Trends von damals bis morgen

Kolumne Sebastian Bordthäuser
Issue: 
01
2019
Thursday, 28. February 2019 - 10:15
Column

Das neue Jahr bietet Gelegenheit für einen wohlwollenden Blick zurück in sanften Sepia-Tönen: Was war gestern, was kommt morgen? Welche Trends erwarten uns 2019? ­Profis und Influencer werden befragt, damit auch jedem möglichst schnell verkauft werden kann, welche Sau gerade durchs Dorf zu prügeln ist.

Diese Listen sind pure Zeitverschwendung. Haarsträubendes wie essbare Trinkhalme, rosafarbenes Essen und exotische Getreidesorten mit vermeintlichen Zauberkräften werden zu Hypes hochgeschrieben, von Leuten, die auf Teufel komm’ raus die Seiten ihrer Magazine füllen müssen. Hybride wie ­Cronuts oder Sushi-Burritos sind Irrwege­, ähnlich der Pizza-Gyros, die als Untote immer noch durch die Imbissbuden der Vorstädte geistern. Was sich bewahrheitet steht natürlich in den Sternen. Hätte uns vor zehn Jahren jemand erzählt, dass man aus Hafer oder Mandeln Milch macht – wir hätten mit dem Kopf geschüttelt. Zeit, zurückzublicken und zu prüfen, welche Trends sich nicht durchgesetzt haben, oder noch besser: was endlich abgeschafft gehört.

Unter den Trendvoraussagen begegnet einem immer wieder die Bowl, zu Deutsch Napf. Eine Prognose, die sich leider durchgesetzt hat. Unter dem Motto „Essen wie Sträflinge“ werden auch in Stätten kulinarischer Hochkultur erwachsene Menschen gezwungen, aus Näpfen zu löffeln. Die Form korrumpiert dabei den Inhalt. Seit nicht mehr für Gäste, sondern für Instagram angerichtet wird, ist die „Eatability“ aus dem Fokus geraten. Das Leben in Schönheit gewinnt, das Plating erfolgt ohne Sinn und Verstand. Entweder kommt jeder zweite Gang in der Schüssel, oder die Sauce mit einem Monolog – auf flachen Tellern ohne Saucenlöffel. 

Eine weitere Facette ist das gnadenlose Deko-­Regiment. Stichwort: Kresse-­Exzesse! Jeder Teller brilliert mit mindestens drei verschiedenen Kresse-Sorten. Sogar beim Nachtisch. Eine Position, die nicht billig ist und sich in der Kalkulation niederschlägt. Der reguläre Gast aber entfernt wie meine kleine Nichte als Erstes alles Grüne, was auf dem Essen liegt. Kresse zum Beispiel. Man kann froh sein, dass sich der seit Jahren prognostizierte Trend zu rosafarbenem Essen partout nicht durchsetzen will und bis auf rosa Einhorn-Bratwürstchen kaum weiter in unsere Nahrungskette vorgedrungen ist.

Im Spannungsbogen frohlockender Orakel und sentimentaler Rückblicke folgt der alljährlich gleiche Aufguss: Was trinke ich eigentlich zur Gans? Und der unverzichtbare Glühweintest: Wie viel Alkohol ist drin, was darf er kosten, und ist das alles nicht eigentlich eine Riesenabzocke? Natürlich ist es das, aber was kann man erwarten von einem Volk, das an kulinarischer Apathie mit psychotischen Zügen leidet und Jahr für Jahr hektoliterweise EU-Überschussproduktion, versetzt mit künstlichen Aromen, in sich hineinbechert? Wie man das ändert? Braucht man dafür wirklich TV-Formate? Oder liegen die Antworten doch bei uns und unserer Branche? Die Autoindustrie hat jüngst festgestellt, dass SUVs mit 47% Zuwachs das am schnellsten wachsende Segment sind, aber leider kein Modell über 165.000 Euro angeboten wird. Bentley hat sofort reagiert und diese Lücke erfolgreich geschlossen. Auf 2019!