Azoren - Weg zur Spitze

Text: Christine Krieger
2015
Thursday, 29. October 2015 - 8:45

Mitten im Atlantik erhebt sich die Azoren-Insel Pico, wo der höchste Berg Portugals über der Weinlandschaft thront. In der rauen Landschaft Qualitätsweine zu erzeugen, scheint genauso unnahbar zu sein, wie der Gipfel des Vulkanbergs. Doch mehr und mehr Weingüter wagen den Weg zur Spitze – und kommen dem Ziel schon ziemlich nahe.

Credits: Sabine Wulffert

Es klappert, klirrt und klimpert … Thomas Grundmann balanciert zur Probiertheke: Drei Flaschen in jeder Hand, drei unter seinem rechten, zwei unter seinem linken Arm. Mit einem leisen Seufzer drapiert er die Fassproben auf dem kleinen Tresen, mustert seine Ausbeute, kehrt um und holt fünf weitere Proben aus dem Keller. Erst als die Theke randvoll ist, nickt er zufrieden. Das ist er also: der Jahrgang 2015. Rund 450 Tonnen wurden in den letzten Wochen verarbeitet. Doch künftig wird eine weitaus größere Ernte erwartet – denn auf Pico erlebt der Weinbau gerade einen gewaltigen Aufschwung.

Ich stehe im Keller der Cooperativa Vitivinícola da Ilha do Pico (CVIP) in der Stadt Madalena und staune nicht schlecht beim Anblick der verschiedenen Weine. „In der Genossenschaft haben wir 250 Mitglieder und nehmen rund 80 Prozent der gesamten Weinproduktion ein“, erklärt Thomas, der gemeinsam mit Oenologin Maria Álvares den Jahrgang verantwortete. Er deutet auf das Sortiment und die verschiedenen Rebsorten. „Hier auf Pico spielen die weißen Rebsorten Arinto dos Açores, Verdelho und Terrantez do Pico die größte Rolle. Daneben bauen unsere Mitglieder aber noch viel mehr an: Merlot und Cabernet Sauvignon, ein Franzose sogar Syrah. Ach ja und Sorten wie Isabella natürlich“, erklärt er. Ich muss kurz stutzen. Denn während die Bedeutung amerikanischer Hybridreben im Rest der Welt gegen Null geht, haben sie hier ihren festen Platz. „Weine aus Hybridrebsorten sind das Standard-Getränk vieler Azorianer“, grinst Thomas. Nicht zuletzt, weil einige Familien mit ihren Hausrebstöcken ihren Eigenbedarf an Wein produzieren. „Hier macht jeder sein eigenes Ding“, lacht er, schnappt sich ein leeres Weinglas und schenkt einen Schluck Isabella ein. Der frisch vergorene, rote Tropfen zeigt sich mit dem typischen Fox-Ton: Aromen von Erdbeere, Himbeere und Sauerkirsche springen quasi aus dem Glas und spiegeln sich am Gaumen wider. „Man kommt auf den Geschmack“, betont Thomas, der meinen ratlosen Blick deutet. „Diese Tropfen darf man eigentlich nicht mit Wein vergleichen. Aber gekühlt, mit Eiswürfeln in einem Longdrink-Glas. Warum nicht?“, erzählt Thomas achselzuckend. „Hier auf den Azoren ist eben alles etwas anders“, fährt er fort, „einige Mitglieder bauen Fernão Pires an, eine weiße, autochthone Rebsorte. Auf dem Festland ist sie sehr beliebt … Hier wurde der Wein bisher in der Standard-Cuvée verschnitten“.

Immer im Blick: Vulkangestein prägt die Insel / Credits: Sabine Wulffert

Doch das hat sich in diesem Jahr geändert. Das reinsortige Gewächs, wovon ein Drittel im Holzfass lagerte, zeigt sich mit Aromen von Buttertoffee, einer feinen Würze, nussigen Anklängen und einer dezenten Frucht von Orange und Aprikose. Generell wird bei der CVIP viel experimentiert – obwohl die Weine durch die starke Nachfrage vor Ort ohnehin frühzeitig ausverkauft sind. Ob das damit zusammenhängt, dass mehr Mitbewerber auf den Markt drängen, bleibt offen. Fest steht aber: Die Konkurrenz spornt an. Da kann es schon mal vorkommen, dass um die besten Trauben privater Erzeuger gebuhlt wird. Gleichzeitig steigt aber auch die Rebfläche auf der gesamten Insel. „In drei Jahren haben wir bestimmt eine doppelt so große Rebfläche auf Pico“, prognostiziert Thomas.

