Dem Badischen Winzerkeller steht Ärger ins Haus (Foto: Gerold Zink).
Dem Badischen Winzerkeller steht Ärger ins Haus (Foto: Gerold Zink).

Dicke Luft im Badischen Winzerkeller 

An einer Personalie um einen Kellermeister entzündet sich ein grundsätzlicher Streit innerhalb des Unternehmens. Vorstand und Aufsichtsrat wurden aus Teilen der Winzerschaft ultimativ aufgefordert Entscheidungen zurückzunehmen. Die Details zu den Vorgängen liefert unser Korrespondent, Gerold Zink von der Badischen Zeitung.

Im Badischen Winzerkeller in Breisach herrscht dicke Luft. Badens größte Kellerei hat am Jahresende völlig überraschend Jörg Wiedemann, ihrem bekanntesten Kellermeister, einem Urgestein des Unternehmens, gekündigt. Doch gegen diese Entscheidung gibt es heftigen Widerstand. Mehrere Winzergenossenschaften, die ihre Trauben an den Winzerkeller abliefern, fordern ultimativ die Rücknahme der Kündigung. Geschäftspartner stellen  darüber hinaus eine weitere Zusammenarbeit in Frage. 
Die enorme Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel stellt auch das Breisacher Unternehmen vor große Herausforderungen. Die Discounter und großen Handelsketten diktieren ihren Lieferanten mehr oder weniger den Preis, höhere Erlöse zu erzielen, ist dabei fast unmöglich. Auf der anderen Seite steigen die Personalkosten und auch Glas, Kartonagen, Etiketten und Flaschenverschlüsse werden immer teurer. Deshalb müssen größere und auch kleinere Unternehmen die Kosten senken. Der Badische Winzerkeller versucht dies seit Jahren, jedoch mit eher mäßigem Erfolg. Im Vergleich zu ähnlich großen Kellereien der Branche sehen die Zahlen nicht besonders gut aus.

Veränderungsprozesse

Seit geraumer Zeit durchleuchtet eine Unternehmensberatung den Betrieb und gibt Ratschläge. Im vergangenen Jahr wurde die Traubengeldauszahlung an die Mitglieder deutlich gekürzt, was bereits zu einer gewissen Unruhe geführt hat. Nun stehen größere Umstrukturierungen ins Haus, 2020 wurde ein Transformationsprozess eingeleitet.
Ende Dezember gab es nun den ersten Paukenschlag. Der Betrieb hat völlig überraschend und ohne Vorgespräche Jörg Wiedemann, seinem  bekanntesten Kellermeister, gekündigt. André Weltz, seit dem 1. Januar 2021 neues geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Badischen Winzerkellers, möchte dies zwar weder bestätigen noch dementieren, doch in der badischen Weinwirtschaft pfeifen es bereits die Spatzen von den Dächern. Nun ist Jörg Wiedemann nicht irgendein Kellermeister des Breisacher Unternehmens. Er ist ein Urgestein der Firma, arbeitet dort bereits seit über 35 Jahren, leitet den Kleingebindekeller und ist vor allem für viele Winzer und Geschäftspartner der erste Ansprechpartner, wenn es um den Ausbau der Weine oder um neue Produkte geht. Zudem hat der Winzerkeller oft mit dem Können von Wiedemann geworben.
Die Breisacher Genossenschaft hat einen Großgebinde- und einen Kleingebindekeller. Im Großgebindekeller werden unter der Leitung von Kellermeister Ottmar Ruf die Weine ausgebaut, die in großer Stückzahl an die Handelsketten verkauft werden. Es dürften jährlich zwischen 20 und 30 verschiedene Tropfen sein, mit denen ein Großteil des Umsatzes erwirtschaftet wird. Im Kleingebindekeller werden bis zu 500 verschiedene Weine ausgebaut, die vor allem an Privatkunden, Fachhändler, Gastronomen und an gut zehn vollabliefernde Winzergenossenschaften gehen. Letztere veräußern sie in ihren Weinhöfen vor Ort und bessern damit die Einkommen ihrer Winzer etwas auf. 
Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, gibt es im Badischen Winzerkeller momentan zwei Fraktionen. Die eine will, dass der Kleingebindekeller komplett geschlossen wird und sich das Unternehmen völlig auf die Belieferung der großen Player im Lebensmittelhandel konzentriert, um die Kosten deutlich zu senken. Die andere sieht darin einen Verrat an den Winzern. »Die Seele des Hauses würde damit verloren gehen«, sagt ein Funktionär, der nicht mit Namen genannt werden will.

