Kalk, Höhe, alte Reben:  In der Rioja Alavesa befindet sich ein Großteil der Einzellagen des neuen Viñedos-Singulares-Konzepts
Kalk, Höhe, alte Reben: In der Rioja Alavesa befindet sich ein Großteil der Einzellagen des neuen Viñedos-Singulares-Konzepts

Die neuen Gesichter

Viele Fachleute sehen in der DOCa Rioja nach wie vor eine Appellation der großen Marken und noch größeren Häuser, die das Spanienbild der Konsumenten insbesondere in den Boom-Jahren des spanischen Weinbaus der Achtziger und Neunziger entscheidend geprägt haben. Daran hat sich auf den ersten Blick nicht so viel geändert. Kratzt man indes an der Oberfläche, dann schält sich ein ganz anderes Bild heraus. Neben den vielen erfolgreichen mittelgroßen Familienbetrieben engagiert sich im Gebiet eine neue und ambitionierte Generation an Tüftlern, welche die klassischen Strukturen des Gebietes in fast jeder Hinsicht auf den Kopf stellt. Zudem präsentiert sich dem Rioja-Fan mit der Einführung der Einzellagen-Kategorie der Viñedos Singulares (VS) ein ganzes Spektrum neuer und zumeist sehr hochwertiger Weine, die ab dem Jahrgang 2017 nach und nach die Bühne betreten.  

Begehrte Einzellagen – und ihre Verteilung  

Wie erwartet entfiel auf die baskische Rioja, sprich Rioja Alavesa, der weitaus größte Anteil der bis dato 103 anerkannten Einzellagen. Weit über die Hälfte verteilt sich entlang des Nord-ufers von Labastida im Nordwesten über Samaniego, Villabuena, Leza, Laguardia, Elvillar, Lanciego bis hinunter an den Fluß nach Baños de Ebro. Zählt man noch die Viñedos Singulares der Sonsierra um die berühmte Winzergemeinde San Vicente dazu, dann liegt das Nordufer klar vor dem südlichen Ufer sowie der Rioja Oriental. Dennoch ist die neu eingeführte Kategorie auch ein Erfolg für den weniger bekannten Rioja-Oriental-Bereich. Mit Genugtuung werden gerade die Erzeuger im südöstlichen Teil das Resultat gesehen haben, denn immerhin weisen nun sechs Gemeinden in der früheren Rioja Baja einen oder mehrere zertifizierte Weinberge auf, darunter natürlich die Weinbauzentren Aldeanueva de Ebro, Alfaro und Quel. Im Februar 2021 hat die Weinbaubehörde der DOCa 34 VS-Weine, darunter auch einige Weiße, von 20 Erzeugerhäusern zugelassen. 

Anspruchsvolle Handhabung

Die von der Weinbaubehörde angeforderte Dokumentation zur beantragten Lage erfordert eine gründliche Vorbereitung von Seiten des Erzeugers. Umfangreiche Bodenanalysen, detaillierte  Katasterunterlagen sowie eine historische Aufarbeitung zum Ort müssen vorgelegt werden. Die Pflanzung muss mindestens 35 Jahre zurückliegen und eine demarkierte Einheit bilden. Zudem ist sie nicht teilbar. Ein Viñedo Singular kann nur von einem einzigen Erzeuger bearbeitet werden. Gekennzeichnet sind die Weine über das neue VS-Rückenetikett. Doch Vorsicht! Die Marke auf dem Frontetikett muss nicht dem eingetragenen Namen des Weinbergs entsprechen.  
Die neue Terroir-Regelung ist in ihrer jetzigen Form nicht überall gleich gut angekommen. Die oben genannten Richtlinien sorgen für großen bürokratischen Aufwand, den Erzeuger mit beschränkten finanziellen Mitteln als schikanös empfinden. Auf heftige Kritik, vor allem seitens kleinerer Winzerbetriebe, stieß auch die Vermischung der zwei konträren Klassifizierungs– bzw. Kategorisierungskonzepte. Soll heißen: Ein Viñedo Singular könnte nach den Vorgaben der Weinbaubehörde in Logroño theoretisch in der Gestalt einer Reserva oder gar Gran Reserva vorgestellt werden, immer vorausgesetzt, die klassischen Ausbauzeiten von drei bzw. fünf Jahren werden eingehalten. Dieses Mischkonzept wird von Seiten vieler Winzer als Einknicken vor den Forderungen der übermächtigen großen Häuser wahrgenommen.
 

