Immer beliebter: Verführerisch duftende Weine wie Gewürztraminer, Muskateller & Co. (Foto: iStock.com/yes)
Immer beliebter: Verführerisch duftende Weine wie Gewürztraminer, Muskateller & Co. (Foto: iStock.com/yes)

Duft aus tausendundeiner Nacht

Still und heimlich haben verführerisch duftende Weine wie Gewürztraminer, Muskateller & Co. an Beliebtheit gewonnen. Wer nach Aromasorten fragt, bekommt Großartiges mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis und einem Hauch von Dekadenz, haben wir für »Ausgabe 03/2022 von MEININGERS WEINWELT festgestellt. Eine große Auswahl an Spitzenweinen aus unserer Verkostung Sauvignon Blanc meets Muskateller finden Sie auch »hier.

Text: Wolfgang Faßbender

GEWÜRZTRAMINER: AROMASORTE IN SÜDTIROL, DEUTSCHLAND & IM ELSASS

Die Pasta steht schon auf dem Tisch im Weingut J. Hofstätter in Tramin an der Weinstraße, mitten im Südtiroler Rebenparadies. Aber erst schenkt Winzer Martin Foradori-Hofstätter noch einen Schluck Gewürztraminer ein. Nicht den Alltagswein, sondern eine besondere Spielerei. Gewürztraminer des Jahrgangs 2008, vor der Abfüllung zehn Jahre auf der Hefe gereift, typisch duftig, aber doch um eine zusätzliche Dimension ergänzt. Mandarine, Tee, Würze. Anderswo würde kaum einer so etwas wagen – luxuriösen Spitzenwein aus Aromasorten –, aber die Winzer in Südtirol trauen sich. Nicht nur in Tramin, wo ja der Legende nach der Traminer und seine etwas würzigere Spielart namens Gewürztraminer entstanden sein sollen. Man weiß, was man kann, zeigt es und verkauft es gern an den Rest Italiens. Anderswo in Europa sind die Erzeuger zurückhaltender. In Deutschland etwa, wo Traminer und Gewürztraminer in der Rebsortenstatistik ein eher unauffälliges Dasein führen. Etwas mehr als 1100 Hektar stehen derzeit in ganz Deutschland, immerhin fast 300 mehr als vor 25 Jahren, aber gesprochen wird nur selten über ihn. Zu den offiziellen Große-Gewächse-Sorten des VDP zählt er lediglich in Sachsen und Saale-Unstrut, weshalb man schon ein bisschen suchen und fragen muss. Robert Haller etwa, den Weingutsdirektor des renommierten Würzburger Bürgerspitals. Auf seinen Gewürztraminer lässt Haller nichts kommen. „Er ist im Weingut eine feste Größe“, sagt der Franke. Nobel werde er hier ausgebaut, filigran und verspielt. Nicht überladen, mit einem überschaubaren Alkoholgehalt. Frisch und natürlich! Andererseits brauche Traminer eine gute Reife. In Franken sind die Bedingungen unschlagbar, während in Tramin die Winzer gern mal mit der Hitze kämpfen. 15 Alkoholprozente sind Standard bei den trockenen Südtiroler Gewürztraminern der ersten Liga – und als Winzer muss man schon einiges draufhaben, damit die Weine nicht allzu mächtig und brandig ausfallen, damit man das Ergebnis nicht nur riechen, sondern auch trinken mag.

Der Gewürztraminer spielt in Deutschland noch eine eher untergeordnete Rolle (Foto: DWI/www.deutscheweine.de)
Der Gewürztraminer spielt in Deutschland noch eine eher untergeordnete Rolle (Foto: DWI/www.deutscheweine.de)