Und mit dieser Meinung ist er längst nicht alleine, auch bei der Azores Wine Company ist Wachstum zu spüren. Das will ich mit eigenen Augen sehen und nehme mir ein Taxi nach São Mateus. „Keine Ahnung, wo das ist … Wenn wir im Dorf ankommen, werden wir das aber schon rausbekommen“, lächelt der Taxifahrer und steuert Richtung Süden. Auf dem Weg dorthin blicke ich immer wieder auf einzelne Weinberge in eingemauerten Parzellen. Die sogenannten „currais“ wurden vor Jahren aus Basalt um die Pflanzen angelegt, um vor Wind und Meersalz zu schützen sowie Wärme zu speichern. Zwei bis vier Reben, die recht buschig am Boden wuchern und sich in das feste Vulkangestein graben, befinden sich meist in so einer „currais“. Die Landschaft, die sich daraus entwickelte, ist so einzigartig, dass die UNESCO 2004 insgesamt 987 Hektar zum Weltkulturerbe erklärte. Und auch ich kann mich am Anblick gar nicht satt sehen. Nach einer Viertelstunde stoppt der Fahrer schließlich in São Mateus, kurbelt das Fenster herunter und fragt ein paar Einwohner nach dem Weg. Nach dem vierten Versuch springt schließlich ein braun gebrannter, Mittvierziger in seinen roten Van und fährt vorweg. Über ein paar unbeschilderte Feldwege gelangen wir schließlich zu einem Gebäude, vor dem sich Reben ausnahmsweise im Drahtrahmen entlangziehen. In einer Halle in der Größe einer Garage treffe ich auf Oenologin Cátia Laranjo. Die junge Portugiesin begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und deutet auf die glänzenden Edelstahltanks hinter sich. „Der ganze Keller ist voll“, grinst sie, „aber in der neuen Halle, die in der Nähe vom Flughafen gebaut wird, haben wir dann mehr Platz.“ Momentan produziert das Weingut, das erst 2014 gegründet wurde, 30 000 Liter. Doch dabei soll es nicht bleiben, wie mir Paulo Machado, einer der Gründer, später bestätigt. Ziel ist es, in Zukunft sogar 200 000 Liter zu produzieren.

Weiße Rebsorten stehen auf Pico im Fokus / Credits: Sabine Wulffert

Aus einem kleinen Lager holt Cátia ein paar Flaschen der 2014er Rare Grapes Collection, darunter Arinto dos Açores und Verdelho o Original. Der Verdelho zeigt sich kräuterwürzig mit Aromen von Kamille, Lorbeer und gelbem Apfel. Am Gaumen gibt er sich balanciert, mineralisch und mit einem leichten Schmelz. Nach kurzem Zögern greift Cátia nach einem Glas, verschwindet kurz zwischen den Fässern und kommt mit einer Probe des 2015er Verdelho zurück. Vollfruchtig mit Limette und Mango sowie einer angenehmen Frische zeigt sich der junge Tropfen. „Neben Paulo Machado sind auch noch Filipe Rocha und António Maçanita im Weingut tätig“, erklärt sie. Letzterer ist in der Weinbranche kein Unbekannter. Als Gründer und Besitzer des Weinguts Fitapreta im Alentejo hat sich António Maçanita bereits einen Namen gemacht. Zudem ist er als Berater für mehr als 13 Weingüter in Portugal tätig. Kein Wunder also, dass sich die Weine mit einer so hohen Qualität zeigen. Cátia öffnet die nächste Flasche und kredenzt den 2014er Arinto. Die meistangebaute Rebsorte der Insel punktet mit Mineralität und Salzigkeit – ein saftiges Gewächs, das von grünem Apfel, Ananas und Banane geprägt ist. Und wieder verschwindet Cátia und zapft dem Fass mit dem 2015er ein Glas ab. Dieser macht schon jetzt mit seiner spritzigen Säure, Anklängen von Zitrone und einer feinen Würze neugierig darauf, wie er sich noch entwickeln wird. Schnell wird mir klar, dass hier auf Pico qualitativ hochwertige Weine entstehen – das beweist das Dreiergespann mit diesen Gewächsen allemal.

