Peter H. Müller spricht Themen aus der Gastro- und Wein-Szene an.
Peter H. Müller spricht Themen aus der Gastro- und Wein-Szene an.

Ärzte sind die schlim­msten Patienten

Kommen ein Hotelier, eine Köchin und ein Sommelier in ein Restaurant …
Zur Person der Köchin ist Folgendes zu sagen: Sie stammt aus einer fünfköpfigen Familie, die durchschnittlicher kaum sein könnte. Sie ist gutaussehend und wirkte schon immer recht „petite“. Ein Grund zur elterlichen Verwunderung, als sie mit Beginn der Pubertät die Spitzenschuhe gegen Chucks tauschte und sich dem Punk verschrieb. Ein Grund mehr zur Verwunderung der Jungs aus ihrer Clique, wenn das zierliche Mädchen, das sich im Alter von 15 Jahren die Verruchtheit einer Nina Hagen zu eigen machte, sie beim Dosenstechen problemlos links liegen ließ. Sie absolvierte eine Ausbildung zum Koch (nicht zur Köchin*) im angesehensten Gasthof ihrer Region. Dort lernte sie wahrhaftiges Kochen kennen – allerdings auch die reibeiserne Realität hinter den Kulissen eines Hauses, das von einem sadistischen, Pfannen werfenden Patriarchen geführt wurde, der seinem Hang zum gelbgalligen Jähzorn nur zu gerne nachgab. So legte sie sich ein dickes Fell (und das Stockholm-Syndrom*) zu und überzeugte durch Schmerzfreiheit und Können. Allerdings adaptierte sie ebenfalls politisch inkorrekten Humor und ist der Überzeugung, dass es die einzig richtige Schule sei, nicht beschriftetes Mise-en-place im Kühlhaus kommentarlos zu entsorgen. Nach der Ausbildung ging es von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten in den angesagtesten Restaurants Europas. Wenngleich man eine Woche lang lediglich die Silberhäute von Zwiebeln via Pinzette entfernt und abgeflämmt hat – und nichts anderes –, dann steht da trotzdem das Noma im Lebenslauf. 
Nun ist sie Mitte Zwanzig, arbeitet als Entremétier in einem Zweisterner, glaubt so ziemlich alles gesehen zu haben, trinkt ab und an mal einen guten Schluck Noilly Prat im Trockenlager und schikaniert ihre einzige weibliche Kollegin in der Küche mit plumpen Witzen über deren Gewicht. 
Nun betritt dieser Mensch also ein Restaurant kurz vor Annahmeschluss der Bestellungen (nachdem am Parkplatz noch Jägermeister die Runde machte und die letzte Kippe direkt vor dem Eingang neben dem Aschenbecher ausgetreten wurde*). Das nun folgende Schema ist einfach und gelernt. Anfangen mit Champagner (welcher spielt dabei keine Rolle*). Es wird das Menü mit Weinbegleitung bestellt sowie ein weiterer Gang À-la-Carte und eine Flasche Grauburgunder zur Sicherheit. Mit dem Abservieren des Amuse Bouche sowie nach jedem weiteren Gang geht sie eine rauchen oder auf die Toilette oder beides. Wenn sie jemand zum Rauchen begleitet, nimmt man sich gerne ein kleines Bier mit und ist 15 Minuten lang nicht am Tisch. Jedweder Gang wird abfotografiert und (meist noch vor Genuss*) in den sozialen Medien zur Schau gestellt (#gönnjamin). Nach dessen Verzehr wiederum wird kurz und bündig statuiert, wie viele Punkte diese Speisenkomposition nun in Wirklichkeit wert war und was man hätte besser machen können.
Ab und an blickt sie aus dem Schimmer des Bildschirms ihres Smartphones hinaus in die Runde am Tisch und versucht sich in zwischenmenschlicher Interaktion.
Schlussendlich verlässt sie das Lokal, um noch auf einen Absacker in die nahe gelegene Klause zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits alle Lampen an. In nächster Zukunft berichtet sie nur zu gerne zu jeder Gelegenheit von ihrem Besuch dieses Restaurants mit einem lapidaren, lobenden Satz (von der Gewichtung eines „ganz nett“*) gefolgt von einer langen Liste all dessen, was ihr nicht zugesagt hat. 
*Anmerkungen des Kolumnisten