Glauben und Wissen

Glauben Sie an Kuhhörner? Ich gebe zu, dass es mir aufgrund dieser und manch anderer Praktiken sehr schwerfällt, biodynamischen Weinbau ernst zu nehmen. Wofür braucht es ausgerechnet ein Kuhhorn, um die bodenverbessernde Mischung in den Weinberg einzubauen? Gleichwohl ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass bio-dynamisch arbeitende Weingüter meine Skepsis mit sehr guten Weinen erschüttern. 

Allerdings ist es nicht so, dass die Erklärungen der Bio-Dynamiker mich überzeugen würden. Wahrscheinlich verstehen die wenigsten von ihnen selbst zu 100 Prozent, wieso ihre Maßnahmen wirken sollen. Bei aller Skepsis haben mich die Bio-Dynamiker allerdings davon überzeugt, dass ihr Weg ein sehr guter ist für die Qualität der Weine und für die Lebendigkeit des Bodens. 

Tatsächlich sind Demeter-Produkte für mich die einzigen, bei denen ich nicht im Leisesten den Verdacht des Greenwashings habe. Wer sich diese Mitgliedschaft antut, ist Überzeugungstäter. Sicher ist auch in anderen Bio-Verbänden die Zahl derer, die nur aus ökonomischen Gründen auf biologischen Anbau umgestellt haben und sich stärker an der Einhaltung der Mindestkriterien als an dem ökologischen Nutzen orientieren, überschaubar. Gerade in Deutschland ist Bioweinbau selten ökonomischer als konventioneller.

Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Allerdings steckt jeglicher ökologischer Anbau in der gleichen Argumentationsfalle. Ist der vollständige Verzicht auf chemische Mittel, der sicherlich für manche Pflanzen und Tiere positiv ist, auch für das Gesamt-Ökosystem Weinberg von Vorteil? Umgekehrt müsste die Frage lauten: Ist konventioneller Weinbau mit moderatem Einsatz nicht-biologischer Mittel für den Weinberg auf lange Sicht besser? Ich glaube, dass wir frei nach Sokrates wissen, dass wir nichts wissen. 

Auch wenn sich das Wissen in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen immer weiter vertieft hat, bleibt doch der Punkt, an dem jedes noch so klug aufgestellte theoretische System nicht ausgeklügelt genug ist. Viele Pflanzenschutzmittel schienen absolut sinnvoll und ungefährlich zu sein und wurden später doch untersagt, weil Nebenwirkungen auf das Öko-System nicht genügend bedacht wurden oder unbekannt waren.

Wer sich die Studien zu positiven und negativen Auswirkungen von Weinkonsum durchsieht, wird zur Erkenntnis kommen, dass es wenig Klarheit gibt. Auch die vermeintlich positive Wirkung der Resveratrole stand unter dem Vorbehalt, dass die dafür erforderliche Menge erst in mehreren Litern Wein enthalten wäre, sodass die schädliche Wirkung des Alkohols alles andere vernichten würde. Auch hinter der positiven gesundheitlichen Wirkung der mediterranen Ernährung inklusive Wein steckt also mehr Glauben als Wissen. Zudem gibt es wissenschaftliche Skeptiker, die einen positiven Zusammenhang komplett verneinen. 

Im Weinberg sieht die Lage ähnlich unklar aus. »Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist«, sagt Paracelsus. Ob der praktizierte Einsatz im konventionellen Weinbau so moderat ist, dass er kein Gift für das Gesamtsystem ist, bleibt für mich genauso ungewiss, wie die Frage, wie schädlich der Kupfer-Einsatz bei vielen Bio-Winzern ist. Auch hinter dem Verbot von Kaliumphosphonat im Bio-Weinbau steckte letztlich weit mehr eine Glaubensfrage als begründetes Wissen.

Ich finde, dass es uns in der Weinwirtschaft gut steht, wenn wir ohne Dogmen argumentieren, sondern schauen, was wirklich zielführend ist. Kein Winzer hat ein Interesse daran, den Boden langfristig zu schädigen, insofern sollte er offen sein für alle Methoden, die den Weinberg als gesundes Ökosystem erhalten und aufbauen. Für mich heißt das, dass wir weiter Wissen aufbauen müssen, aber auch ganzheitlich denken müssen und weder den moderaten Einsatz konventioneller Mittel noch Kuhhörner vollkommen aus unserer Denkwelt ausschließen sollten. So sehr ich auch fürchte, dass viele Nachhaltigkeitsanstrengungen nur Marketing und Greenwashing sind, so wichtig sind die unvoreingenommen Ansätze der Nachhaltigkeit für die Zukunft.

Ausgabe 13/2022

Themen der Ausgabe

Alkoholfrei

Das Segment wächst rasant und bietet dank Lohnunternehmern auch kleinen Erzeugern eine Chance

Prosecco

Das Konsortium wettet auf anhaltenden Erfolg und sichert sich zugleich ab

Portugal

Abseits von Portwein und »hinter den Bergen«. Der kleine Nachbar von Spanien hat einiges zu bieten