Mit der nächsten Fassprobe verblüfft mich Cátia dann noch einmal zum Schluss: dem 2015er Terrantez do Pico. „Die Trauben wurden dieses Jahr extra eingeflogen“, grinst sie und deutet auf ein paar Styroporkisten. Zwar stockt die Azores Wine Company ihre Rebf läche gerade auf insgesamt 45 Hektar auf, die Menge an Terrantez reicht heute aber noch nicht aus. Deshalb kaufte das Trio Trauben von der Azoren-Insel São Miguel zu – Not macht eben erfinderisch und setzt manchmal auch Flugzeuge in Bewegung. Noch etwas wild, aber vollmundig mit einer deutlichen Spontiwürze und einem langen, salzigen Nachhall zeigt sich das Gewächs. Nach weiteren zwei Weinen blickt Cátia auf die Uhr, murmelt etwas auf Portugiesisch, richtet ein paar Fassproben und ruft: „Komm, ich nehme dich mit zurück nach Madalena“. Wir steigen in ihren dunkelgrünen Jeep und fahren zwischen der Küste zu unserer Linken und den vielen „currais“ zu unserer Rechten Richtung Hafenstadt. Plötzlich macht sie einen kleinen Abstecher zu einem großen Feld, wo gerade das Innere der „currais“ freigelegt wird. Sie hält kurz inne und lächelt. „Wenn das alles mit Reben bepf lanzt wird, habe ich viel zu tun“, freut sie sich und fährt weiter Richtung Norden.

ANREISE

Einen Direktflug auf die Insel Pico gibt es von Deutschland aus nicht. Von Frankfurt am Main International Airport (FRA) fliegt man je nach Saison ab rund 300,00 € mit einem Zwischenstopp in Lissabon via TAP Portugal nach Pico. Von den anderen Azoren-Inseln aus gelangt man mit der Airline SATA Internacional mit Propellerflugzeugen nach Pico.

WEINGÜTER

Cooperativa Vitivinícola da Ilha do Pico, C.R.L.
Avenida Padre Nunes da Rosa, 29
9950-302 Madalena Pico – Açores
www.picowines.net

Azores Wine Company
São Mateus, Madalena Pico – Açores
www.azoreswinecompany.com

ÜBERNACHTEN

Jeirões Do Mar
Kleine Anlage mit Apartments, die nach den regionalen Rebsorten benannt sind. Die Lage an der Küste mit Blick auf die Nachbarinsel Faial ist traumhaft. Vor den einzelnen Apartments sind Reben in traditionellen currais angelegt. Rua Alexandre Herculano 9950-301 Madalena, Pico, Portugal, www.jeiroesapartamentos.com

Pocinho Bay
Luxuszimmer, die sich in einem tollen Mix aus Tradition und Moderne präsentieren. Ein paar Kilometer von Madalena entfernt aber sehr idyllisch gelegen mit einem Atlantik-Naturpool direkt vor der Haustür. Pocinho-Monte 9950-107 Madalena, Pico, Portugal, www.pocinhobay.com

RESTAURANT-TIPP

Restaurante Ancoradouro
Charmantes Restaurant mit landestypischem Speisenangebot. Fangfrischer Fisch und Rindersteak von den Azoren sind besonders empfehlenswert. Vom Wintergarten aus hat man einen tollen Blick auf Faial. Rua Rodrigo Guerra 7, 9950-302 Madalena do Pico Areia Larga, Portugal, www.facebook.com/Ancoradouro-Lda-252643121448235/

AUSFLUG-TIPPS

Ausgehend von der Stadt Madalena locken zwei Routen zu den Weinbergen in Pico: Zu  Zona das Adegas, wo sich Häuser aus Lavastein aneinanderreihen, bietet sich eine Fahrradtour (Fahrräder ab circa 15,00 € pro Fahrrad und Tag) an. Richtung Norden, vorbei an den reizenden Dörfern Cabrito, Cachorro und Lajido führt eine gut ausgebaute Straße bis hin nach Santa Luzia. Einen schöneren Blick auf die Weinberge bietet sich auf einer Wanderung gen Süden auf dem PR5PIC, wo in der Nähe von Criacao Velha auch die rote Mühle zu sehen ist.