Antizyklisch investieren

Mit dem Ausbau der Kellerei Sant‘ Orsola in Cossano Belbo rüstet sich das Unternehmen für die Zukunft. Gianni Martini, umtriebiger Kopf des Unternehmens, investiert viel Geld in neue Gebäude und Technik und beweist Mut zu Investitionen.

Hinter den Investitionen, die von anfänglich geplanten 15 Mill. Euro inzwischen auf ein Volumen von rund 18 Mill. Euro geklettert sind, steht eine klare Kalkulation: »In der Krise muss man investieren. Wer sich antizyklisch verhält, kann viele Vorteile realisieren«, verrät Martini, warum er gerade jetzt viel Geld in die Hand nimmt. Die Vorteile liegen für ihn klar auf dem Tisch: Zum einen macht er sein Unternehmen fit für die Zeit nach der Krise und den nächsten Aufschwung, und zum anderen kann er günstiger einkaufen. Viele Auftraggeber, ob Bauunternehmer oder die Lieferanten der Technik, sind zu finanziellen Zugeständnissen bereit und lassen mit sich über die Preise verhandeln, berichtet Martini.

Dabei waren Investitionen in größere Abfüllkapazitäten sowie in das Material- und Fertigwarenlager längst überfällig geworden. Inzwischen bewegt die Kellerei im engen Tal des Belbo ein Volumen von rund 100 Mill. Liter im Jahr und hat damit als Wein- und Sektkellerei die Spitze der privaten Kellereien besetzt.

Mit dem Neubau auf rund 2,5 Hektar Firmengelände kann Martini seine Kapazitäten praktisch verdoppeln und die Arbeitszeiten sowie die Bedingungen für seine Mitarbeiter erheblich verbessern. Derzeit arbeitet die Kellerei rund um die Uhr und muss auf den beengten Verhältnissen ständig Waren innerbetrieblich umlagern. Ein vollautomatisches Hochregallager mit 12.000 Palettenplätzen, sowie die Erweiterung bzw. die komplette Erneuerung der Füllanlage, die von Krones geliefert wird, mit einer Kapazität von 35.000 Flaschen pro Stunde sowie zwei weiteren Anlagen die 15.000 und 10.000 Flaschen pro Stunde füllen, bringen erheblich bessere Arbeitsbedingungen. »Spätestens alle 20 Jahre muss eine Kellerei von Grund auf renoviert und die Technik neben den sonstigen routinemäßig notwendigen Investitionen auf den neusten Stand gebracht werden. Ansonsten bleibt man stehen und verliert irgendwann den Anschluss«, erläutert Martini seine Pläne.

Natürlich kann er durch die Investitionen auch an der einen oder anderen Stelle Personal einsparen, etwa an den Füllanlagen oder beim Transport mit den Gabelstaplern, aber sein Hauptziel ist neben der Erweiterung der Kapazität ein verbesserter Arbeitsfluss, mehr Service für die Kunden, bessere Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und die Verbesserung der Qualität sowie der Sicherheit in der Produktion, die vom Technischen Direktor und Chefönologen Massimo Marasso geleitet wird. »Die Lagermöglichkeiten für Leergut, Kartonagen, das übrige Material sowie die fertig gefüllten Weine, waren nicht mehr zeitgemäß und viel zu klein«, erklärt Martini. Außerdem müssten heute ganz andere Anforderungen für das Wassermanagement und die Umweltauflagen berücksichtigt werden. Die Pläne für die Erweiterung hatte er schon lange in der Tasche gehabt und von 2006 an begonnen, das notwendige Gelände zu erwerben, das zum Teil bereits überbaut war und einer Handvoll unterschiedlicher Eigentümer gehörte: Kein einfaches Unterfangen, das Zeit benötigt. Das Gelände liegt direkt am Flüsschen Belbo, und deshalb sprechen die im Piemont rigiden Umweltbehörden bei allen Plänen ein gewichtiges Wort mit. Selbst Hochwasserschutz musste eingeplant werden, denn mitunter kann der Belbo zur reißenden Flut anschwellen. Wenn die Kellerei bis 2013/2014 fertig gestellt ist und alle Investitionen getätigt sind, wird die alte Kellerei, die dann nur noch die umfangreichen Kelteranlagen, die Sektproduktion und das Tanklager beinhaltet, ebenso wie die neuen Anlagen hinter viel Grün verschwinden. Nur wenig wird zu sehen sein, dafür wird der fast schon wieder in den Ursprungszustand zurückversetzte Belbo gemächlich dahinplätschern. Die beiden Kellereianlagen, die von der Via Statale getrennt werden, sind dann über einen unterirdischen Tunnel verbunden.
 

