Lowered Expectations

Eine Sketch-Reihe von Mad TV drehte sich um die Partnerschaftsvermittlung „Lowered Expectations“, in der Personen vermittelt wurden, die – um es vorsichtig zu sagen – nicht den gängigen Klischees eines Traumpartners oder einer Traumpartnerin entsprachen.

Wenn davon gesprochen wird, was man vom Konsumenten erwarten können sollte, muss ich an die Lowered Expectations denken, denn man kann vom Kunden nichts erwarten. Ich sage sogar, man darf nichts vom Kunden erwarten. Für eine Sekunde sollten wir Weinliebhaber uns in die Rolle eines Weinunkundigen begeben, und wir stellen fest: Der Kunde MUSS NICHTS. Der Kunde KANN. Ja, er muss trinken. Er kann sich aber auch für Bier, Cider, Alkopops, Saft, Limonade oder Wasser entscheiden. 

Zu erwarten, dass der Verbraucher Produktkenntnis aufbaut, ist einer Hybris geschuldet. Ja, es wird Menschen geben, die das tun. Diese Weinliebhaber zu umwerben, ist sinnvoll, da sie erstens bereit sein werden, mehr Geld für Wein auszugeben, und zweitens als Multiplikatoren andere Menschen für Wein begeistern können. 

Zu erwarten, dass sich jeder Konsument wie ein Weinliebhaber verhält, ist genauso ignorant, wie wenn ein Banker erwarten würde, dass ein Bauarbeiter oder am Ende gar ein Winzer zur Arbeit ebenfalls Anzug und maßgeschneiderte Schuhe tragen sollte.  
 

Clemens Gerke, stv. Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Clemens Gerke, stv. Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Wenn man damit nicht glücklich ist, dass es auch Mainstream-Weine und Kunden ohne Produktkenntnis gibt, muss man sich fragen, was die Konsequenzen wären, wenn es diese nicht gibt. Da eine zwanghafte Erziehung zu Weintrinkern wohl nicht realistisch ist, wäre ein Verbot des Mainstream-Weins die gangbarere Alternative. 

Aber will man wirklich eine Elitisierung des Weins, die dazu führt, dass 90 Prozent der Weinberge aufgegeben werden? Vor allem wozu? Damit 99 Prozent der Bevölkerung sich noch besser über die dann 1 Prozent der Weintrinker lustig machen können? Weil dann 90 Prozent der im Weinbau Tätigen in eine andere Branche wechseln müssten? Um bestehende Kulturlandschaften zu zerstören?

Es tut Wein sehr gut, dass er in der Mitte der Gesellschaft steht und nicht nur ein elitäres Produkt ist. Ebenso tut es ihm sehr gut, wenn junge, urbane Menschen ihn in Weinbars feiern. Robert Mondavi hat das sehr gut verstanden, als er die Marke Woodbridge kreierte. Für ihn war es wichtig, dass es neben seinen für viele unbezahlbaren Ultra-Premium-Weinen auch Weine für den Alltag gibt. Auch Mouton Cadet aus dem Hause Baron Philippe de Rothschild zielte in diese Richtung.

Beiden gemein ist, dass sie mehr Erzeugermarken als Herkunftsmarken sind. Herkunftsmarken zu profilieren, ist mit das schwerste Marketing-Unterfangen. Man denke nur daran, dass „Made in Germany“ ursprünglich als eine Negativ-Image-Kampagne Großbritanniens startete. Der exzellente Image-Erfolg der Großen Gewächse beruht letztlich darauf, dass sie mehr eine Erzeuger(-vereinigungs)-marke waren als eine Herkunftsmarke. 

Mondavi und Mouton Cadet verbindet noch etwas. Sie akzeptieren die Menschen, die sich bei Lowered Expectations vorstellen. Beide stellen keine Erwartung an den Kunden, sie akzeptieren, dass der Kunde Erwartungen an ihre Marke stellt.
 

Ausgabe 18/2021

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 18/2021

Themen der Ausgabe

Top-Trends Italien

Nachgefragt: Was sind die wichtigsten Wein-Trends aus Italien im deutschen Fachhandel?

Große Gewächse Teil I

Im ersten Teil präsentieren wir die besten Rieslinge, die bei der GG-Vorpremiere in Wiesbaden verkostet wurden

Verpackung

Alle reden von Nachhaltigkeit. Die Verpackungsbranche hat sich deshalb viele kreative Lösungen einfallen lassen