Piwi-Power

Sauvignac; Foto: Rebschule Freytag/www.rebschule-freytag.de
Sauvignac; Foto: Rebschule Freytag/www.rebschule-freytag.de

 

Ökologische Erzeugung und Nachhaltigkeit gewinnen bei Weinfans derzeit enorm an Bedeutung. Statt auf Spritzmittel und modernen Schleppern liegt das Augenmerk auf natürlicher Pflanzenstärkung und Handarbeit. Damit rücken die pilzwiderstandsfähigen Rebsorten ins Rampenlicht. Wir haben den sensorischen Check gemacht und 70 Piwis verkostet. Unsere Favoriten finden Sie in Ausgabe 2/21 von MEININGERS WEINWELT ab Seite 84.

Text: Christoph Nicklas

Mit dem Attribut „enkeltauglich“ zog der Piwi-Fachmann und Weinbautechniker Josef Engelhart von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) beim ersten Piwi-Forum 2018 sein Fazit für die Zukunftsmöglichkeiten resistenter Reben. Weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz, weniger Arbeitsstunden pro Hektar, gesündere Böden und geringerer CO2-Ausstoß dank weniger Traktor-Durchfahrten sowie die Kombination mit ökologischer Bewirtschaftung machen den Piwi-Anbau aus der Sicht von Engelhart zu einem nachhaltigen und generationenübergreifend fairen Projekt.

Mehr und mehr Winzer sehen das ähnlich, denn nach Zahlen des Deutschen Weininstituts wuchs die Piwi-Anbaufläche von 2005 bis 2015 um 100 auf 2 400 Hektar. Und obwohl z. B. die Produktion des Regent, Mitte der 1990er als erste widerstandsfähige Sorte in Deutschland zugelassen, nach einem Höhenflug auf über 2 000 Hektar im Jahr 2006 wieder rückläufig ist: Das Angebot und die Vielfalt an empfehlenswerten Piwis war nie größer als heute. Dafür verantwortlich ist zum einen der aktuelle, technisch verbesserte Forschungsstand, bei dem nach unserer Wahrnehmung im Tasting auch die Sensorik der Weine stärker im Mittelpunkt steht.

Piwis sind immer Neuzüchtungen, die aus einer Kreuzung der europäischen Vitis-Vinifera-Arten mit wilden, resistenten amerikanischen Reben (z. B. Vitis Amurensis) hervorgehen. Diese wilden Reben, für sich alleine betrachtet, bringen keine Trauben hervor, die für ein ansprechendes Sensorikprofil sorgen, und werden deshalb nicht zur Weinerzeugung genutzt. Mit der richtigen Kreuzung und feinfühliger Behandlung in Weinberg und Keller kommen heutzutage jedoch Piwis auf die Flasche, die durchaus Spaß machen.

Drei Dinge fielen uns deutlich auf. Erstens: Die weißen Sorten dominierten bei der Verkostung in Quantität und Qualität eindeutig. Während sich ein Teil der Rotweine sehr rustikal, gerbig-spröde und aromatisch nicht sehr erfreulich zeigte, konnten die Weißen durchweg punkten und erinnerten bisweilen an populäre Sorten wie Sauvignon Blanc, Muskateller oder Petit Manseng. Was zu Punkt zwei führt: Piwis sind in den meisten Fällen aromatisch sehr laut, expressiv und eher säuremild. Die leisen, feinen Töne, die z. B. Fans von Pinot und Chardonnay schätzen, findet man hier definitiv nicht, ebenso wenig wie die rassige Riesling Säurefrische. Was den Piwis aber sehr gut stand, so unsere dritte Erkenntnis, war eine mutige Handschrift des Winzers, z. B. ausgedehnter Weißwein-Maischekontakt, gekonnter oxidativer Ausbau, langes Hefelager oder dezenter Holzeinsatz. Das verleiht nicht nur den bekannten europäischen Klassiker-Rebsorten viel Charakter, auch Piwis können davon profitieren. Wie so oft kommt es also nicht zwingend auf die Sorte der Trauben an, sondern, wie der Winzer mit ihr umgeht. Einen Blick wert sind die Piwis daher allemal! 

 

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