Ein wiederbefüllbarer Ecotote spart im Lebenszyklus ca. 1000 Einweg-Glasflaschen ein (Foto: Hilton Berlin)
Ein wiederbefüllbarer Ecotote spart im Lebenszyklus ca. 1000 Einweg-Glasflaschen ein (Foto: Hilton Berlin)

Weniger Glas, mehr Nachhaltigkeit

Was wäre eine Bar ohne die vielen, schön geformten Flaschen? Doch der Glasverbrauch – bei Spirituosen in der Regel Einweg – ist immens und Glas­produktion be­nötigt extrem viel Energie, verursacht somit viel CO2. Als nachhaltige Mehr­weg-Alternative positioniert sich das 2018 gegründete Unternehmen Ecospirits, das jetzt auch in Deutschland aktiv ist. Wie funktioniert das? 

Text: Jan-Peter Wulf

Dieser Text erschien ursprünglich in der Ausgabe #07-22 des fizzz Magazins. Für diese Veröffentlichung wurde der Text an einigen Stellen gekürzt. Die Printausgabe können Sie hier bestellen.

Yannik Walter ist voll des Lobes: „Ecospirits ist super, total einfach und passt sehr gut in unser Nachhaltigkeitskonzept.“ Der neue Barchef des Berliner Sternerestaurants „Golvet“ nutzt das Mehrwegsystem für Spirituosen als einer der ersten in der Gastrolandschaft überhaupt. „Es spart Platz im Lager und vor allem jede Menge Glas ein“, erklärt der Bartender, der zuvor u. a. in der „Amano Bar“ und im „Stagger Lee“ tätig war. Er wünscht sich, dass bald möglichst viele Marken sich dem Verbund anschließen: „Dann macht es noch mehr Sinn für uns.“ 

Ecospirits, 2018 von Bar-Unternehmer Paul Gabie (u. a. „28 Hongkong Street, New York, „Atlas“ Singapur, „The Pontiac“ Hongkong) gegründet, will eine Lücke schließen, die auch in der eigentlich vergleichsweise gut entwickelten deutschen Glaswelt klafft: Anders als bei vielen alkoholfreien Getränken oder beim Bier mit seinen Mehrweg- und Pool-Systemen werden Spirituosen bekanntlich in Einweg-Gebinde abgefüllt. Und derer sammeln sich im Laufe eines Bar-Abends sehr viele an – man denke an die Plastikkästen, die sich unter dem Tresen während der Schicht mit klirrenden Flaschen füllen.

Yannik Walter (Foto: Kirchgasser)
Yannik Walter (Foto: Kirchgasser)

"Es ist total einfach, spart Platz im Lager und passt sehr gut in unser Nachhaltigkeitskonzept."

Yannik Walter
Barchef Golvet

Auch in der Bar des „Golvet“ steht so ein Kasten, aber zumindest ein Teil des flüssigen Guts für die Drinks kommt nun schon aus dem „Ecotote“, einem robusten Kanister mit Glasgefäß, welches 4,5 Liter fasst und den klassischen Sechs-Flaschen-Karton ersetzt. Im Lager wird die Spirituose per Knopfdruck abgezapft, in verschiedenen Ausgabemengen von 40 ml bis 0,7 l. So lassen sich ganze Flaschen komplett wiederbefüllen und für den Einsatz im Rack bereitstellen. 

Die Gäste sehen weiterhin die Flaschen

Genau das macht das System so attraktiv, findet auch Nico Mendt vom „Hilton Berlin“: „Wir haben unter anderem den Wild Child Gin bei uns an der Bar und arbeiten jetzt nur noch mit zwei Flaschen.“ Diese sind quasi im Dauereinsatz und werden im Laufe eines Abends, je nach benötigter Menge, immer wieder mit dem Inhalt aus dem Kanister aufgefüllt. Was nur wenig Zeit – unter einer Minute – dauere. Auch ein Ausspülen sei nicht nötig, so der Director of Operations.

Ecotote nennen sich die wiederverwendbaren 4,5l-Kanister mit Glaseinsatz (Foto: Ecospirits)
Ecotote nennen sich die wiederverwendbaren 4,5l-Kanister mit Glaseinsatz (Foto: Ecospirits)
Die Ecototes sind stapelbar und ersetzen je sechs klassische Einzelflaschen im Lager (Foto: Ecospirits)
Die Ecototes sind stapelbar und ersetzen je sechs klassische Einzelflaschen im Lager (Foto: Ecospirits)

