Alexandra Wrann, Chefredakteurin WEINWIRTSCHAFT
Alexandra Wrann, Chefredakteurin WEINWIRTSCHAFT

German GG

Der deutsche Weinmarkt ist groß. Rund 9 Mill. Hektoliter Wein werden pro Jahr produziert. Dahinter stehen zahlreiche kleine Erzeuger, große Kellereien, Genossenschaften. Eine spezielle Position nimmt der Verband deutscher Prädikatsweingüter (VDP) mit seinen rund 200 Weingütern ein. Dabei steht der Verein quantitativ für nur etwa 3 Prozent der deutschen Weinproduktion. Sicher gibt es eine Menge Erzeuger, die – gewollt oder ungewollt – nicht Mitglied im VDP sind. Die hervorragende Weine produzieren, ganz ohne das Konstrukt um Gutswein, Ortswein, Großes Gewächs.

Trotzdem bekommt der VDP mit der sogenannten Vorpremiere, der alljährlichen Vorstellung der neuen Großen Gewächse in Wiesbaden, eine Menge nationaler und internationaler Aufmerksamkeit. Rund 170 Verkoster aus 22 Ländern, lässt der Verband selbst wissen, reisten dieses Jahr in die hessische Landeshauptstadt, um drei Tage am Stück die neuen Releases zu probieren, zu bewerten, zu berichten.

Wie rechtfertigt sich das Spektakel um eine Verkostung von Weinen, die nur 3 Prozent des Produktionsvolumens (und ca. 10 Prozent des Werts) darstellen? Um die Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des VDP. 1910 schlossen sich vier Regionalverbände zusammen zum »Verband Deutscher Naturweinversteigerer«. Der Begriff »Naturwein« hatte seinerzeit freilich eine gänzlich andere Konnotation als heutzutage. Was aber damals wie heute gilt, ist der Fokus auf die »Versteigerer«. Klares Ziel sollte die Verkaufspromotion hochwertiger deutscher Weine sein. Durch zwei Weltkriege setzt sich das Konzept, vielen Widrigkeiten zum Trotz, fort. Long Story short: Der VDP hat stets darauf gesetzt, deutschen Wein im Rahmen von Versteigerungen zu Höchstpreisen und damit zu Weltruhm zu verhelfen. 

»Die alljährliche Ver­kostung in Wiesbaden ist ein, wenn nicht DAS degustative Highlight«

Kritik am VDP fand und findet stets statt und ist natürlich auch erlaubt. Welchem Vorwurf der VDP sich jedoch nicht aussetzen muss, ist der, sich nicht um das Image des deutschen Weines in der Welt bemüht zu haben. Dass deutscher Wein, auch über Jahrzehnte schlechten Images hinweg, stets Absatz in den wichtigsten Märkten der Welt fand, ist sicherlich auch ein Verdienst eben dieses Vereines. Das »German GG« (sprich: Dschi-dschi) ist international zu einer Marke geworden, die für die höchste Weinqualität aus Deutschland steht.

Niemand muss sich mit den Klassifikationen der Weine, mit der Lagen-Einstufung, mit dem Getue, das um ein paar der Weine selbst in einigen Kreisen betrieben wird, einverstanden erklären. Was aber jeder, der in der Weinbranche heute tätig ist, zumindest anerkennen muss, ist, dass der VDP mit Konstanz und Fokus, mit strengen Richtlinien und viel PR-Arbeit einen mehr als wesentlichen Beitrag zum Image des deutschen Weins in der Welt geleistet hat und weiterhin leistet.

Auch die Verkostung selbst kann mit Fug und Recht als die wohl bestorganisierte der deutschen Weinszene gelobt werden. Ja, es geht vorrangig um Punkte, Bewertungen, um die Frage: Wie gut kommen die Weine bei den professionellen Verkostern an? Gleichzeitig ist die alljährliche Verkostung in Wiesbaden ein, wenn nicht DAS degustative Highlight für jeden geladenen Gast. Niemals sonst bekommt man eine derartige Dichte an nahezu perfekten Weinen ins Glas, kann sich ein umfassendes Bild vom aktuellen Jahrgang machen, kann mit Kollegen aus aller Welt fachsimpeln. Das kostet den Verband viel Geld, das aber meiner Ansicht nach sehr gut investiert ist. Denn letzten Endes leistet der VDP – obwohl er nur für 3 Prozent der Produktion steht – mit seiner aufwendigen Vorpremiere einen enormen Dienst für die gesamte deutsche Weinbranche.

Auch wir haben uns natürlich, wie jedes Jahr, ein Urteil erlaubt. Das gibt es, zunächst für die Rieslinge, ab Seite 66 der Ausgabe 18/2022 zu lesen.

Ausgabe 19/2022

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