Peter H. Müller spricht Themen aus der Wein-Szene an, die ihm am Herzen liegen.
Peter H. Müller spricht Themen aus der Wein-Szene an, die ihm am Herzen liegen.

Aufbrausend

Sprudel ist nicht gleich Sprudel. Einige Dekaden, nachdem jedes deutsche Weingut einen Winzersekt haben musste – wenngleich dieser auch oftmals lediglich ein Beiprodukt der Resteverwertung war – so muss gefühlt nun jedes Weingut einen Pét Nat erzeugen.
Die Wortkombination „Pétillant Naturel“ erscheint relativ neu in den Kellerbüchern der Weinbauern Europas und der Welt und kurz darauf in hippen, kleinen Kaschemmen, in denen in zu kurzen Wurstpellhosen ganz viel Knöchel gezeigt wird, wiederum kurz darauf in den Verkostungsnotizen „namhafter“ Kritiker.
Methode Ancestrale, Methode Rurale, Petillant Naturel, etc. werden gefährlich schnell zu Schimpfwörtern innerhalb der Branche, wenn zu viel Schindluder, beziehungsweise „work in progress“ abgefüllt und für horrendes Geld mit crazy-schrägen Etiketten auf die Leute losgelassen wird.
Niemand, wirklich niemand, erfährt einen Mehrwert durch ein alkoholisches Getränk, das ausschließlich draußen und/oder über der Spüle geöffnet werden kann. Ein Getränk dessen Inhalt sich durch das schiere Öffnen der Flasche um einen Drittel reduziert und das letzte eingeschenkte Glas nichtsdestotrotz bereits keine Kohlensäure mehr in sich birgt, kann und will ich für keine Weinkarte kalkulieren.
Das ist noch nicht mal ein guter Party Trick. Noch nicht mal Punk. Das ist einfach nur daneben.
So daneben, wie es ist, sich damit zu brüsten einen Wein direkt aus der Flasche zu trinken.
Wie seiner Zeit, als es nur einige Jahre der Erkenntnis dauerte, dass nicht jeder dazu berufen war, Winzersekt zu erzeugen; und dass dies nicht nebenher zu erringen ist, sondern, ganz im Gegenteil, eine Königsdisziplin der Kleinteiligkeit ist; so trennt sich auch heute wieder die Spreu vom Weizen.
Um Weine dieser Art entstehen zu lassen, bedarf es Fingerspitzengefühl und Erfahrungswerte. Sich als Winzer zu trauen, Pét Nat zu erzeugen, reicht allein bei weitem nicht. Das sorgt lediglich dafür, dass einem reihenweise Flaschen im Keller explodieren.
Zudem steckt auch einiges an, nicht zu unterschätzender Arbeit dahinter. Akkuratesse und Akribie sind die Grundpfeiler eines guten Pét Nats – wenngleich das einige Weinbauern nicht zugeben werden. Es bedarf ebenso des Wissens um die nötige Sauberkeit.
Ja, ein Pétillant Naturel ist das Wein gewordene Äquivalent zum Tasmanischen Teufel der Looney Tunes und darf, ja soll sogar, etwas wild und aufbrausend sein – ist er doch zugleich eigentlich ein ganz Lieber. Nichtsdestotrotz soll er den Genießer doch befriedigen und ihm nicht um die Ohren fliegen.
Das sollte ausdrücklich im Sinne des Winzers sein, ist ausdrücklich im Sinne des Weinhändlers, des Sommeliers und des Trinkers.
Also richtig machen oder bleiben lassen. Wenn bei einem Gärtopf mit Sauerkraut etwas in der Gärung schief läuft, legen wir es schließlich auch nicht trotzdem auf den Teller und bezeichnen es als die neueste mikrobakterielle Innovation.
Sollte zumindest so sein.

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