Die Gäste sehen die Kanister auch hier nicht. Allerdings macht man sie bewusst darauf aufmerksam, dass man ein innovatives und nachhaltiges Verfahren anwendet. „Wir promoten die Drinks, die wir mit Ecospirits machen, in der Karte und mit Aufstellern“, so Mendt. Was bei den Gästen, die heute immer mehr auf nachhaltige Aspekte beim Essen und Trinken Wert legen, sehr gut ankomme. „Wir verbrauchen hier pro Jahr 17.000 4cl-Portionen Gin, wir können also eine Menge an Glas einsparen“, fügt Mendt hinzu. Hilton rollt Ecospirits nun aus, es soll schon bald in allen deutschen Häusern und weiteren europäischen Ländern zum Einsatz kommen. Mendt: „Es ist einfach der Schritt in die richtige Richtung.“

„Relevante Einsparungen“

Wie funktioniert Ecospirits für die Hersteller? Bastian Heuser, Mitgründer der „Spreewood Distillers“ und der Marke „Stork Club“: „Wir füllen unseren Whiskey in IBC-Container und schicken sie zur Abfüllanlage von Ecospirits nach Karlsruhe.“ Von dort aus wird die Ware zum Teil via Partner in Süddeutschland vertrieben. „Ein Teil kommt wieder zurück zu uns nach Berlin, wo wir mit der Marke ja sehr stark vertreten sind“, so Heuser. Den Whiskey dafür zweimal quer durchs Land zu fahren, das verursache zwar ebenfalls Emissionen, doch die Einsparungen seien trotz dieser Distanz relevant, erklärt er. 

Die automatische Befüllung kann variiert werden zwischen ganzen Flaschen...
Die automatische Befüllung kann variiert werden zwischen ganzen Flaschen...
...und einzelnen 4cl-Portionen (Fotos: Hilton Berlin)
...und einzelnen 4cl-Portionen (Fotos: Hilton Berlin)

Perspektivisch wünsche man sich, dass sich der Getränke-Fachgroßhandel für das Mehrweg-Konzept öffnet und die Logistik übernimmt. Wofür es – wie so oft – einen Kritische-Masse-Effekt braucht: Je mehr Unternehmen hinzukommen, desto höher wird der Handlungsdruck für einen Intermediär. Was die Marge betrifft, so sei der Unterschied zwar nicht groß zum herkömmlichen Gebinde, lässt Heuser durchblicken – aber man könne schon einen Vorteil, sprich einen Rabatt, an die Gastronomen weitergeben. Sicher auch ein Verkaufsargument. 

„Offene Plattform“

In Singapur – dort begann Ecospirits – testet der Spirituosen-Multi Pernod Ricard das System bereits mit mehreren Marken, ebenso in Hongkong. Auch Wettbewerber Diageo führt Testläufe in Südostasien durch. Hans-Knud Reiss, der mit seinem Unternehmen „InnovativeDrinks“ deutscher Lizenznehmer ist und neben der Befüllung in der „Ecoplant“ in Karlsruhe die teilnehmenden Marken auch in der Gastronomie vertreibt, will nun den hiesigen Markt erschließen: „Wir sind eine offene Plattform, jeder Hersteller kann mitmachen. Wir suchen Partner in verschiedenen Preissegmenten und wollen ein großes Netzwerk für die Gastronomie aufbauen.“ 

Zurück ins „Golvet“: Dort mixt Yannik Walter einen „Wood Stork“ mit Roggenwhiskey von Stork Club aus dem Spreewald, angeliefert im Ecotote, mit Orangenblüten aus der Küchenproduktion – und mit Vanillejoghurt, der beim Personalessen übrig geblieben ist. Ein Drink, der von seinen Zero-Waste-Zutaten bis zur nachhaltigen Gebinde-Alternative ziemlich gut in unsere Zeit passt.

Mehr Informationen:
ecospirits.global
innovativedrinks.de

DAS VERURSACHEN GLASFLASCHEN... 
› 550 g CO2-Emission pro Glasflasche im Schnitt 
› 22 Mio. t CO2-Emissionen durch Spirituosen­flaschen (weltweit 2020) 
› 30 g CO2-Emission pro Cocktail im Durchschnitt

UND DAS BRINGT ECOSPRITS...
› Lebensdauer 1 Ecotot = 1.000 Glasflaschen
› 60–90 % geschätzte CO2-Einsparung 
› 95 % weniger Verpackungsmüll 
› 30–50 % weniger Platzverbrauch

fizzz 12/2022

Themen der Ausgabe

Matthias Schneider & Remo Gianfrancesco, Frankfurt

Mit der „Cloud Eatery“ haben Matthias Schneider und Remo Gianfrancesco ein fortschrittliches Ghost-Kitchen-Konzept aus der Taufe gehoben. Die Krise der Betriebsgastronomie könnte ihnen den Weg nach oben ebnen.

City Special Toronto

Kanadas wirtschaftliches Epizentrum mausert sich auch kulinarisch zu einer echten Trendmetropole.

Mitarbeiterbeteiligung

Transparenz und Teilhabe entwickeln sich zu wichtigen Faktoren im Wettbewerb um Gastro-Talente.