Markenrange

 

Ohne entsprechende Pläne, die Position der Kellerei auf internationalem Parkett weiter auszubauen, wäre Martini die Investitionen natürlich nicht angegangen. Seit Einführung und Test seiner Markenrange Canti in 2002 hat Martini jedoch wie kaum ein anderes Unternehmen mit Zähigkeit und Konsequenz an dem Aufbau der Marke gearbeitet. Heute umfasst Canti ein umfangreiches Portfolio an Weinen und Schaumweinen vom Einstiegsniveau, den »Zwei-Rebsortenweinen«, bis hin zu Premium-Gutsweinen wie dem Barbera d’Asti DOCG Superiore oder dem Gavi DOCG. Zum Sortiment gehören natürlich auch Kleinflaschen sowie Prosecco Spumante und Frizzante DOC sowie Asti DOCG. Mittlerweile wird die Canti-Range in mehr als 50 Ländern distribuiert. Das Volumen kletterte von 9,6 Mill. Flaschen in 2006 auf 26 Mill. Flaschen in 2011. Vor allem in England hat Martini mit Canti eine breite Distribution erreicht, die im vergangenen Jahr durch die Eröffnung der Canti-Bar bei Harrods in London gekrönt wurde. Unter dem Titel »Canti – The Italien Wine Style« hat sich die Marke gut positioniert und wird durch eine geschickte und ständig erneuerte Marketing-und Anzeigenkampagne unterstützt. Im Mittelpunkt steht italienischer »Lifestyle«, der mit weiblichem Charme und edlen Accessoires in Szene gesetzt wird. Wer in London unterwegs ist, begegnet irgendwann automatisch einem Canti-Taxi oder einem der markanten Doppeldeckerbusse, die die Canti-Werbung zieren. Unübersehbar war die Werbepräsenz auf der Londoner Wine and Spirit Fair im Mai dieses Jahres. Auch auf anderen Märkten, etwa in Russland, in China, der Schweiz und auch in Deutschland fährt Martini entsprechende Werbekampagnen. Martini weiß, wie wichtig Werbung ist, und hält sich an den Wahlspruch von Henry Ford: »Wer aufhört zu werben, um so Geld zu sparen, kann ebenso seine Uhr anhalten, um Zeit zu sparen.«
 

Fratelli

In Deutschland geht das Unternehmen seit vergangenem Jahr nach der Trennung vom langjährigen Partner Tophi, Hamburg, im Vertrieb eigene Wege und eröffnete in Nürnberg ein eigenes Vertriebsbüro, das von Carlo Fischer geleitet wird und unmittelbar mit der Kellerei im Piemont verbunden ist. Auch die Logistik erfolgt in eigener Regie von Nürnberg aus, und Martini ist sich sicher, dass er damit ein Konzept gefunden hat, das er auch auf andere Märkte und Länder übertragen kann. »Ich will selbst bestimmen, wo und in welchen Märkten ich investiere und wo unsere Produkte platziert sind«, erläutert Martini seine Vertriebsphilosophie.

Im Unternehmen wird Gianni Martini, der seine Firma seit rund 40 Jahren führt, seit zwei Jahren von seiner Tochter Eleonora unterstützt.                

 

Hermann Pilz
Redaktion Weinwirtschaft

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Credit: Fratelli Martini

 

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