Die Anzahl guter entalkoholisierter Weine wird immer größer (Foto: Meininger Verlag)
Die Anzahl guter entalkoholisierter Weine wird immer größer (Foto: Meininger Verlag)

Alkoholfreie Weine als Aufsteiger

Wo stünde alkoholfreies Bier ohne den Clausthaler-Effekt? Die Einführung des von massiver medialer Werbung begleiteten Biers im Jahre 1979 ebnete den Weg für eine neue Produktkategorie. Bis die allgemeine Qualität alkoholfreier Biere ein Level erreichte, das sie für viele Biertrinker zu einer echten Alternative machte, verging aber noch viel Zeit.

Die Entwicklung entalkoholisierter Weine verläuft nicht unähnlich. Als unsere Schwester-Zeitschrift MEININGERS WEINWELT 2011 eine Verkostung alkoholfreier Weine durchführte, war die Fehlerquote sehr hoch, und es war schwer, Empfehlungen zu geben. Elf Jahre später sieht die Welt anders aus. Standen damals 20 alkoholfreie Weine auf den Verkostungstischen im Meininger Verlag, waren es jetzt 247 Produkte, was die Probe zur wahrscheinlich bisher größten Verkostung entalkoholisierter Weine macht.

Enormer Qualitätssprung bei den Alkoholfreien

Während die Anstellungen ein Zeichen der gewachsenen Signifikanz der Produktgruppe sind, zeigen die Ergebnisse, dass auch die Qualitäten mächtig zugelegt haben. 18,6 Prozent der entalkoholisierten Weine wurden als »gut bis sehr gut« oder sogar besser beurteilt. Noch immer wurden 7,3 Prozent der Proben als »schwach, mit Mängeln« oder »grob fehlerhaft« bewertet und unter den »ausreichend« oder »zufriedenstellend« bewerteten Weinen fanden sich viele mit einem deutlichen Entalkoholisierungston, der ein echtes Genusserlebnis verhindert.

Ist »Kolonne Null« nun das Clausthaler der Weinbranche? Die trendigen Berliner würden sich sicherlich gegen diese Charakterisierung wehren, und die Rolle des erfolgreichen Pioniers im Massenmarkt gebührt unzweifelhaft Schloss Wachenheim mit »Light Live«. Kolonne Null hat aber bei vielen Erzeugern die Angst vor entalkoholisierten Weinen abgebaut. So fanden sich unter den Einreichern auch zahlreiche kleinere Weingüter, die ihre Weine bei einem Dienstleister entalkoholisieren ließen.

Bei den Preisen haben es die Kleinen gegen die Großen schwer, denn die professionellen Kellereien konnten teilweise sogar für 2,99 Euro gut bewertete Weine erzeugen. Insgesamt zeigte sich aber sowohl bei Kleinen als auch bei Großen eine enorme Bandbreite der Qualitäten, was eine sorgfältige Selektion notwendig macht.

Drei kleinere Weingüter fallen mit einem sehr konsistenten, gut bewerteten, aber eben auch sehr kleinen Portfolio auf: das Weingut Julius Zotz aus dem Markgräflerland, MEJS aus der Pfalz und das Weingut Seck aus Rheinhessen. Die beste Kollektion kommt jedoch von Bähr Pfalztraube. Sie platzierte gleich vier Produkte zwischen 14 und 15,5 Punkten und bewies bei ihren 13 Anstellungen eine hohe Konsistenz. 

Zuckerlastig und aromatisch

Ein Punkt dürfte manchem Weinliebhaber noch Schwierigkeiten bereiten, an einem trockenen Wochentag zu alkoholfreien Produkten zu greifen – der Restzucker. Ohne den Geschmacksträger Alkohol setzten alle Produkte auf eine gehörige Menge davon. 

Es gibt aber auch hier Bewegung. Bei den gut bewerteten Weinen lag das Restzucker-Minimum immerhin schon bei 18 g/Liter, also fast am oberen Ende des halbtrockenen Bereichs, wenn die Säure hoch genug gewesen wäre. Auch Weine mit 12 Gramm wurden als immerhin zufriedenstellend bewertet. Der Durchschnittswert der Verkostung lag bei 44,2 g/Liter am oberen Ende des lieblichen Bereichs.

Neben dem Erhalt des Geschmacks ist der Geruch die zweite Herausforderung bei der Entalkoholisierung. Bei den Top-Weinen setzten die Erzeuger gerne auf aromatische Sorten wie Muskateller oder Sauvignon Blanc. Am häufigsten kam jedoch Riesling zum Einsatz.

Fazit der Verkostung

Es geht weiter aufwärts bei den entalkoholisierten Weinen, auch wenn die Erzeugung eine große Herausforderung bleibt. Ein qualitativer direkter Vergleich mit Wein verbietet sich weiterhin, nicht wenige Produkte sind mittlerweile jedoch zu echten Alternativen für den Alltag geworden. Den vollständigen Artikel als PDF finden Sie hier.                   Clemens Gerke

Ausgabe 19/2022

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