Datenjagd

Werbung in Zeitungen und Zeitschriften, in Film, Funk und Fernsehen oder anderen Medien erlauben eine anonyme Nutzung, oder, wenn man will, den frei gewählten Konsum. Werbung war lange Zeit eine Einbahnstraße. Der Absender konnte nicht sicher sein, ob und in welchem Umfang seine Botschaft von den Empfängern zur Kenntnis genommen wurde, was den Industriemagnaten Henry Ford zu dem legendären Bonmot veranlasste: »Ich weiß, die Hälfte meiner Werbung ist rausgeworfenes Geld. Ich weiß nur nicht, welche Hälfte.«

Aus heutiger Sicht, im digitalen Zeitalter, sind die rausgeworfenen Gelder die Kosten für das Recht auf Anonymität der Empfänger. Natürlich gab und gibt es unzählige Versuche und Anstrengungen, auch in analogen Zeiten die Wirkung von Werbung einigermaßen zutreffend zu messen. Da heute ein Großteil der Werbung aber online stattfindet, ist die Anonymität passé. »Die Wirkung von Werbung lässt sich im Online-Marketing wunderbar messen«, verkünden die Jünger digitaler Medien stets voller Elan.

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Kein Vortrag über Online-Marketing, der nicht mit Fords Zitat startet, dem gleich der Hinweis auf die messbare Wirkung von Werbung im Internet folgt. Um wenigstens ein Mindestmaß an Anonymität im Internet zu wahren, hat sich die Europäische Union nach zähem Ringen 2018 zur Datenschutzverordnung DSGVO durchgerungen, die persönliche Daten schützen soll.

Da für die Nutzung des Internets, so wie es konstruiert ist, der Austausch von Text- und Funktionsdateien notwendig ist, bleibt die Anonymität am Ende auf der Strecke.

Was gut gedacht war, wird zum Horror für jeden Nutzer, der häufiger im Netz unterwegs ist. Kaum, dass eine Seite geöffnet ist, ploppt der obligate Hinweis auf die Verwendung von Cookies und die Datennutzung inklusive Speicherung auf. Benutzerfreundlich gestaltet, wie bei vielen seriösen Weinhändlern, kann man sich mit dem Anklicken des Feldes »essenziell« von der nervigen Last befreien oder auch Cookies löschen, die nur temporär gespeichert werden. Doch das ist bei weitem nicht die Regel. Häufig genug muss man eine ganze Liste abarbeiten, was auf Dauer zur nervtötenden Angelegenheit wird. Am penetrantesten erscheinen mir Google und andere Suchmaschinen.

Oft werden zehn, zwanzig oder mehr Nutzer und kryptische Programme aufgeführt, die Daten auswerten, sichten, zur Wiedererkennung oder für eigene Werbung nutzen. Im Eifer des Gefechts stimmt man nur allzu leicht allem zu und schon landen persönliche Daten irgendwo auf der Welt in den USA oder in Asien.

Mir scheint, man hat mit der Cookie-Richtlinie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Frohnaturen mögen sich trösten, dass »Die« eh schon alles wissen, doch das kann keine Lösung für die Zukunft sein. Das Internet muss Einbahnstraße werden. Wir müssen uns wie in alter Zeit das Recht zurückholen, anonym bleiben zu dürfen. Das ist menschlich und beugt außerdem Bestrebungen eines totalitären Überwachungsstaates vor.

Das heißt aber auch, dass nicht alle Inhalte publiziert werden dürfen: Abstoßendes, Unmenschliches oder Kriminelles darf es nicht geben, genauso wenig wie Beleidigungen oder körperliche Verletzungen im persönlichen Gegenüber erlaubt sind. Das zu verhindern, ist Aufgabe unseres Staates, der entsprechende Gesetze erlassen und ihre Einhaltung kontrollieren muss. Die Kosten dafür müssen uns Freiheit und Selbstbestimmung wert sein.

Wie man seriöse Marktdaten erforscht und analysiert, zeigt unsere aktuelle Fachhandelsstudie, an der Sie teilhaben können. Gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim als wissenschaftlichem Partner haben wir ein wegweisendes Projekt angestoßen.

Ausgabe 19/2021

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 19/2021

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