Sebastian Bordthäuser über Corona-Folgen und die Verschiebung der Räumlichkeit.
Sebastian Bordthäuser über Corona-Folgen und die Verschiebung der Räumlichkeit.

Die Ausweitung der Mampfzone

Der klassische Jahresrückblick, der vermeintliche Trends auf Relevanz abklopft, spielt heuer keine Rolle. 2020 erlebte durch den wiederholten Lockdown eine tiefgreifende Zäsur, die nachhaltig die Grundfeste der kulinarischen Welt erschütterte. 
Was gestern noch einheitlich als „Gastronomie“ gesehen wurde, zerbröselte in zahllose Krisenherde: Restaurants, Wirtschaften, Veranstaltungsräume, Bars, Caterer, Mensen und nicht zuletzt die Zulieferer wie Bauern, Manufakturen und Gänsezüchter. Nun kann man daheim sitzen und sich zu Recht um seine Zukunft sorgen, die in vielen Fällen ungewiss ist. Gewiss ist jedoch eins: Der Lockdown ist Fakt und die Pandemie wird uns vorerst weiterhin begleiten. Deshalb müssen wir diese neue Situation als Ausgangsposition annehmen und an die neuen Herausforderungen adaptieren. Dafür lohnt der bewährte Blick über die Schulter: Was hat sich in den letzten zehn Monaten verändert? 
Eine Menge. Nummer eins: die Solidarität der Gäste mit ihren Restaurants und Gaststätten. Doch darf es hier nicht um Dankbarkeit gehen, sondern darum, seinem Beruf nachgehen zu können. Essen und somit die Gastro sind daher trotz abweichender Regierungsansicht system­relevant, denn ohne Essen stirbt man. Dabei geht es nicht nur um Restaurants, sondern auch um Angestellte und Lieferanten. Inzwischen ist die kulinarische Welt enger zusammengerückt: Produkte exklusiver Zulieferer und Delikatessen, die einst wenigen Spitzenköchen vorbehalten waren, sind plötzlich vielerorts zu bekommen und viele Restaurants „morphten“ zu Feinkost-Versandhäusern.
Die einschneidendste Veränderung ist jedoch die Verschiebung der Räumlichkeit. Machte die Kulinarik a. C. (ante Corona) die Hälfte eines Restaurantbesuchs aus, bestritten die andere Hälfte Atmosphäre, Service und Ambiente – und damit der Raum. Vom mit klassischer Musik beschallten Gourmet-Tempel mit hochflorigem Teppich bis zur neonbeleuchteten Garage mit gekacheltem Boden und feinster Sichuan-Küche: Der Raum war stets zentraler Teil des Erlebnisses. Diese untrennbare Einheit wurde mit dem letzten Jahr vorerst aufgehoben – und damit neue Räume geöffnet: Die eigenen vier Wände wurden Teil der Inszenierung. 
Doch ist das nicht eine Cocooning-Dystopie? Ja und nein. Statt sich selbst von A nach B zu bewegen, gondeln seit Epidemie-Beginn Zillionen Pakete durch die Gegend. Andererseits erlaubt dies einen unverstellten Blick auf das Angebot des Restaurants, ohne dass man durch die Kulisse beeinflusst ist. Ergo: das Wesentliche. 
Was bleibt, ist das, was auf dem Teller liegt. Solange wir nicht reisen können, wird dies ein Teil der kleinen Welt sein, die wir uns nach Hause holen können. Remember: Vor zehn Monaten kam per Kurier höchstens eine räudige Pizza nach Hause. Was mit lokalem Take-Out begonnen hat, hat eine ungebremste Dynamik entwickelt, die zu Beginn der Pandemie niemand vorausgesehen hätte. Doch was kommt als nächstes? Das Thema des Raumes ist mit unserem Zuhause bei Weitem nicht ausgereizt. Supper Clubs? Speakeasies? Private Cooking? Globale Zoom Sessions? Sicher ist: Wer jetzt flexibel bleibt, hat die besten Chancen. Bis zum nächsten Jahresrückblick bleibt also weiterhin alles anders.