Der finnische Food Delivery Service Wolt weitet aktuell sein Geschäft in Deutschland aus. Foto: Wolt
Der finnische Food Delivery Service Wolt weitet aktuell sein Geschäft in Deutschland aus. Foto: Wolt

Delivery-Spezial: Was will Wolt?

Lieferando, der Quasi-Monopolist im Food-Delivery-Markt, bekommt Konkurrenz. Zumindest in einigen Metropolen. Was wollen die Finnen von Wolt, deren Kuriere nunmehr durch die Straßen von Berlin, München, Frankfurt und Hannover flitzen? Wir haben Fabio Adlassnigg, Wolt Communications Manager Germany, PR & Communications, befragt.

Just Eat Takeaway.com, der Lieferando-Mutterkonzern, ist der Ansicht, dass in jedem Land nur ein Essens-Lieferdienst profitabel arbeiten kann. Nun ist Wolt im August 2020 neu in den deutschen Markt eingestiegen. Warum sollte die Gastronomie Ihren Service in Anspruch nehmen?

Fabio Adlassnigg: Blicken wir zunächst auf Wolts Werdegang: Unser Heimatmarkt Finnland ist auf den ersten Blick ein sehr schwieriges Pflaster. Ein starker Wohlfahrtsstaat, eine geringe Vermögensungleichheit, zugleich hohe Arbeitskosten. Das alles bei vielen kleinen, dünn besiedelten Städten. Dazu eigentlich keine gelernte Liefer-Kultur. Insofern gab es damals vielleicht kein schlechter geeignetes Land, um Wolt zu gründen. Dem Unternehmen blieb deshalb nur, besonders gut und hocheffizient zu arbeiten, dank Technologie.

Deshalb verstehen wir uns auch als Delivery-Anbieter der zweiten Generation, die das Essen für das Restaurant auch zum Gast bringen. Wollen wir die Entwicklung in einem Wort zusammenfassen, so würden wir uns als Logistik-Optimierungs-Unternehmen beschreiben, das eine effiziente, aber auch preiswerte Auslieferung für das Restaurant gewährleistet.

Zugleich können wir auf diese Weise aber auch eine gute und insbesondere gleichbleibende Kundenerfahrung garantieren. Dabei natürlich nicht zu vergessen, eine gute Kundenerfahrung bedeutet am Ende auch, dass der Kunde wieder bei seinem neuen Lieblings-Restaurant bestellt.

Unser größter Wettbewerber ist dabei nicht das von ihnen benannte Unternehmen, sondern wir konkurrieren um die vielen Millionen Deutschen, die noch nie einen Service wie unseren in Anspruch genommen haben.

Delivery-Unternehmen geraten immer wieder wegen ihrer Arbeitsbedingungen ins Kreuzfeuer. Wolt wirbt mit fairen Arbeitsbedingungen. Wie sehen die aus?

Als finnisches Unternehmen sind wir tief verwurzelt im Modell des skandinavischen Wohlfahrtsstaates. Deshalb war für Wolt von Anfang an klar: Die Lösung liegt nicht in Kampfpreisen und Dumpinglöhnen. Wir wollen durch Qualität und soziale Verantwortung überzeugen.

Alle unsere Kurier*innen sind fest angestellt, krankenversichert und werden erkennbar über Mindestlohn bezahlt. Wir wollen den Kurier*innen jedoch auch die Freiheiten der neuen Arbeitswelt ermöglichen, deshalb bezahlen wir eine zusätzliche Vergütung für jede ausgeführte Bestellung. Liefert die Wolt Kurier*in also mehr Bestellungen aus, ist es auch möglich, mehr Geld zu verdienen. Liegt dann einmal doch kein Auftrag vor, bekommt unsere(r) Kurier*in dennoch einen fairen Stundenlohn. Die Wolt Kurier*in, deutschlandweit aktuell etwa 3.000, hat also in jedem Fall ein festes Einkommen und ist im Krankheitsfall abgesichert.

Wie hoch sind die zu zahlenden Provisionen und Gebühren, für die Gastronomen einerseits und für die Besteller andererseits?