Widerstand formiert sich

In einem ersten Schritt hat sich die Spitze des Hauses unter dem zum 31. Dezember in Ruhestand gegangenen Vorstandsvorsitzenden Peter Schuster, seinem Vorstandskollegen Eckart Escher und dem Aufsichtsrat wohl darauf geeinigt, den Kleingebindekeller in den Großgebindekeller zu integrieren. Doch statt mit Jörg Wiedemann das Gespräch zu suchen, wie dies am besten gelingen könnte, wurde ihm Knall auf Fall gekündigt und ein Aufhebungsvertrag in die Hand gedrückt. Dieses Vorgehen hat in großen Teilen der badischen Weinwirtschaft nicht nur für Kopfschütteln gesorgt, sondern auch zu heftigen Reaktionen geführt.

So fordern mehrere vollabliefernde Winzergenossenschaften vom Tuniberg und aus dem Breisgau in einem Schreiben, das der Badischen Zeitung vorliegt, von Vorstand und Aufsichtsrat die sofortige Rücknahme der Kündigung, die zu »Befremden und Entsetzen« geführt habe. Jörg Wiedemann habe sich große Verdienste erworben und der Kleingebindekeller sei für alle von großer Bedeutung. »Die Weine erzielen eine erheblich höhere Wertschöpfung am Markt, was für viele Winzer eine überlebenswichtige Voraussetzung darstellt«, wird in dem Brief betont. Das Vertrauen in Vorstand und Aufsichtsrat des Badischen Winzerkellers sei auf einem Tiefpunkt angelangt. Befürchtet werde ein enormer Imageschaden. Sollte die Kündigung nicht zurückgenommen werden, behalten sich die Mitgliedsgenossenschaften vor, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Darüber hinaus haben mehrere Geschäftspartner dem Breisacher Unternehmen signalisiert, Konsequenzen zu ziehen, sollte Wiedemann nicht wieder zurückkehren. 

Keine endgültigen Beschlüsse

Das neue geschäftsführende Vorstandsmitglied André Weltz hat die Personalie Wiedemann wohl nicht entschieden, sondern quasi »geerbt«, er muss sich damit aber jetzt auseinandersetzen und die  vom Aufsichtsrat geforderten Strukturveränderungen angehen. Weltz bestätigt, dass derzeit über eine Zusammenführung von Klein- und Großbindekeller zu einer Einheit nachgedacht wird. Die Detailplanung sei aber noch nicht abgeschlossen. Solch ein Prozess könne natürlich auch immer personelle Veränderungen mit  sich bringen. Die Sache sei aber noch nicht endgültig entschieden, »wir  befinden  uns  in der Klärung«, sagte Weltz. Er wolle den Sachverhalt noch einmal genau und ergebnisoffen prüfen. So habe es bereits eine Videokonferenz mit 55 Winzergenossenschaften und ein persönliches Gespräch mit Jörg Wiedemann gegeben. Klar sei jedoch, dass »wir unsere Traubengeldauszahlung nur verbessen können, wenn wir auch Strukturen verändern«. Die Kostensteigerungen könne man derzeit am Markt nicht weitergeben. Rund 500 Weine in kleinen Chargen im Kleingebindekeller auszubauen, sei  kostenintensiv.

Weltz räumt ein, dass bei der Personalie Jörg Wiedemann »Fehler gemacht wurden«, auch in der Kommunikation. Er werde versuchen, »einen gangbaren Weg für Wiedemann und den Badischen Winzerkeller zu finden«. Noch innerhalb des ersten Quartals wolle er die Sache regeln, »denn wir müssen uns weniger mit uns selbst beschäftigen als vielmehr mit den Kunden, die derzeit gerne Wein trinken«. Es gelte, im Winzerkeller die Digitalisierung voranzutreiben, die Genossenschaft zu einem modernen badischen Unternehmen zu entwickeln, das Traubengeld zu erhöhen, die Kosten strikter zu kontrollieren und die tollen badischen Weine vor allem auch außerhalb Badens gut zu vermarkten. »Dabei den Rückhalt der Region zu haben, ist uns wichtig«, betonte Weltz. 
Rainer Zeller, Aufsichtsratsvorsitzender des Badischen Winzerkellers und Badens Weinbaupräsident, wollte sich zu der Personalie Jörg Wiedemann nicht konkret äußern. »Der Aufsichtsrat ist in engem Kontakt mit dem Vorstand und der Vorstand ist für das operative Geschäft zuständig«, sagte er lediglich. Der Transformationsprozess erfolge in enger Abstimmung.

Jörg Wiedemann selbst wollte auf Anraten seines Anwaltes kein Statement abgeben, weil es sich um ein laufendes Verfahren handele. gz