Rechts neben Schloss Vollrads liegt der Greiffenberg; Foto: Schloss Vollrads
Rechts neben Schloss Vollrads liegt der Greiffenberg; Foto: Schloss Vollrads

Um- und Ausbau im Rheingau

Vermarktungsstart nach zwei Jahren. Ein klares Zeichen setzte der VDP.Rheingau mit seiner Ankündigung, die Großen Gewächse ab dem Jahrgang 2020 erst im zweiten September nach der Ernte auf den Markt zu bringen. Die Traubenadler-Betriebe bauen auf Struktur und Würze statt auf jugendliche Primärfrucht. Wilhelm Weil plant, seinen 2020er Gräfenberg im August und somit zwei bis drei Monate später als bisher zu füllen. Jedenfalls noch rechtzeitig, um das meistverkaufte Große Gewächs Deutschlands bei der Vorpremiere in Wiesbaden zeigen zu können, auch wenn der Riesling erst ein Jahr später ausgeliefert wird. Weil verspricht sich viel vom späteren Vermarktungsstart. „Die Rheingauer drücken sich generell nicht so sehr über die strahlende Frucht aus, da sind andere Gebiete vielleicht einen Tick im Vorteil. Unsere Stärke liegt in der Struktur und Würze, in Verbindung mit mittleren Alkoholwerten. Das können wir unterstreichen, indem wir den Weinen mehr Zeit geben.“ Er hofft, zukünftig einen steigenden Teil der GG-Produktion mittels Subskription verkaufen zu können.  
Perfekt funktioniert hat dieses Modell bei der Premiere des Monte Vacano, der aus einer besonderen Parzelle innerhalb des Gräfenbergs stammt. „Es war nicht unser Ziel, einen Ultra-Premium-Wein ohne Sinn über der VDP-Pyramide zu platzieren, wir wollten einen historisch begründeten Wein mit eigenem Charakter schaffen. Die Parzelle liegt am Übergang vom Gräfenberg zum Turmberg, hat einen höheren Schieferanteil als der Gräfenberg, jedoch dessen Wärme.“ Der Name geht auf eine Anekdote zurück, die inzwischen mehrfach niedergeschrieben wurde: Die Parzelle wurde aus der Mitgift der Frau von Robert Weil bezahlt, die aus der lombardischen Familie Vacano stammte. Darum hieß diese etwa einen halben Hektar große Parzelle betriebsintern Monte Vacano. Der Wein, der erst 30 Monate nach der Ernte in den Verkauf kommt, wurde als 0,75-Literflasche in Subskription angeboten und war dreifach überzeichnet. Der Rest der Produktion kommt als Magnumflasche sowie in einer 12-Liter-Flasche bei der VDP-Versteigerung im März unter den Hammer. „Die Zukunft kann für den Rheingau nur in einer konsequenten Premiumstrategie liegen“, ist Wilhelm Weil überzeugt. Teil dieses Konzeptes sind auch die beiden Ersten Lagen, Turmberg und Klosterberg, die künftig erst im September, statt im Mai, in den Verkauf kommen sollen. 

