Ausgabe 02/2018

Toleranz und Offenheit

Diese beiden aus meiner Sicht elementaren Werte einer modernen Gesellschaft sollten wir auch in der Weinwelt und ebenso in der Sommellerie pflegen. Neulich hatte ich das Vergnügen, bei der Jahrestagung des Bund Deutscher Oenologen über den Markt für Orange- und Naturweine zu sprechen. Vermintes Gelände, mag so mancher Biodynamiker und Naturweinwinzer an dieser Stelle denken. Tatsächlich blickte ich in viele irritierte, ja sogar einige strikt ablehnende, fast schon feindselige Augenpaare. Allerdings waren auch ebenso viele neugierige Gesichter im Hörsaal der Geisenheim University auszumachen.   

Die Gelegenheit passte perfekt zur aktuellen Ausgabe, in der wir uns unter anderem mit dem Angebot an deutschen und österreichischen Weinen befassen, die in Amphoren vinifiziert werden. Oder die beiden ebenso amüsanten wie informativen Reportagen von Sebastian Bordthäuser und Peter Heimlich Müller, die sich auf die Suche nach Italiens vergessenen Helden und Ungarns neuen Himmelsstürmern begeben haben. Sie fanden viel Handwerk, auch positiven Starrsinn und Methoden, die in der modernen Weinwelt keine Zukunft zu haben scheinen. Doch der Eindruck täuscht. 

Es ist tatsächlich dringend an der Zeit, sich nicht länger hinter Weingesetzen zu verschanzen. Wer bitteschön wird heute noch ernsthaft behaupten, Klarheit sei ein Qualitätskriterium für einen Weißwein? Jeder zweite große Rotwein ist ohnehin trüb und wird nicht beanstandet. Hier gehört dringend das Gesetz geändert, durch das hunderte großartige Weißweine aus dem Herkunftssystem gedrängt und der Chance beraubt werden, auf dem Etikett anzugeben, in welchem Ort und in welcher Lage der Wein gewachsen ist. Eine Schande!

Doch Toleranz und Offenheit müssen auch umgekehrt eingefordert werden. Es ist erschreckend, wie abfällig sich einige gefeierte Winzerstars der Naturszene und auch Sommeliers gegenüber großen Klassikern der Weinwelt äußern, nur weil sie nicht hipsterkonform, nicht „natural“ sind. Weinmachen endet nicht an der Kellertür und die besten Trauben werden keinen guten Wein ergeben, wenn der Winzer das Kellerhandwerk nicht versteht.  Nicht jeder „konventionell“ arbeitende Winzer steht automatisch auf der dunklen, der bösen Seite der Weinwelt, nur weil er Fungizide einsetzt. Schluss mit dem Dogmatismus! Es lebe die Abwechslung auf der Weinkarte.

Sascha Speicher
Chefredakteur MEININGERS SOMMELIER
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