Friaul - Idyll zwischen Wein und Genuss

2012
Wednesday, 26. September 2012 - 12:00
Producer
Wine
Das Friaul, oder um es genau zu sagen, die Region Friaul-Julisch Venetien, ist in vielerlei Hinsicht eine kleine Region in Italien: gerade mal 1,2 Millionen Menschen leben hier und Weinbau findet auf einer vergleichsweise geringen Rebfläche von nur 19 000 Hektar statt. Und doch ist die Region weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Kulinarisch für sensationelle Weißweine, San Daniele Schinken und Montasio-Käse, landschaftlich für ein vielfältiges Spektrum zwischen Meeres- und Bergwelt. Das alles auf kleinstem Raum und ausgesprochen attraktiv verpackt. Höchste Zeit für eine Entdeckungsreise.
 
Idyllisch gelegen auf den Hügeln des Friauls: Weinbaugebiet Collio
 
Schon bei der Anreise mit dem Auto werden die ersten Unterschiede zwischen Friaul Julisch-Venetien und dem Rest Italiens deutlich. Fast immer führt der Weg nach Italien über die Schweiz oder den Brenner, je nachdem von wo in Deutschland Sie gen Süden aufbrechen. Ins Friaul ist der kürzeste Weg hingegen über München, am Chiemsee vorbei, dann lange in südlicher Richtung durch Österreich fast bis nach Klagenfurt und schließlich nach einer Kursänderung gen Westen direkt durch die südlichen Aus-läufer der Alpen hinein in Italiens Nord-Östlichste Region. Unzählige Tunnel und sinkende Höhenmeter später öffnet sich das Land und die ersten Rebzeilen sind zu erkennen: Willkommen in den Friuli Colli Orientali!
 
Die Region ist – wie sollte es anders sein – durch zahlreiche Hügel gekennzeichnet. Nach Süden hin wird der Blick auf die friaulischen Weinbaugebiete Grave, Collio, Isonzo, Carso, Acquileia, und Latissana und bei gutem Wetter sogar auf die Adria frei, im Norden begrenzt fast immer Wald das Rebenmeer. Damit werden auch schon gleich zwei wichtige klimatische Merkmale deutlich: Mit Wald und den julischen Voralpen im Rücken sind selbst im Hochsommer die Temperaturen noch absolut erträglich. Andererseits sorgt rund um das Jahr ein etwas wärmerer Wind von der Adria für eine gute Durchlüftung der Weinberge. Deutliche Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sorgen für frische Aromen und die für Weißweine so wichtige Säure. Dieses spezielle Reizklima in Kombination mit den Böden und dem spannenden Mix aus autochthonen und internationalen Rebsorten lässt hier charaktervolle Weine mit Format entstehen. Ob Friulano, Ribolla Gialla, Malvasia, mit oder ohne Ausbau im Holzfass, oder wie bei einigen Winzern mittlerweile üblich auch in Tonamphoren vergoren, oder aber Sauvignon, Chardonnay, Pinot Grigio oder Pinot Bianco – das Friaul ist eine der besten Weißweinregionen Italiens.
 
Hügel und Weinberge – die Friuli Colli Orientali
Eine weitere Besonderheit sind die hier weit verbreiteten Cuvées, oftmals mit Friulano als Rückgrad, die zu den komplexesten, spannendsten und lagerfähigsten Weißweinen des Landes gehören. Wer einmal ihrem Bann erlegen ist, der wird immer wieder kommen und sich den Kofferraum mit Vorräten füllen. Das ist im Friaul umso wichtiger, da viele der Weine gar nicht erst im Export landen. Ein klares Plädoyer für die friaulischen Weißweine! In exponierten Lagen – und wirklich nur dort – gedeihen aber auch rote Sorten hervorragend, von den autochthonen Schiopettino, Pignolo, Refosco dal Peduncolo Rosso bis hin zu Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Vorausgesetzt, die Erträge werden niedrig gehalten und die Weinberge sind optimal zur Sonne hin ausgerichtet. Es gibt also auch hervorragende Rotweine aus den Friuli Collio Orientali, die mit feiner Würze, kühlen Aromen und knackigen Tanninen besonders zu Wild- und Pilzgerichten eine tolle Figur machen. Allerdings sind bei den besten Rotweinen die ohnehin begrenzten Weinmengen noch weiter dezimiert.
 