Feinherb bis leicht restsüß

Erreichen Rheingauer Rieslinge bei 10 bis 25 g Restsüße pro Liter das Maximum an Balance und Trinkfreude? Eine Arbeitsthese, die aufgrund der Heterogenität der Lagen, Mikroklimata und nicht zuletzt auch wegen der unterschiedlichen Betriebsstilistiken und -philosophien nicht allgemeingültig zu beantworten ist. Eine Nische und ein Weinprofil, das von kaum einem anderen Weinbaugebiet so glaubwürdig und stimmig bespielt werden kann, wie vom Rheingau. An Nahe, Mosel und Mittelrhein sind die Kabinettweine in der Regel deutlich süßer und geringer im Alkohol ausgebaut, Faustformel 60 bis 70 g/l, 8 bis 9 % vol Alkohol. In der Jugend deckungsgleich einsetzbar wie Gin & Tonic, entwickeln sich diese Kabinettweine nach mehr als zehnjähriger Reifung zu faszinierenden Weinpersönlichkeiten, ehe sie nach 20 oder mehr Jahren auch als Speisebegleiter Spannung und Faszination aufbauen können. Hier hat der feinherbe Rheingau Riesling oder der Rheingau Kabinett mit moderater Restsüße einen großen zeitlichen Vorteil. Die vielfach eher verhaltene Fruchtigkeit und ausgeprägte Kräuterwürze macht diesen Weintypus viel schneller und vielseitiger im Food-Pairing einsetzbar. 
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Weine von J.B. Becker in Sommelier­kreisen großer Beliebtheit erfreuen: traditionelle Handschrift, trocken bis mit moderater Restsüße ausgebaut und zudem in gewisser Jahrgangstiefe erhältlich. Rieslinge wie der 2015 Wallufer Oberberg Kabinett halbtrocken sind mit einer Süße von 15 g/l und weniger als 12 % vol Alkohol sofort als Speisebegleiter einsatzbereit. Ganz gleich ob Spätlese halbtrocken, Kabinett halbtrocken oder Kabinett restsüß, ob es sich um ein wärmeres Jahr wie 2015 oder ein kühles Jahr wie 2017 handelt: Die restsüßen Becker’schen Wallufer Rieslinge bewegen sich analytisch in einem relativ engen Korridor von 15 bis unter 30 g Zucker und knapp 11 bis 12 % vol Alkohol. Herkunft und Handschrift greifen stimmig ineinander, keine strahlenden, spektakulären Weine, jedoch vielseitig einsetzbare Speisebegleiter. Seit 2008 im Anbau biozertifiziert, setzt Becker bei seinen trockenen wie restsüßen Weinen auf ein ausgedehntes Hefelager bis kurz vor der nächsten Ernte. Dann werden die Weine gefüllt, um die Fässer für den neuen Jahrgang zu leeren. Auf diese Weise entwickeln die Rieslinge von Hans-Josef, genannt Hajo Becker ihre von vielen Fans gefeierte Langlebigkeit. Obwohl er auch sehr eigenständige trockene Weine erzeugt, sind seine dezent restsüßen Rieslinge vielleicht das beste Beispiel für diesen USP des Rheingaus.

Ein Trio für Balthasar Ress:  Stephan Sänger, Oliver Schmid und Christian Ress; Foto: Balthasar Ress
Ein Trio für Balthasar Ress: Stephan Sänger, Oliver Schmid und Christian Ress; Foto: Balthasar Ress

Zwei reizvolle Aspekte bringt Balthasar Ress bei seiner Ortswein-Linie zusammen. Vier Rieslinge, je zwei eindeutig trocken (Oestrich und Rüdesheim) und moderat restsüß (Hallgarten und Hattenheim) ausgebaut, zudem in einem für die Gastronomie attraktiven Preissegment angesiedelt, doch das gilt ohnehin für die meisten Rheingau-Rieslinge dieses Profils. „Wir haben unsere Ortsweine von Anfang an so positioniert und bestimmte Herkünfte mit den geeigneten Weinstilen verknüpft. Oestrich und Rüdesheim sind immer trocken, wobei speziell der Rüdesheimer die Mineralität des Rüdesheimer Bergs zeigen soll, das funktioniert besser bei richtig trockenen Weinen. Umgekehrt passen die fetteren Böden von Hattenheim und Hallgarten besser zu der fruchtbetonten, restsüßen Stilistik. In Hallgarten, wo unsere Weinberge bis 360 Meter Höhe reichen, kommt noch die Kühle und das rassigere Säurespiel hinzu.“ Christian Ress hat seit Jahren Erfolg mit den restsüß ausgebauten Rieslingen, jedoch vor allem im Ausland. Eine Aussage, die von vielen Winzern immer wieder zu hören ist. „BR“ steht für Dynamik und Bewegung. Diese Entwicklung setzte sich auch nach dem Abschied von Dirk Würtz Mitte 2018 fort. „Das neue Team, bestehend aus Oliver Schmid und Stephan Sänger, ergänzt sich optimal. Der eine, Oli, macht vieles intuitiv, aus dem Bauch heraus, der andere, Stephan, geht sehr analytisch und exakt vor“, freut sich Ress. Zudem wurde mit dem Jahrgang 2019 die Biozertifizierung abgeschlossen. Nach Jahren des Experimentierens und auch des Aufbrechens von Verkrustungen zeigen die aktuellen Weine viel Präzision und Gleichgewicht, in puncto Alkohol eher auf der leichteren Seite, mit mittlerer Konzentration. Geblieben ist aus der Würtz-Ära die sogenannte Black-Edition mit dem maischevergorenen Orange Riesling oder den lange auf der Hefe gereiften Rieslingen mit der Ziffer („23“; „32“) auf dem Etikett, die angibt, wie lange der Wein auf der Hefe gereift ist, bevor er gefüllt wurde. „Diese Weine bleiben im Sortiment, sie haben eine treue Fangemeinde, hauptsächlich in Deutschland und in Dänemark“, so Ress. 

