keine Grundsatzdiskussion über Preisentwicklungen oder Weine als Geldanlage lostreten, sondern nur subjektiv mal ein bisschen Dampf ablassen und den reichen Posern ins Gewissen texten (mit eher geringer Hoffnung, dass das irgendetwas ändert …). Wein, egal wie kultig oder selten, sollte jedem zugänglich sein, der sich dafür interessiert – und nicht in irgendwelchen elitären Kanälen versickern. Ja, ein Stück weit ist Wein ein Luxusgut, man braucht ihn nicht zum Überleben. Von seiner Geschichte und seiner Herkunft ist er aber, anders als beispielsweise teure Autos oder Designermode, kein Statussymbol. Ich habe noch keinen Winzer getroffen, der es feiert, wenn seine Weine so gehypt sind, dass sie ausschließlich von einer winzigen Klientel konsumiert werden. Im Gegenteil, sie freuen sich, wenn ihre Produkte von möglichst vielen Menschen in der möglichst passenden Situation getrunken werden – mit Freunden bei einem guten Essen in der Gastro zum Beispiel. Poser und Spekulanten nehmen sowohl den Sommeliers als auch den Gästen diese Chance, ganz egal, ob es nun um eine Top-Flasche von Keller oder Kenjiro Kagami, Roulot oder Rinaldi geht. Wie gesagt: Ich habe recht wenig Hoffnung, dass sich dieser Menschenschlag ändert. Aber wenn künftig mehr Winzer darauf achten, welche Privatkunden auf welche Art bei ihnen kaufen und was anschließend so gepostet wird, dann kann man das Phänomen vielleicht ein kleines bisschen in Schach halten. Und damit: rant over. 

 

 

Christoph Nicklas schreibt für MEININGERS ­WEINWELT, meiningers sommelier und gerne auch über den Wein-Tellerrand hinaus für fizzz und Mixology. In »Ausgabe 2/22 von MEININGERS WEINWELT ist seine Kolumne "Stoppt das Gepose!" erschienen.

Ausgabe 04/2022

Erhältlich ab 11.5.2022: Spitzen-Winzerin Theresa Breuer im Portrait // Landwein // Grape Ale und weitere Themen
Ausgabe 04/2022

Themen der Ausgabe

Thunfisch-Cornetto

Diese knalligen Waffeltüten, gefüllt mit frischen Thunfischwürfeln und Avocado sind farblich ein absoluter Hingucker und nebenbei auch noch super lecker. Sommelière Angelika Grundler empfiehlt dazu einen gut gekühlten Junmai Sake und sorgt damit für ein echtes Genuss-Erlebnis. »zu Rezept & Weintipp

Made in Germany

Landweine galten lange Zeit als Auffangbecken für nicht verkehrsfähige Weine. Doch das Blatt hat sich gewendet: Heute findet man in dieser Qualitätsstufe zahlreiche Spitzenweine aus verschiedensten Rebsorten. Geprägt von Herkunft und Individualität haben sie sich einen festen Platz in den Reihen der besten Gewächse erobert.

Spannende Kombi

Ist Grape Ale das neue Trendgetränk? Immer häufiger entschließen sich Brauereien und Weingüter zu einer Kooperation. Die Ergebnisse, die aus der Vermählung von Wein und Bier entstehen, lassen sich sehen. Grund genug, den Bier-Wein-Hybriden einmal auf den Grund zu gehen.