Aufstrebende Rioja-Winzer widmen sich auch der Wiederbelebung einer Weißwein-Tradition mit lange gereiften Blancos (Foto: DOCa Rioja)
Aufstrebende Rioja-Winzer widmen sich auch der Wiederbelebung einer Weißwein-Tradition mit lange gereiften Blancos (Foto: DOCa Rioja)

Magie der Rioja-Erneurer

Das Gebiet weist knapp 600 Abfüllbetriebe auf, von denen die 40 größten über 80 Prozent der Gesamtproduktion der DOCa verantworten. Ihnen steht eine Fülle kleiner Erzeuger gegenüber, unter ihnen fast 300 Cosecheros, wie man die Produzenten von Jungweinen ohne Reife-Stufe bezeichnet. Insbesondere aus diesen Cosechero-Familien sind in den vergangenen 15 Jahren teils sehr kleine Winzerbetriebe hervorgegangen, die heute zur Avantgarde der Rioja gezählt werden und nicht nur den Terroirgedanken seriös in ihre Weine einbringen, sondern auch von klassischen Rioja-Konzepten wie dem langen Ausbau im vielfach belegtem amerikanischen Eichenfass Abstand nehmen. Zu den arrivierten Kleinkellereien zählen Artuke, Altún oder auch Abel Mendoza, der Altmeister unter den erfolgreichen Ex-Cosecheros.  Zu diesen im Grunde alteingesessenen Winzern gesellen sich auch echte Weinabenteurer unterschiedlichster Herkunft, die der Gedanke eint, die Essenz der Rioja mittels ungeschminkter Terroir-Gewächse offenzulegen und das Gebiet auf diese Weise zu revitalisieren. Kleinteiligkeit ist angesagt, und natürlich Präzision. Dies beinhaltet das klare Bekenntnis zu nachhaltigem Weinbau, der im kleinen Rahmen um ein Vielfaches einfacher umzusetzen ist, als mit dem Potpourri an Traubenlieferanten, welche die großen Akteure versorgen.  Gerade Weinmachern mit internationaler Erfahrung, wie der neue Star unter den Einzellagen-Winzern, Eduardo Eguren, aber auch den Terroir-Tüftlern wie Oxer Bastegieta, gilt die Rioja mit ihrem enorm vielseitigen Landschaftsbild als einer der nobelsten Plätze weltweit, um charaktervolle Weine zu machen. Erlaubt ist, was der Sache dienlich ist, und in vielen Fällen entlocken die Erneuerer beispielsweise der Tempranillo Nuancen, die man bisher kaum kannte. So geschehen beispielsweise in der Gestalt des neuen Gewächses der US-Amerikanerin Melanie Hickman, Phinca San Julían 2018, welches ein immens komplex gewobenes Netz aus Balsamik, Blüten und edelster Tempranillo-Beerigkeit in selten wahrgenommener Balance und Eintracht präsentiert.  
 

Oscar Alegre und Eva Valgañon stehen für einen eleganten, charaktervollen und sehr klaren Rioja-Typus (Foto: Alegre Valgañon)

Oscar Alegre und Eva Valgañon stehen für einen eleganten, charaktervollen und sehr klaren Rioja-Typus (Foto: Alegre Valgañon)

Bodegas Bhilar: David Sampedro hat sich nicht nur für eigenwillige Rotweine einen Namen gemacht, sondern auch als Schöpfer grandioser weißer Riojas. (Foto: Bodegas Bhilar)

Bodegas Bhilar: David Sampedro hat sich nicht nur für eigenwillige Rotweine einen Namen gemacht, sondern auch als Schöpfer grandioser weißer Riojas. (Foto: Bodegas Bhilar)

Spross einer Rioja-Dynastie: Aus Weinbergen um San Vicente de la Sonsierra gewinnt Eduardo Eguren die Trauben für seine drei Lagenweine. (Foto: Cuentaviñas)

Spross einer Rioja-Dynastie: Aus Weinbergen um San Vicente de la Sonsierra gewinnt Eduardo Eguren die Trauben für seine drei Lagenweine. (Foto: Cuentaviñas)

Dominio de Anza: Diego Magañas Stil feiert die Frische und Saftigkeit bester Tempranillo-Trauben, sorgt gleichzeitig mit seiner prägnanten Struktur für Charakter und Terroir-Transparenz (Foto: Dominio de Anza)

Dominio de Anza: Diego Magañas Stil feiert die Frische und Saftigkeit bester Tempranillo-Trauben, sorgt gleichzeitig mit seiner prägnanten Struktur für Charakter und Terroir-Transparenz (Foto: Dominio de Anza)

Der Südafrikaner Bryan MacRobert verarbeitet ausschließlich Trauben aus sehr alten Anlagen. Über 25 kleine Weinberge der gesamten Rioja gehen in die 30.000-Flaschen-Produktion ein. (Foto: Ocandio)

Der Südafrikaner Bryan MacRobert verarbeitet ausschließlich Trauben aus sehr alten Anlagen. Über 25 kleine Weinberge der gesamten Rioja gehen in die 30.000-Flaschen-Produktion ein. (Foto: Ocandio)