Stefan Doktor und das Goldlack-Stückfass; Foto: Heroes of Riesling
Stefan Doktor und das Goldlack-Stückfass; Foto: Heroes of Riesling

Balthasar Ress kann man zweifellos als Traditionsbetrieb bezeichnen, auch wenn im vergangenen Jahr „erst“ das 150-jährige Jubiläum gefeiert wurde. Das ist kein Vergleich zur Historie von Schloss Johannisberg als dem ältesten Rieslingweingut der Welt, oder Kloster Eberbach mit seinen neun Jahrhunderten Weinkultur. Auf Schloss Johannisberg wird seit 1200 Jahren Wein angebaut, seit 1720 wächst auf dem 50 Hektar großen Quarzithügel ausschließlich Riesling. Wenn für eine Stilistik die Begriffe zeitlos und traditionell zutreffen, dann auf die von Schloss Johannisberg. Bereits der Gutswein 2019 – seit Jahren als Gelb­lack bezeichnet – weist eine bemerkenswerte Fülle und Stoffigkeit auf. Die Gliederung des Sortiments nach der Farbe der Lacke hat eine lange Historie, die im vergangenen Jahr eine bedeutende, aber logische Veränderung erfuhr. Die hochwertigsten trockenen Weine bedienen sich der Farben Bronze, Silber und Gold. Da kommt ein wenig der olympische Gedanke des Geschäftsführers Stefan Doktor zum Tragen, der als Rodler noch immer dem Leistungssport verbunden ist. Sich messen mit den Besten, das ist das Ziel von Schloss Johannisberg. Während sich der Bronzelack auf der Stufe der Ersten Lagen einsortiert, was bei einer Monopollage natürlich nur im auf die Qualität übertragenen Sinn möglich ist, geht der Silberlack seit vielen Jahren als Großes Gewächs ins Rennen. Neu ist der Goldlack. In einem Stückfass aus Johannisberger Eiche reift der Riesling zwei Jahre oder länger in der „Bibliotheca Subterranea“, eine Etage unter dem eigentlichen Weinkeller, ehe er in Flaschen gefüllt und verkauft wird. „Der 2017er, der erste Jahrgang dieses Weins, war in kürzester Zeit ausverkauft“, freut sich Doktor und beschreibt die Ausbauweise: „Nach sechs Monaten erfolgte der Abstich und danach lag der Wein für 24 Monate bei konstant 10 °C 8,5 Meter unter der Erde, in diesem 1100 Jahre alten Keller. Der Einfluss auf den Wein ist schwer zu beschreiben, aber er ist schmeckbar.“ Die Methode, so Doktor, sei nicht neu: „Das wurde schon vor 100 Jahren so gemacht. Nur erreichen wir heute dank der neuen Möglichkeiten der Kommunikation jene Menschen, die Spaß an solchen Weinen haben.“ Wie Weil setzt auch Johannisberg auf das Mittel der Subskription, um diesen Ultra-Premiumwein zu verkaufen. Und auch für den Silberlack wird der Vorabverkauf in Zukunft eine größere Rolle spielen, wenn der Verkaufsstart der GGs im Rheingau ein Jahr nach hinten geschoben wird. Anders als Weil will Doktor die Chance nutzen, den Silberlack deutlich länger, weit über den Sommer hinaus, im Fass auf der Feinhefe reifen zu lassen. 

