Nichtschwimmer, die Erlebnisbäder bewerten

Kolumne Peter H. Müller
Issue: 
04
2018
Thursday, 8. November 2018 - 13:15
Column

Eine junge Frau arbeitet in einer Vinothek in einem Weinbau­gebiet. Gewissenhaft, von Neugier angetrieben und voller Charme verrichtet sie ihre Arbeit. Es ist ein ganz normaler Samstag. Drei gestandene Mannsbilder mittleren Alters betreten am Vormittag ohne zu grüßen die Koststube und verteilen ihre Mobiltelefone, Portemonnaies und Schlüsselbunde auf dem Tresen. Der eine in schwarzer ­Lederhose, Jeansjacke und mit der schönsten James-Dean-Tolle, die er mit seinen verbliebenen 228 Haaren noch hinbekommt. Der andere, sichtlich fülliger, im Leinenhemd, das bis zum Bauch­nabel aufgeknöpft ist und seine behaarten Männerbrüste unweigerlich zur Schau stellt. Der Dritte trägt ein hellblaues Hemd und einen rosa Cardigan über den Schultern. „Schatz, wir wollen was kosten! („Kosten“ steht in diesem Fall für saufen ohne viel dafür zu bezahlen.) „Was hast Du denn Gutes für uns?“, fragt die Lederhose. Die junge Dame beginnt aufzuzählen, welche Weine aus dem Sortiments zur Verkostung zur Verfügung stehen, wird jedoch unmittelbar vom Cardigan unterbrochen: „Na, fang einfach mal an! Ist ja trockener hier als bei meiner Frau im Schlafzimmer!“ Alle drei prusten vor Lachen. Zuvorkommend bringt sie einen Wein nach dem anderen, bekommt hier und da eine Frage gestellt, deren Antwort jedoch keinerlei Gehör findet. „Der ist zu jung“, deklamiert die Lederhose und leert das Glas vor ihm, dessen Stiel er noch nicht einmal berührt hat. „Der geht gar nicht“, schimpft das Dekolleté und schüttet sich den Rest des bemängelten Weines in den Hals. „Jetzt gib‘ mal was von denen da“, fordert der Cardigan und zeigt auf die drei teuersten Weine. „Der hat ja viel zu viel Holz!“ „Nein, das hat er nicht“, bricht die junge Dame freundlich ihr strapaziertes Schweigen, „er ist in der Amphore ausgebaut.“ „Ach, und Du warst dabei, oder was?“, erwidert das Dekolleté belächelnd. „Ja“, sagt sie höflich. „Ich habe dort ein Praktikum gemacht. Das Weingut besitzt gar keine neuen Fässer. Es mag also sein, dass Ihnen dieser Wein nicht schmeckt, aber zu viel Holz hat er definitiv nicht.“ Zwei Liter später kaufen die drei Herren je sechs Flaschen eines Wein gewordenen Äquivalents zu einem Billy-Regal und bestätigen sich beim Rausgehen mit: „Süß, aber ganz schön vorlaut, die Kleine!“

Alternatives Ende: Während des vorangehenden Gespräches betritt zufällig der renommierteste Winzer der Region die Vinothek, begrüßt deren Mitarbeiterin und wendet sich den Herren zu mit den Worten: „Da hat sie vollkommen Recht.“ Überschwänglich wird er begrüßt, da man sich damit brüsten muss, ihn zu kennen und es wird angestoßen. Zwei Liter später kaufen die drei Herren je sechs Flaschen des besagten Weines und lehnen danach an ihren Offroader-Limousinen. „Der hat‘s einfach drauf! Super Kerl“, meint der Cardigan über den Winzer. „N‘richtigen Knackpo hat die Kleine! Hübsches Ding“, erwidert das Dekolleté.