Als Kolumnist legt Sebastian Bordthäuser den Finger in die Wunden der Kulinarik.
Als Kolumnist legt Sebastian Bordthäuser den Finger in die Wunden der Kulinarik.

Drei Urteile: GOLD

Mit dem Aufkommen der Nouvelle Cuisine in Deutschland vor rund 50 Jahren entstand bald ein weiteres Genre: Die Gastronomie-Kritik. Begehrlichkeiten mussten entwickelt werden, schließlich galt es die Plätze der neuen „Feinschmecker-Tempel“ zu füllen. In dieser Bezeichnung lag bereits eine gewisse Spitzfindigkeit, denn diese Feinschmeckerei war eine höchst suspekte Angelegen-heit, zu der sich schwerreiche Leute in elitären Etablissements trafen, um viel zu kleine Portionen Frösche und Hummer zu verspeisen. Dem deutschen Grobschmecker war das zunächst so suspekt wie Stonehenge.
Die Süddeutsche Zeitung brachte erste gastronomische Rezensionen und attestierte der kulinarischen Wende damit journalistische sowie kulturelle Relevanz. Es entstand eine Reihe von Fachpublikationen und Magazinen, die das Bild der Kulinarik der letzten 50 Jahren maßgeblich geprägt haben. Die Berichterstattung oblag Profis mit entsprechender Fachkenntnis, die sowohl das Vorurteil als auch den Jargon der Eigentlichkeit vermieden wie der Teufel das Weihwasser. Heute ist Kritik völlig demokratisiert und zahlreiche Internet-Plattformen buhlen um die Gunst der Esser, ihren Sermon abzugeben, ungeachtet ihrer Kompetenz. Es geht um Befindlichkeiten. Das ist auch okay, schließlich handelt es sich um eine private Wahrheit, auch wenn die sich in einem Schnitzel mit Pommes als höchstem Gut erschöpft. Bei Lichte betrachtet leidet der private Kritiker zweifellos unter dem Dunning-Kruger-Effekt. Der verbietet ihm, seine eigene verzerrte Selbstwahrnehmung als Profi von einer Meta-Ebene zu beobachten und so zu begreifen, dass er völlig ahnungslos ist.
 Der Gourmand hingegen vermag dank langjähriger Feinschmeckerei souverän sublime Kritik zu äußern und bemerkt natürlich sofort, wenn die Sauce „out of focus“ ist. Beide haben recht, und beiden ist eines gemein: Die Kultur des sauertöpfischen Moserns. Selbstredend auf unterschiedlichem Niveau. Der neuen, demokratisierten Kritik-Kultur geht ein anderes Elend voraus: die Nachfrage. Aus diesem Spannungsfeld entsteht zusätzlich zur allgegenwärtigen Kritikbereitschaft ein Kompetenz-Gerangel babylonischen Ausmaßes um die einzig korrekte Meinung, die als ohrenbetäubender Lärm die Geräuschkulisse startender Flugzeuge bei Weitem übertrifft. 
Dabei ist die Lösung so einfach: Wenn’s einem nicht gefallen hat, einfach nicht mehr hingehen. Natürlich schmeckt es einem hier besser als dort, ganz so wie früher, in der Schule, wo man lieber bei Sven zu Mittag gegessen hat als bei Susanne, weil Svens Mutter eben besser kochen konnte. Man stelle sich an diesem Szenario die Bemängelung des Garpunktes des Gemüses vor, neben dem wohlmeinenden Hinweis, die Sauce leide ein wenig unter zu starken Röstnoten. Man hätte entsetzte Blicke geerntet. Die Frage ist nur. Seit wann ist das okay? Und warum?
„Wer nicht fragt, der bekommt auch nicht“, ein Kölsches Sprichwort, das mir ans Herz gewachsen ist. Es lässt mich oft zweimal überdenken, was ich frage und vor allem, ob ich darauf antworten mag.