Tradition im Wandel

Zur Riege der Weine aus Großer Lage zählt bei Schloss Johannisberg auch der Rotlack Kabinett. „Wir waren die ersten, die das auch preislich so umgesetzt haben. „Maischestandzeit, Kalkmazeration und Schalenkontakt sind wichtig, damit die Frische nicht nur über die Säure, sondern durch die Gerbstoffe auch über die Haptik im Mund transportiert wird.“ Vorsicht ist geboten bei der Wahl der Fässer: „Wir verwenden für den Rotlack nur Fässer, die keine malolaktische Gärung gemacht haben. Das wäre beim Kabinett kontraproduktiv, anders als beim Großen Gewächs, bei dem der Säureabbau ein tolles geschmackliches Element ist.“ Eine Faustformel hinsichtlich Süße gibt es beim Rotlack nicht: „2017 war ein grandioses Jahr mit hoher Säure. 2018 dagegen hat weit weniger Säure und muss darum deutlich trockener sein, um die gleiche Balance zu erreichen.“ Doktor ist von der Klasse des Rotlacks als Speisebegleiter überzeugt und möchte dies künftig auch in der Schlossschänke zeigen, die seit 1. Oktober unter eigener Regie geführt wird und auf das Ende des Lockdowns wartet. „Zum Roastbeef mit Balsamico und grobem Salz funktioniert der Rotlack 2017 perfekt. Die Süße und Säure des Weins puffern das Protein und Umami des Essens, der Wein mit seinen 27 g Restsüße und 9 g Säure schmeckt in der Kombination nahezu trocken.“ Zum Konzept sollen künftig auch Galloway-Rinder gehören, die auf den Wiesen unterhalb des Schlosses bis zur Schlachtreife das Leben genießen dürfen.  
Nicht nur personell hat sich bei Schloss Vollrads in den vergangenen Jahren viel getan. Der langjährige Gutsverwalter Dr. Rowald Hepp hat sich in den Ruhestand verabschiedet und Betriebsleiterin Christina Müller ist in den Finanzsektor abgewandert. Ihre Positionen haben Ralf Bengel und Christian Cavallo, der wie Müller in Geisenheim studierte, übernommen. Gemeinsam wurde in den vergangenen Jahren noch das trockene Top-Segment komplett umgekrempelt. Zum klassischen GG aus dem Schlossberg gesellte sich mit dem Jahrgang 2017 der Greiffenberg. Es handelt sich um eine Gewanne innerhalb des Schlossbergs, etwas steiler als der restliche Teil der Lage und mit einem kiesigeren Untergrund, wie Ralf Bengel erklärt. 2017 ist der erste Jahrgang des Greiffenbergs, genau wie beim Goldlack von Johannisberg. „Die Weine aus dieser Parzelle brauchen immer besonders lang beim Ausbau, darum haben wir beschlossen, ihm diese Zeit zu geben.“ Zwei Jahre darf der Riesling aus dem Greiffenberg in Stückfässern reifen, bei der spontanen Vergärung werden auch 5 bis 10 Prozent Beeren mitvergoren, die dem Wein ein stabiles Tanningerüst verleihen. Einen ganz anderen Ansatz wählte das Team beim Riesling „1211“, wie Bengel erläutert: „Wir wollten den bestmöglichen Riesling aus unseren vier Toplagen Schlossberg, Greiffenberg, Hasensprung und Jesuitengarten erzeugen, limitiert auf maximal zwei Stückfässer. Während sich im trockenen Sektor bei Vollrads viel verändert hat, hält das Weingut im Kabinett-Bereich eisern an seiner Tradition fest. Schließlich sei der Kabinett auf Vollrads erfunden worden, wovon eine Rechnung aus 1716 zeuge, die damals von einem Maurermeister für das Abmauern des Cabinet-Kellers an die Besitzer des Schlosses ausgestellt wurde. Insgesamt vier Kabinett-Rieslinge werden hergestellt, von trocken über feinherb bis restsüß. Auch das Thema Reife wird bespielt, zum Beispiel mit einem Kabinett 2014, der 2018 gefüllt wurde und aktuell im Verkauf steht. In den Augen von Bengel schon jetzt ein idealer Speisebegleiter: „Der Trend ist in Deutschland zwar noch nicht wirklich angekommen, aber wir stoßen mit solchen Weinen in eine Nische, die andere Weinbauländer nicht bedienen können.“ 

Schloss Vollrads, Robert Weil, Schloss Johannisberg – mehr Tradition und Historie geht kaum. Kloster Eberbach nicht zu vergessen, dessen Weine sich aktuell leider nicht ganz mit dem Niveau der anderen drei Betriebe messen können. Doch wie sieht es aus mit Newcomern? In Rheinhessen, der Pfalz oder Württemberg – überall mischen junge Betriebe das Establishment auf, setzen neue Strömungen in Bewegung. Und im Rheingau?

