Die Ernte 2020 erhitzte die Gemüter; Foto: JC Gutner - Collection CIVC
Die Ernte 2020 erhitzte die Gemüter; Foto: JC Gutner - Collection CIVC

Versöhnliches Ende?

Vor der Ernte eskalierte der Streit in der Champagne um die Erntemenge. Die Interessen divergieren stärker denn je. 

Das gab es zumindest in der jüngeren Geschichte der Champagne noch nie. Am 17. August begann in der Aube im Süden der Champagne die Ernte, bei bestem Gesundheitszustand und ebensolchen Qualitätsaussichten. Das Problem: Bei Erntebeginn wussten die Winzer noch nicht, wie groß die erlaubte Erntemenge sein würde. Mindestens 10.000 kg/ha wurden als Mindestmenge von den „Vignerons Indépendants“ gefordert, weil die unabhängigen Winzer ihre bestehenden Kunden versorgen müssen. Die limitierte Produktion der führenden Winzer von selten über 100.000 Flaschen, oft handelt es sogar nur um 20.000 bis 40.000 Flaschen, ist angesichts von Kunden in der ganzen Welt in der Regel rasch ausverkauft. Doch dieser Nachfrageüberhang betrifft nur die vielleicht 100 besten Produzenten. Dieses Luxusproblem haben also längst nicht alle 300 Betriebe, die sich in der Champagne den „Vignerons Indépendants“ angeschlossen haben. Sie fühlen sich dennoch nicht länger ausreichend repräsentiert vom Syndicat Général des Vignerons, das nach Meinung der Selbstvermarkter viel zu sehr die Position der reinen Traubenproduzenten – diese stellen die weit überwiegende Mehrheit der Champagnerwinzer – einnimmt. Der Streit eskalierte Ende Juni darin, dass die Vignerons Indépendants ihre Büros im Gebäude des Syndicat Général des Vignerons räumten.
Der Forderung der Winzer gegenüber stand die Position der Vereinigung der Handelshäuser, die eine ganz andere Rechnung aufmachten. Jean-Marie Barillère, Präsident der Union des Maisons de Champagne, erklärte den Standpunkt gegenüber Francebleu und France3: »Die Verkäufe werden 2020 durch Covid 19 voraussichtlich in einem historischen Ausmaß um rund 100 Mill. Fl. einbrechen, das entspricht einem möglichen Umsatzverlust von 1,7 Mrd. Euro.« Seine Rechnung: »Wenn die Absätze um mehr als 30 Prozent sinken, müssen wir auch die Ernteerträge um 3.000 kg reduzieren.« Das wären nach 10.200 kg im Vorjahr also 7.000 kg/ha. Viel zu wenig aus Sicht der unabhängigen Winzer, die bereits im Vorjahr angesichts der Spitzenqualität des Jahrgangs 2019 nicht gerade begeistert waren, nur 10.200 kg/ha ernten bzw. vermarkten zu dürfen.
Dennoch gelang die Einigung. Am Dienstag, 18. August, einen Tag nach Erntebeginn, begrenzten die Vertreter der Winzer und der Handelshäuser die zur Vermarktung freigegebene Erntemenge auf 8.000 kg/ha. Darüber hinaus konnte der einzelne Winzer zusätzliche Erntemengen in seine persönliche Reserve einstellen, sofern diese nicht bereits bis zum Maximum gefüllt ist. Da jedoch auch in den letzten Jahren die Erntemenge eher restriktiv gesteuert wurde, waren beim Erntebeginn bei vielen Betrieben kaum noch Kapazitäten in der betrieblichen Reserve frei. Am Ende nahm die Natur selbst ein wenig Druck aus dem Kessel. Denn es zeigte sich, dass die ursprünglich geschätzten 12.000 kg/ha aufgrund der Trockenheit im Juli und August auch ohne Erntebeschränkung nur in Ausnahmefällen hätten erreicht werden können. 

Ernte der Extreme

Die Weinlese 2020 in der Champagne geht als früheste Lese in die Geschichte ein. Sie begann am 17 August und endete am 8. September 2000 nach gut drei Wochen. Der Juli war der trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, was ein unterdurchschnittliches Gewicht der Trauben verursachte. Die Alkoholausbeute ist mit durchschnittlich 10 bis 10,5 %vol. eher am oberen Limit, in vielen renommierten Crus sind eher 11 %vol. die Regel. Die Erntemenge von 8.000 kg/ha ist die geringste seit 2003, als Frost und Hagel die Erträge halbiert hatten. (sas)

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