Elsässer Winzer stehen, zumindest im Süden des Anbaugebietes, vor ähnlichen Problemen. Allerdings ist der Ruhm des Aromaweines zwischen Thann und Wissembourg immer schon größer gewesen als in Deutschland. Als die Grand Crus schrittweise eingeführt wurden, ab den 1970ern, stand die Eignung des Gewürztraminers für diese High-End-Kategorie nicht in Frage; nur der wenig verbreitete Nicht-Gewürz-Traminer, der als Klevener de Heiligenstein bekannt wurde, fiel hinten rüber; ihn kennen heute nur noch wenige. Inzwischen versuchen auch immer mehr Elsässer Winzer, Aroma und Finesse miteinander zu verbinden, bauen ihn manchmal mit wenig oder gar ohne Schwefel aus, experimentieren mit einer ausgedehnten Maischegärung. Neue Wege, die auch in Deutschland öfter beschritten werden. Im Pfälzer Weingut Odinstal etwa, wo Andreas Schumann mit biodynamischen Methoden einen Gewürztraminer hinbekommt, wie es ihn in Deutschland selten gibt: rosenduftig, würzig, mit Schmelz, trocken und frisch zugleich. Im Weingut Bürgermeister Carl Koch im rheinhessischen Oppenheim kann man mit dem Orange Wine und dem sehr spät gelesenen, teilweise mit Edelfäule ausgestatteten „Intakt“, gleich zwei eigenwillige, aber spannende Gewürztraminer kaufen. Und spätestens, wenn Johannes Selbach an der Mosel den Besucher fragt, ob dieser auch seinen Gewürztraminer kosten wolle, dann merkt man, dass die Sorte Potenzial hat. 2013 pflanzte Rieslingspezialist Selbach, Chef im Weingut Selbach-Oster, 700 Stöcke, dachte aber nicht daran, die üppige Fülle des Südens zu imitieren: „Ich wollte immer einen schlanken Wein erzeugen.“ Ist gelungen. Seine Variante duftet eher nach saftigen Zitrusfrüchten als nach Rosensträußen, der Wein ist knackig und frisch, ungemein verführerisch, aber kein bisschen sättigend. Gewürztraminer auf Schiefer: Das könnte öfter Sinn ergeben.

MUSKATELLER ALS RENNER IN ASIEN

Ist der Gewürztraminer dem Kunden noch halbwegs verständlich, wird es beim Muskateller schwierig. Es handelt sich ja schließlich nicht um eine einzige Sorte, sondern um ein ganzes Bündel an Varianten, die mehr oder weniger muskatig duften und von vielen Verbrauchern automatisch mit Süße assoziiert werden. Wenn sie ohne oder mit sehr wenig Zucker ausgebaut werden, dann meist im Segment der einfacheren Weine. Wirkliche Spitzen findet man fast ausschließlich außerhalb Deutschlands. Wenn Olivier Humbrecht im Elsässer Weingut Zind-Humbrecht seinen Muscat Grand Cru aus der Lage Goldert hervorholt, dann fragt man sich schon, warum solche feinen, nachhaltigen und mineralischen Weine nur einen Nischenmarkt bedienen. Das Aroma ist typisch, aber angenehm unaufdringlich, Noten von frischer und getrockneter Ananas sowie Zitrusschalen begeistern. Wer Süße erwartet, wird komplett enttäuscht, aber von straffer Art und Würze entschädigt. So was trinken die Elsässer, dann und wann, auch ein paar Deutsche fragen nach, doch ein wichtiger Markt für Muskateller befindet sich am anderen Ende der Welt. Auch für die deutschen Spezialisten.

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Muskateller (Foto: superfood/stock.adobe.com)

„Mit Muskateller punkten wir in Asien“, sagt Karl-Eugen Graf von Neipperg, Weingutschef im gleichnamigen Betrieb im Anbaugebiet Württemberg. „Die Muskateller-Fläche haben wir in 15 Jahren verdreifacht.“ Dass der Traminer (jener ohne den Zusatz „Gewürz“) auch einen festen Platz im Neippergschen Sortiment hat, sei nicht verschwiegen. „Eine Verbeugung vor der Tradition“, so der Graf. Wenngleich die Sorte, in Form von Traminer-Auslesen oder Trockenbeerenauslesen, unter den geänderten Essgewohnheiten leide. Die Kultur der süßen Mehlspeisen sei abhandengekommen. Zu knackig trockenem oder feinherbem Muskateller muss allerdings niemand Dessertausreden suchen: So was trinkt sich einfach so weg, kann auch mit Fisch und so manchen fernöstlichen Speisen kombiniert werden. Oder mit österreichischem Geselchten, weshalb die Sorte in der Steiermark boomt. Die Lagentypizitäten herauszuarbeiten, ist für Winzer Gerhard J. Wohlmuth wichtig und es gelingt ihm etwa beim Steinriegl, einem Lagenwein vom roten Schiefer, spontan vergoren und lange auf der Hefe gereift, duftig und mineralisch zugleich, fest und vibrierend. Wenn sie von Muskateller reden, dann meinen die meisten Winzer, in Österreich wie in Deutschland oder im Elsass, übrigens den Gelben, der in Deutschland etwas mehr als 500 Hektar belegt. Viel seltener ist der Rote Muskateller. Der Goldmuskateller führt, außerhalb seiner Heimat Italien, ebenfalls ein Schattendasein, und der Rosenmuskateller ist im Anbau viel zu fragil, als dass er je zum Renner werden könnte.

