2016 Forcada Familia Torres, DO Penedès, 13 %vol.
2016 Forcada Familia Torres, DO Penedès, 13 %vol.

Wein des Monats: Juli 2021

91 Punkte


2016 Forcada, Familia Torres, DO Penedès  

Für unseren Juli-Wein müssen wir ein bisschen weiter ausholen – also am besten bequem zurücklehnen, idealerweise im Liegestuhl auf der Terrasse.

Auch als Journalist in der Wein- und Genuss-Themenwelt ertappt man sich immer wieder bei stereotypen Denkmustern. Ein beliebtes Beispiel: Weine von internationalen Big Playern. „Klar, die sind önologisch und technisch top, schmecken aber quasi durch die Bank und jedes Jahr ähnlich bis gleich“, sinniert man als Schreibender nach langen Tastings mit verkaufsstarken Markenweinen. Steigt man aber etwas detaillierter in die Unternehmen und deren Sortimente ein, dann wird klar, dass der Gedankengang zu kurz greift und man obendrein viel versäumt. Wie zum Beispiel bei Familia Torres, einem großen Namen der Weinwelt, dessen Millionen-Seller wie der rote Sangre de Toro oder der weiße Viña Sol gefühlt in keinem Supermarktregal fehlen.

Der Blick auf die Zahlen ist bei Torres vor allem erst mal eines: respekteinflößend. Rund 2.000 Hektar eigene Rebflächen in Spanien und ein Weinumsatz von ca. 250 Mill. Euro machen das Familienunternehmen zu einem der zehn größten Produzenten des Landes. Hinzu kommen Projekte in Chile und Kalifornien. Dass sich Größe samt weitreichender Marktpräsenz auf der einen und Innovationsgeist samt Experimentierfreude auf der anderen Seite jedoch nicht ausschließen, beweist das Team von Torres gleich in mehreren Projekten. Während man im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit bereits seit einigen Jahren zu den angesehenen Vorreitern zählt und mit der „Torres & Earth“-Initiative unter anderem deutliche CO2- und Energieeinsparungen erreicht, sind die Bestrebungen in puncto Rekultivierung vergessener Rebsorten bislang noch weniger bekannt – aus önologischer, sensorischer und gastronomischer Sicht dafür aber umso spannender.
Bereits in den frühen 1980er-Jahren fasste Miguel A. Torres den Entschluss, alte Weinbautraditionen Kataloniens wieder aufzugreifen und machte sich daran, wurzelechte lokale Sorten zu finden und zu identifizieren. Inzwischen führen Miguel Torres Maczassek und seine Schwester Mireia Torres, die nächste Generation, das Projekt fort. Bis heute haben sie rund 50 alte Rebsorten rekultiviert, von denen aktuell sechs aufgrund ihrer guten önologischen Eigenschaften registriert und für die Weinproduktion zugelassen sind.

Unter den weißen Reben ist die Forcada der absolute Star. Im Nordwesten der Region Penedès (wieder-)entdeckt, verfügt sie über zwei Attribute, die im heißen Spanien und in Zeiten der Klimaerwärmung Gold wert sind: eine lange und späte Reifephase in Kombination mit hohem Säuregehalt. Wenn die Reben dann noch, wie im Fall des 2016ers, auf über 500 Metern und kalkig-tonigen Böden wachsen, kann das Resultat fast nur super frisch und elegant werden. 7 Gramm Säure pro Liter und ein sehr niedriger pH-Wert von 2,9 klingen eher nach einem Cool-Climate-Weißwein, und genau so zeigt er sich auch im Glas: ein animierend frischer, heller Duft, der intensiv und gleichzeitig erfreulich dezent wirkt. Aromatisch erinnert er an Granny Smith und Nashi-Birne, lässt mit seiner reduktiven Art an Hefe und Hefegebäck denken. Mit Luft kommen dann salzig-nussige Noten hinzu, etwas Honigmandeln, aber auch wieder fruchtige (Karambole, Limette) und leicht kräutrig-schotig-vegetabile Nuancen wie Erbse oder Minze. So richtig dreht er aber erst am Gaumen auf: druckvoll, sehr saftig, wie der Biss in ein knackiges, noch nicht ganz vollreifes Stück Obst. Dicht, aber nicht fett, mit einem schönen Spiel aus Schmelz und zarter Herbheit und, sein prägendstes Merkmal, einer mutigen, satten, mundwässernden Säure

All das macht ihn zu einem ziemlich genialen Sommerwein, aber er ist weit mehr als nur Terrassenstoff. Er läuft zu Gemüse in allen Facetten, ob gedünstet, vom Grill oder als Aufläufe (gerne cremig-saucig), Käsespätzle (ausprobiert und für überraschend gut befunden, da der Wein dem Gericht jegliche Schwere nimmt), puristischer Fisch- und Seafood-Produktküche oder einem Klassiker Kataloniens, Caracoles a la Llauna (gegrillte Schnecken mit Kräutern und Aïoli, die man auch hierzulande super nachmachen kann).

Für Familia Torres ist die Reben-Rettung übrigens weit mehr als eine Spielerei, sondern ein ernsthafter Lösungsansatz für die Fragen und Herausforderungen des Klimawandels. So haben viele der wiederentdeckten Sorten längere Vegetationszyklen, spätere Reifeverläufe und hohe, stabile Säurewerte. Und wenn´s dann noch derart gut schmeckt, macht man alles richtig …

Infos: www.torres.es
Preis: ca. 49,99 €
https://finewine-hamburg.de/

Ausgabe 06/2021

Württemberg in Bewegung: Moritz Haidle im Portrait // Meiningers Deutscher Sektpreis 2021 // Gigondas-Highlights
MEININGERS WEINWELT Ausgabe 6/21

Themen der Ausgabe

Tolle Knolle

Unsere Kartoffel-Lauch-Suppe kommt nicht nur mit wenigen Zutaten aus, sondern ist auch von weniger ambitionierten Köchen im Handumdrehen zubereitet. Sommelière Nina Mann präsentiert den dazu passenden Grauburgunder vom Kaiserstuhl. »Hier finden Sie Rezept & Weintipp

Kraftvolles aus Gigondas

Über 1200 Hektar Rebfläche gehören zu dem Cru Gigondas im südlichen Rhône-Tal. Die Weinberge sind größtenteils mit oft uralten Grenache-noir-Reben bestockt. In dieser Ausgabe lesen Sie über die spannendsten Winzer und Entwicklungen in der unterschätzten Region. »Hier finden Sie die Ergebnisse unserer Verkostung

Moderner Traditionalist

Früher sprühte Moritz Haidle Graffiti, hörte Hip-Hop und träumte davon, als Automobildesigner zu arbeiten. Heute leitet er eines der Vorzeigeweingüter in Württemberg. Sein Herz schlägt dabei ganz besonders für den Riesling.