Oxer Bastegieta: Der biodynamisch arbeitende Önologe vermengt in seinem berühmtesten Gewächs Kalamity Garnacha vom Südufer mit Tempranillo aus der gegenüberliegenden baskischen Rioja. (Foto: Oxer Bastegieta)

Oxer Bastegieta: Der biodynamisch arbeitende Önologe vermengt in seinem berühmtesten Gewächs Kalamity Garnacha vom Südufer mit Tempranillo aus der gegenüberliegenden baskischen Rioja. (Foto: Oxer Bastegieta)

Individualität und Tradition wahren  

Die große Stärke dieser hochmotivierten Weinmacher ist das Bekenntnis zu Klarheit und Transparenz, ohne dabei in puristische Obsessionen abzugleiten. Denn, wie Oscar Alegre und Eva Valgañon treffend formulieren: „Eine gehörige Prise Romantik und Leidenschaft bewahrt uns vor einem gefährlichen Tunnelblick bei der Entwicklung neuer Konzepte.“ Die Önologin und der ehemalige Exportleiter führen ein kleines Kellereiprojekt mit Sitz in Sajazarra im kühlen Westteil der Rioja Alta. Zu den jungen Stars zählt auch Eduardo Eguren, Sproß einer der prominentesten Winzerfamilien der Rioja mit breiter internationaler Erfahrung, der mit seinen Lagenweinen Einzug in die Riege der kleinen Avantgarde-Produzenten der neuen Rioja-Generation hält. Ergänzt wird der Reigen durch spannende Exoten wie Oxer Bastegieta. Der ursprünglich aus Kortezunbi in der baskischen Provinz Guipuzcoa stammende Winzer kaufte vor elf Jahren den ersten Weinberg auf der Nordseite des Ebro und besitzt inzwischen fast sechs Hektar in Produktion, wo er elegante und präzise Gewächse erzeugt. Ebenfalls auf dem Nordufer beheimatet, hat das Projekt des navarresischen Weinmachers Diego Magaña schnell für Aufsehen gesorgt. In gewisser Weise hat der aus Südnavarra stammende Önologe mit seinem roten Anza eine Hommage an die traditionellen Cosecheros vorgestellt. 
Obwohl man die Erneuerer gerne als eine Einheit oder besser gesagt als eine Nachfolgegeneration aus einem Guß sieht, unterscheiden sich die Philosophien doch immer wieder in den verschiedensten Aspekten. Und Anlehnungen an althergebrachte Rioja-Traditionen sind durchaus üblich. Während sich beispielsweise der einflussreiche Weinmacher David Sampedro mit seinem Projekt Bodegas Bhilar im Grunde auf die Lagen und Parzellen einer Gemeinde stützt, umarmt Bryant MacRobert sozusagen fast die ganze Rioja, immer auf der Suche nach der Kombination „Bestes Terroir für bestmögliche Sortentypizität“. Im weitesten Sinne eigentlich eine typisch riojanische Vorgehensweise, wie sie auch von traditionellen Häusern praktiziert wird. Vor sieben Jahren kelterte der mit einer Önologin aus Logroño verheirate Südafrikaner Bryan MacRobert seine ersten Weine. Zwei Jahre später bereitete er mit seinem Barranco de San Ginés den ersten Parzellenwein. David Sampedro hingegen ist einer der Rioja-Terroir-Künstler der ersten Stunde und trat 2006 mit der Premiere seines Parzellenweins an, dem mittlerweile fünf weitere gefolgt sind. Das Gros der nach biodynamischen Richtlinien ausgelegten Produktion stammt aus Elvillar, ergänzt durch Weinberge bei Laguardia und Cripán. Selbst Sampedro, der als einer der Vorreiter der neuen Winzergeneration gilt, greift auf dem Etikett seines roten Spitzengewächses Phinca La Revilla auf eine traditionelle spanische Ausbaubezeichnung zurück, in diesem Falle „Sexto Año“. Dieser Hinweis auf die Ausbauzeit kennt man von einigen berühmten klassischen Gewächsen des Landes wie dem 5° Año Valbuena von Vega Sicilia. Und dennoch sind sie anders, die Weine der Verfechter eines neuen Rioja-Verständnisses. Den Unterschied machen letztendlich die Details, wie die akkurate Interpretation der Terroirs und eine entsprechend angepasste Weinbereitung, welche oft konträr zur gängigen Rioja-Rezeptur stehen, und die in der Summe schließlich alternative Stilistiken schaffen. — David Schwarzwälder 

Back to Basics: Traditionelle Erzeugung war und ist für die Rioja stilprägend. (Foto: DOCa Rioja)
Back to Basics: Traditionelle Erzeugung war und ist für die Rioja stilprägend. (Foto: DOCa Rioja)