SAUVIGNON BLANC, SCHEUREBE & EXOTEN

Eine Sonderstellung im Bereich der aromatischen Sorten weisen die Sauvignon Blancs auf. In Deutschland haben sie erst spät an Bedeutung gewonnen, weshalb sie trotz unverkennbarer Aromenattacken kaum mit Süße verbunden werden. Sie haben ihre Fans auch bei denen, die weder Traminer noch Muskateller je anrühren und auch bloß notgedrungen zur Scheurebe greifen würden. Bei der aus Riesling und Buketttraube gezüchteten Sorte Scheurebe scheint der jahrelang anhaltende Abwärtstrend gestoppt. Apropos Buketttraube. In der Schreibweise „Bouquet-Traube“ ist die bereits 1864 von Sebastian Englerth aus Silvaner und Trollinger gezüchtete und später weitgehend vergessene Sorte eine Attraktion des fränkischen Weinguts Schloss Sommerhausen. Für den allerdings, dem hier zu viel Duft im Spiel ist und der auch mit den aromatischen Rotweinen aus Muskattrollinger und Wildmuskat wenig anfangen kann, bietet sich bisweilen auch die Chance zum sanften Einstieg. Im Moselweingut Rinke genießt der Wein aus dem Langsurer Brüderberg, eine Komposition nach Art eines Gemischten Satzes, ja auch deshalb Ruhm, weil außer Chardonnay oder Weißburgunder auch Spuren von Muskateller und Traminer drin sind. Ein Hauch von Aromatik, der das Gesamtbild umso interessanter aussehen lässt. Und sollte einem selbst so etwas zu intensiv duften, hilft Zeit. Nach ein paar Jahren schleifen sich die aus dem Glas springenden Moleküle ab. So wie beim 2000er Gewürztraminer Kolbenhof von Winzer Martin Foradori. Zur Rosenwürze gesellen sich nach 21 Jahren Lagerung erdige Noten, im Mund macht sich Schmelz breit, die Länge ist atemberaubend und der Gesamteindruck gar nicht mehr dekadent, sondern höchst befriedigend. Sollte irgendjemand daran gezweifelt haben, dass aromatische Weine lagerfähig sind, so wurde er spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

 


ÜBERBLICK: AROMASORTEN IN DEUTSCHLAND

TRAMINER/GEWÜRZTRAMINER unverwechselbare Sorte, die je nach Ausprägung und Standort mehr oder weniger würzig ausfällt

MUSKATELLER Rebsortenfamilie, aus der heute vor allem der Gelbe Muskateller heraussticht; Roter, Rosen- und Goldmuskateller lohnen aber auch den Versuch

SAUVIGNON BLANC duftet nach Cassis und Maracuja, oft aber auch nach grüner Paprika und Stachelbeere

SCHEUREBE auch hier sind Noten von Cassis, Maracuja, Zitrus und Stachelbeere prägend

MUSKATTROLLINGER/WILDMUSKAT rote Spielarten von Trollinger respektive Lemberger; in Württemberg als Kuriosität geschätzt

BUKETTTRAUBE Veteran unter den Neuzüchtungen, vor allem in Südafrika geschätzt


 

Ausgabe 04/2022

Erhältlich ab 11.5.2022: Spitzen-Winzerin Theresa Breuer im Portrait // Landwein // Grape Ale und weitere Themen
Ausgabe 04/2022

Themen der Ausgabe

Thunfisch-Cornetto

Diese knalligen Waffeltüten, gefüllt mit frischen Thunfischwürfeln und Avocado sind farblich ein absoluter Hingucker und nebenbei auch noch super lecker. Sommelière Angelika Grundler empfiehlt dazu einen gut gekühlten Junmai Sake und sorgt damit für ein echtes Genuss-Erlebnis. »zu Rezept & Weintipp

Made in Germany

Landweine galten lange Zeit als Auffangbecken für nicht verkehrsfähige Weine. Doch das Blatt hat sich gewendet: Heute findet man in dieser Qualitätsstufe zahlreiche Spitzenweine aus verschiedensten Rebsorten. Geprägt von Herkunft und Individualität haben sie sich einen festen Platz in den Reihen der besten Gewächse erobert. »Hier finden Sie die Ergebnisse unserer Verkostung

Spannende Kombi

Ist Grape Ale das neue Trendgetränk? Immer häufiger entschließen sich Brauereien und Weingüter zu einer Kooperation. Die Ergebnisse, die aus der Vermählung von Wein und Bier entstehen, lassen sich sehen. Grund genug, den Bier-Wein-Hybriden einmal auf den Grund zu gehen.