Die Provisionssätze liegen in Deutschland bei 30% für Bestellungen, die ein Restaurant über Wolt erhält und von Wolt Kurier*innen austragen lässt. Wolt fokussiert sich hierbei ausschließlich auf Restaurants, die keine eigene Lieferung anbieten. Dabei gilt für uns, Lieferungen unter 35 Minuten, und das bestmögliche Kundenerlebnis – dann sind wir erfolgreich.

Ein/e Kund*in in Deutschland zahlt 1,90 € für Bestellungen mit einem Lieferradius von 1 Kilometer. Für längere Lieferwege fällt ein Entfernungszuschlag an, der je nach Stadt variiert. Der maximale Betrag, den ein/e Kund*in für eine Lieferbestellung bezahlt, beträgt 2,90 €.

Im Gegensatz zu Lieferando hat sich Wolt auf das zusätzliche Ausliefern der Speisen spezialisiert. Foto: Wolt
Im Gegensatz zu Lieferando hat sich Wolt auf das zusätzliche Ausliefern der Speisen spezialisiert. Foto: Wolt

Bieten Sie Ihren Kunden die Möglichkeit, auf Mehrwegbehälter zurückzugreifen?

Derzeit testet Wolt den Einsatz verschiedener Anbieter von Mehrwegsystem für Essen zum Mitnehmen und Liefern. Beispielsweise derzeit in Berlin mit ausgewählten Restaurants und dem Anbieter Vytal. Wir sind zuversichtlich, dass wir bei Wolt bald auch flächendeckend ein Mehrwegsystem verfügbar machen können.

Lieferando steht aktuell im Zusammenhang mit den sogenannten Schatten-Websites stark in der Kritik. Was halten Sie von dieser Praxis? Betreiben Sie selbst Schatten-Websites?

Ich bitte um Verständnis, dass wir das Geschäftsgebaren anderer Anbieter grundsätzlich nicht kommentieren. Ich kann ausschließen, dass Wolt sogenannte „Schatten-Websites“ betreibt.

Von Wolt wiederum hört man, dass Sie in die Preisstruktur Ihrer Kunden dahingehend eingreifen, dass diese ihre Preise nicht partiell anheben dürfen, um ihr Geschäft trotz der 30-Prozent-Provision wirtschaftlich betreiben zu können. Stimmt das? Wenn ja, wie lautet Ihre Begründung?

Ich kann Ihre Frage leider nicht nachvollziehen. Können Sie die Frage noch etwas präzisieren?

Ein Beispiel: Restaurant X nutzt den Wolt-Service zur Auslieferung seiner Speisen und muss dafür 30% Provision zahlen. Um diesen Wertschöpfungsverlust etwas abzumildern, erhöht das Restaurant die Preise für die online bestellten Gerichte um z.B. 10% gegenüber dem Vor-Ort-Verzehr oder der Vor-Ort-Abholung. Es heißt, dass Sie dies untersagen, sprich in die Preisgestaltung der Restaurants eingreifen.

Ich kann ausschließen, dass wir unterschiedliche Preisstrukturen bei Abholung und Lieferung im System eingepflegt haben. Im Sinne der vollkommen Transparenz führen wir alle Restaurants zu denselben Preisen wie im Restaurant. Die geringe Liefergebühr, die der Verbraucher zahlt, deckt jedoch nicht die Kosten einer Lieferung. Wollen wir über einen Lieferdienst ohne Kampfpreise und Dumpinglöhne sprechen, so sind wir fest davon überzeugt, dass wir nicht nur Verantwortung für unsere Kunden und Restaurants, sondern auch für unsere Kuriere tragen müssen. Insofern, ja, Wolt berechnet eine Provision vom Restaurant pro Bestellung. Ein großer Teil der Provision deckt jedoch die faire Bezahlung der Wolt Kurier*innen. Schauen wir uns die Kalkulation im Detail an, ist die Provision für mein Restaurant letztendlich günstiger, als sich selbst um die Lieferungen zu kümmern.

Zur Wolt-Plattform: wolt.com

Weitere Artikel im Delivery-Spezial: 
> "Ein Markt mit extrem dünnen Margen" - Interview mit Moritz Heininger (DiscoEat)
> Lieferando und die Schatten-Websites
> Das rät der DEHOGA