Alte Liebe: Sternerestaurant, Nachbarschaftsrestaurant, und manchmal sogar Bar
Alte Liebe: Sternerestaurant, Nachbarschaftsrestaurant, und manchmal sogar Bar

Gastronomie in Progress

Wie gut Benjamin Mitscheles Augsburger Doppelkonzept werden würde, war nicht von Anfang an klar. Und wie engagiert sich Peter Karl dem Sommelierberuf widmen wollte, erst recht nicht. Entstanden ist eine lockere Form von Gastronomie, die jeden inspiriert.
Text: Wolfgang Fassbender

Ein Eigenleben hat die Alte Liebe bekommen. Und was für eines. Wo es doch zu Beginn einfach nur eine coole Kneipe sein sollte, wie es sie in Berlin-Neukölln oder Mitte an jeder zweiten Ecke gibt. Ein paar Naturweine, eine nette Atmosphäre, kreative Kleinigkeiten zum Essen. Die Augsburger waren überrascht und näherten sich. Obwohl auch Naturwein angeboten wurde. Ein Kampf gegen Windmühlen sei es in dieser Hinsicht gewesen, zumindest am Anfang, sagt Benjamin Mitschele, der Küchenchef und Inhaber. Augsburg ist eben nicht Berlin, und manche Skeptiker bezweifeln sogar, dass man überhaupt von einer hiesigen Gastroszene sprechen kann. Doch vielleicht war die Neugier der Menschen gerade deswegen groß. „Die Entwicklung dieser Kneipe ging im Laufe der Zeit immer mehr hin zu einer verfeinerten Küche“, so Benjamin Mitschele. „Irgendwann hat das Ambiente nicht mehr zu den Speisen gepasst.“ 2019 zog das Team in die Alpenstraße und machte sich daran, ein neues, ernsthafteres Konzept zu gestalten. Nur an vier Abenden ist inzwischen geöffnet, an zweien geht es an der Theke und im Gastraum eher bar- und bistrolike zu, während an den beiden anderen – freitags und samstags – die inzwischen vom Guide Michelin mit einem Stern und vom Gusto mit acht Pfannen ausgezeichnete Gourmetküche angeboten wird.

Um Auster & Mezcal (Barfood), den Bergkäse mit grünen Erdbeeren und Crackern (Bistrokarte) oder die High-End-Gerichte mit den passenden Getränken zu begleiten, hat Peter Karl eine Weinkarte zusammengestellt, der Dogmen fremd sind; auch das Thema Naturwein wird eher smart, nicht auf penetrante Weise ausgebreitet. Das hängt auch damit zusammen, dass Karl ein Sommelier-Quereinsteiger ist, der, obgleich in Bayern geboren, viele Jahre lang in der Berliner Gastronomie gearbeitet und schon so viel Erfahrung mit Gästen gesammelt hat, dass ihn nichts mehr aus der Fassung bringt. Im Einstein Unter den Linden ging es in önologischer Hinsicht vor allem um Klassisches, etwa von VDP-Weingütern. Auch nicht schlecht. Doch irgendwann merkte Karl, dass es einen beruflichen Weg abseits der klassischen Chef-de-Rang-Position gibt. 2019 wechselte er aus familiären Gründen von Berlin nach Augsburg, fand nicht nur in der Alten Liebe eine neue Heimat, sondern traf zufällig Astrid Löwenberg, die in München seit vielen Jahren jungen Menschen das weintechnische Handwerkszeug beibringt. Bald begann er seine Sommelierausbildung, die er aller Voraussicht nach demnächst abschließen wird. Demut bringt er reichlich mit. „Ich sehe die Weinreise erst als eröffnet an“, sagt Karl und scheint damit nicht nur seine eigene zu meinen, sondern auch die, welche die Gäste der Alten Liebe antreten.

Zumindest eine ganze Anzahl an Spannendem aus der Weinwelt ist schon da und steht auf der rund 300 Positionen umfassenden Karte der Alten Liebe, welche mit Vielfalt beeindruckt, ohne ins Beliebige abzudriften. Dass die Preise nichts mit denen zu tun haben, die man oft in Münchner Restaurants aufzurufen pflegt, ist ein interessanter Aspekt, die für ein junges Restaurant überraschende Jahrgangs- und Erzeugertiefe ist ein anderer.

Mitschele

Küchenchef

Benjamin Mitschele, geboren am 09.06.1983 in Augsburg

Stationen:
• Magnolia (Augsburg)
• Scent (Berlin)
• Alte Liebe (Augsburg)

Dessen Ex Vero I wird im Moment zum angebratenen Kalbsbries empfohlen, ein Ragout von Topinambur und Steinpilzen gibt es auch, Kaiserlinge sind mit dabei, Hendlsaft mit brauner Butter wird angegossen. Vermutlich würde die Komposition aus Sauvignon Blanc und Chardonnay nicht so gut zum Essen passen, wenn nicht noch ein paar gesalzene Kumquats fruchtige Akzente im Unterbau lieferten. Rieslaner vom Weingut Odinstal, eine Auslese, gibt es dann zu Zwetschgendatschi nach Art der Alten Liebe. Eine Cremigkeit sei da vorhanden, sagt Peter Karl, welche der Pfälzer Süßwein schön zerschneide.

Wenn es einmal nicht Wein sein soll, süßer oder trockener, dann vielleicht Cidre. Den gibt es ebenso wie das Bier, das aus einer bayerischen Stadt ja nie wegzudenken ist. Man arbeitet mit einer handwerklich aufgestellten Brauerei zusammen und hat auch jenseits der Getränke Ansprüche an Regionalität und Nachhaltigkeit, die weit über den gastronomischen Durchschnitt hinausgehen. Seit dem vergangenen Jahr gehört sogar eine eigene Gärtnerei zum Konzept. Das gehe aber nur, sagt Benjamin Mitschele, weil seine Frau von Beruf ­Gartenbauingenieurin sei. „Allein ­würde ich mir das nicht anmaßen.“ Auch die flach angesetzten Hierarchien gehören zur Sustainability-Idee des Restaurants – und Weiterentwicklung ist immer ein Thema. „Ich habe das Kochen angefangen, weil ich so gerne esse“, so Mitschele. „Wir versuchen unsere Urlaube so zu legen, dass wir in tolle Restaurants gehen können.“ Das Restaurant Sosein hat ihn inspiriert, das Septime in Paris. Wer weiß, auf welche Ideen man hier im Jahr 2023 kommt. „Die Alte Liebe ist ein Work-in-progress“, sagt der Chef zum Schluss.

Mitschele und sein Team holen die Sterneküche in die Eckkneipe
Mitschele und sein Team holen die Sterneküche in die Eckkneipe
Eine der Herzkammern der Alten Liebe liegt vor den Toren der Stadt: In Ines Mitscheles Gärtnerei gedeihen aromastarke Gemüse, Kräuter und Früchte.
Eine der Herzkammern der Alten Liebe liegt vor den Toren der Stadt: In Ines Mitscheles Gärtnerei gedeihen aromastarke Gemüse, Kräuter und Früchte.

02-2022

Themen der Ausgabe

Panorama

Pechstein - die dunkle Seite von Forst

Pairing

Alexandra Rehberger und Hannah Müller – Weinkompetenz im Schloss Hohenstein

Probe

Brunello – Die neue Hierarchie