Als erstes denkt man an Eva ­Fricke. Doch die zählt inzwischen zu den Aushängeschildern. ­Newcomerin, das war vorgestern. Mit einer ganz eigenen Handschrift, strahlender Frucht, feinem Säurespiel, gut eingebundener Restsüße und ausdrucksvoller Mineralität, insbesondere bei Weinen wie dem Seligmacher, gelang es ihr, auf internationalem Parkett zu einer festen Größe zu werden. Zwischenzeitlich verkaufte sie rund 30 Prozent ihrer Produktion in die USA. Dann kamen Trump und Corona und zwangen die Winzerin, die sich vor 17 Jahren mit ihrem Weingut selbstständig gemacht hat, fast in die Knie. Zum Glück konnte sie diese Krise meistern, denn die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung sind geschaffen. Die vollzogene Bio-Umstellung eines Teils ihrer Weinberge habe bei ihr zu einer ganz anderen, eher philosophischen Sichtweise auf die Weinproduktion geführt. „Der Ego-Gedanke, das Sich-darstellen-Wollen, einen Wein nach dem eigenen Geschmack zu erzeugen, sind ganz anderen Dingen gewichen. Heute geht es um 100.000 Details, um ganz viele kleine Elemente, um den Ausdruck des Weinbergs.“ Außerdem ist es ihr gelungen, einige der früheren Schloss-Eltz-Weinberge in Eltville zu pachten, doch das möchte sie nicht an die große Glocke hängen und auch keinen eigenen Wein daraus kreieren. Erst einmal die Parzellen kennenlernen, sich ran­tasten. So sind diese Trauben heute Teil ihres Rieslings Mélange 2019, der sich auf dem Niveau der besten trockenen Rieslinge des Rheingaus bewegt, mit etwas mehr fruchtigem Schmelz als beim puristischen Seligmacher.

Die Zukunft

Ein zweiter Name, der bei der Suche nach neuen Gesichtern unweigerlich fällt, ist der von Jörn Goziewski. Er sorgte dafür, dass sich die Naturweinszene plötzlich für die Ankermühle interessierte. Die hat sich inzwischen auf die Produktion von Wermut, Bienenprodukten und Kulinarischem verlegt, während Jörn Goziewski die Weinproduktion – zum Teil auf den gleichen Flächen – unter eigenem Namen weiterführt. Sein großes Thema ist die Maischegärung, mittels der er speziell in der Lage Hasensprung ausdrucksstarke, eigenständige Weine keltert, die er erst nach einigen Jahren Reifezeit in Fass und Flasche auf den Markt bringt. So sind aktuell Rieslinge aus 2013 bis 2016 erhältlich, ausgebaut im Barrique, Tonneau oder Stückfass, deutlich oxidativ und dennoch mit großer Frische und Spannung am Gaumen, voller nussiger Länge und kräutriger Würze. Dass er sich in kein Schema pressen lässt, zeigt sein 2015er Riesling aus dem Schlossberg in Rüdesheim, der mit 15% vol und extrem milder Säure ein ganz anderes Register bespielt. Zufall? Unfall? Laune der Natur? Nein, pure Absicht. „Ich bin ein großer Fan der Weißweine aus dem Rhonetal. Ich dachte mir, so eine Stilistik müsste man auch in Rüdesheim hinbekommen.“ Inzwischen hat der Winzer seine Haupttätigkeit jedoch nach Thüringen verlegt, wo er u. a. für die Klosterkammer Erfurt ein Weingut aufbaut. Aus diesem Grund lässt er die Weinberge im Rheingau seit 2019 bewirtschaften, die Trauben werden nach der Ernte nach Erfurt transportiert und dort verarbeitet. „Wenn das mit der Bewirtschaftung weiter so gut funktioniert wie bislang, werde ich mit den Rheingauer Weinen auch weitermachen“, ist Goziewski optimistisch, dass sein Spagat aufgeht.

Echte Newcomer: die Brüder Marcel und Marius Dillmann; Foto: Woody T.Herner
Echte Newcomer: die Brüder Marcel und Marius Dillmann; Foto: Woody T.Herner
Qualitativ schon weit vorne:  Pascal Sohns; Foto: Woody T.Herner
Qualitativ schon weit vorne: Pascal Sohns; Foto: Woody T.Herner
Mischsatz und Roter Riesling sind  Spielwiesen von Sebastian Hanka; Foto: Michael von Haugwitz
Mischsatz und Roter Riesling sind Spielwiesen von Sebastian Hanka; Foto: Michael von Haugwitz

Personell komplett neu aufgestellt hat sich die Schamari Mühle, deren Leitung Thomas Grundler 2019 übernommen hat. Rund ein halbes der insgesamt fünf Hektar Weinberge befindet sich in Lorch und Assmannshausen und dient dem Anbau von Spätburgunder, Steckenpferd des Vorbesitzers Eric Andersson. Grundler will den guten Ruf des Rotweins pflegen, sich ansonsten jedoch der Erzeugung feinfruchtiger, frischer und nicht zu schwerer Rieslinge widmen. Auch ein Rheingau Großes Gewächs, offiziell RGG abgekürzt, aus dem Geisenheimer Kläuserweg, hat er im Repertoire. 
In der gleichen Lage erzeugt auch das Weingut Sohns sein RGG, von dem aktuell noch der Jahrgang 2018 erhältlich ist und der mit feiner Reife und einer guten Balance aus Frucht und Würze überzeugt. Terroirbedingt leichtfüßiger, pikanter und mineralischer, mit ausgeprägter schiefriger Würze, zeigt Pascal Sohns Seligmacher, dass die Renaissance von Lorchhausen nicht aufzuhalten ist. Der Winzer betreibt das Weingut in vierter Generation mit seiner Frau und seinen Eltern. Vor vier Jahren ist der Betrieb ausgesiedelt, ein großes Projekt, das erst einmal verdaut werden musste. „Darum haben wir Fragen wie die Bio-Umstellung erst einmal nach hinten geschoben. Vielleicht starten wir mit der Umstellung in diesem Herbst“, will sich Sohns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Herbizidfrei arbeitet das Weingut schon seit Jahren. Wie bei den meisten Newcomer-Betrieben steht die klassische, leicht restsüße Rheingau-Stilistik auch bei Sohns nicht im Mittelpunkt. „Ich mag lieber die richtig trockenen, kernigen Weine.“ Dennoch pflegt er diese Nische, zum Beispiel mit dem Kläuserweg „Alte Reben“, der mit leichter Restsüße ausgebaut wird.  
Ein weiterer Name, der gut in das Jungwinzerschema passt, ist Sebastian Hanka, der nach seiner Ausbildung 2013 in den Familienbetrieb eingetreten ist. Seit Part: Das Weingut mit Innovationen fit für die Zukunft machen. Im Oestricher Doosberg hat er 2015 einen Mischsatz auf 0,2 Hektar angepflanzt. Der Wein, der daraus entsteht, trägt den Namen „Zurück in die Zukunft“ und sprüht nur so vor Aromen, Frucht und Fülle, jedoch keineswegs ausladend oder zu fett. Vor allem die im Mischsatz enthaltenen Aromasorten drücken den Wein sensorisch ihren Stempel auf. Weniger duftig, jedoch mit ähnlicher Intensität zeigt sich der Rote Riesling im Glas, der im Jahrgang 2014 erstmals abgefüllt wurde. Dennoch bleibt der Riesling mit einem Anteil von fast 80 Prozent die dominierende Rebsorte im Betrieb. Intensive, trockene und fruchtbetonte Weine kennzeichnen Hankas Handschrift.  
Intensiv und fruchtbetont passt auch zu Dillmann. Online-Weinproben mit elektronischer Musik – die Brüder Marcel und Marius Dillmann erfüllen nicht nur mit diesem kreativen Vermarktungsweg in Corona-Zeiten das Image der „jungen Wilden“ vielleicht am besten von allen Rheingau-Betrieben. Sie machten aus dem Neben­erwerbs- einen Vollerwerbsbetrieb. 2014 stieg zunächst Marcel nach seinem Studium in Weinsberg zuhause ein, ehe dann auch Marius, der eigentlich Sportwissenschaften in Mainz studierte, die Freude am Winzerberuf entdeckte. Er bringt sich seit 2017 voll mit ein. „Vor fünf Jahren habe ich mit drei Hektar angefangen, heute bewirtschaften wir 10,5 Hektar, mit Traubenzukauf kommen wir auf knapp 13 Hektar“, erklärt Marcel Dillmann. „Zum Glück gibt es immer wieder Gelegenheiten, an gute Pachtflächen zu kommen, wie zuletzt durch den Rückzug von Graf Schönborn, als auf einen Schlag 30 Hektar auf den Markt kamen.“ Die Tür ist offen im Rheingau für junge, motivierte Winzer, der Rest ist nur eine Frage der Zeit. Text: Sascha Speicher