Verantwortlich für die besondere Charakteristik der Weine sind auch im Friaul die Böden. Sie, und das gilt für weite Teile des Friaul, sind mineralisch und steinig und deutlich von dem vor Millionen Jahren hier fließenden Urmeer geprägt. In vielen Weinbergen kann man heute noch Fossilien maritimen Ursprungs finden. Geologisch ist der Boden eine Mischung aus Sandstein und Mergel und wird auf Friulanisch Ponca genannt. Je nach Weinberg gibt es einen höheren oder niedrigeren Tonanteil, der wiederum einen großen Einfluss auf das Wasserspeichervermögen der individuellen Lagen hat. So finden sich Lagen, die in regenreichen Jahren durch ihre perfekte Drainage Staunässe vermeiden, während andere Lagen durch ihr Speichervermögen auch heiße Sommer mit langen Trockenperioden, wie beispielsweise im Jahr 2003 oder 2011, unbeschadet überstehen. Jedenfalls sorgt die Urmeer-Basis, um wieder etwas allgemeiner zu werden, für mineralische, eigenständige Weine, egal ob rot oder weiß, unabhängig davon, ob vom Collio, den Friuli Colli Orientali oder beispielsweise auch dem Isonzo die Rede ist, um die Filetstücke des Friauls beim Namen zu nennen.
 
Als strategischer Ausgangspunkt für Tagestouren in die verschiedenen Unterzonen des Friauls bietet sich die Gegend um Udine an. Von hier aus sind Sie schnell auf der Hauptverkehrsader zwischen Nord und Süd, der A23. Wer bereit ist, mehrfach den Schlafplatz zu wechseln, der muss zwar öfter packen und sich verschiedene Unterkünfte suchen. Dass man abends bei einer guten Flasche Wein in den Bergen oder am Meer den Tag ausklingen lassen kann, ohne sich über den Heimweg Sorgen machen zu müssen, macht das aber allemal wett.
 
Sopressa
Kommen wir zu den kulturellen Höhepunkten. Den ersten Ausflug sollten Sie unbedingt in die von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannte Stadt Cividale del Friuli planen. Die Stadt ist die am besten erhaltene Siedlung langobardischen Ursprungs ganz Italiens, wo ja sonst eher römische Überreste dominieren. Die Stadt ist überschaubar und einen Rundgang durch die engen Gassen, über die Teufelsbrücke, ein Besuch des Tempels und des Doms kann man an einem Vormittag oder Mittag ganz entspannt schaffen. Auch gastronomisch kann Cividale mit einem immensen Angebot an Restaurants, Cafes und Weinbars überzeugen. A propos Wein: Die Weinkarten im Friaul sind in der Regel sehr gut und regional bestückt und für deutsche Verhältnisse unvorstellbar günstig kalkuliert. Selbst in gehobenen Restaurants wird für den aktuellen Jahrgang höchstens der doppelte Weingutspreis aufgerufen, oft beträgt der Aufschlag gar nur ein paar Euro.
 
Die im 16. Jahrhundert als Planstadt mit radialem Straßennetz im typischen sternförmigen Grundriss und mit hohen Mauern als Schutz vor den Türken erbaute Stadt Palmanova sollte man ebenfalls nicht verpassen. Wer mit dem Flieger nach Triest anreist, fliegt in der Regel direkt über die Stadt, und von oben ist ihr symmetrischer Umriss noch imposanter. Besonders der gänzlich überdimensionierte Hauptplatz lässt erkennen, dass die Stadt ursprünglich weiter wachsen sollte, was dann aber doch nie passierte. Heute leben knapp 5 500 Einwohner in der Stadt, in der auch drei Kirchen, zwei Museen und ein Theater besichtigt werden können. Die Stadttore sollte man ebenfalls gesehen haben. Wer sich für die Römer interessiert, dem sei ein Ausflug nach Aquileia empfohlen, das einst ein wichtiger Hafen war und heute ohne Meeresanbindung auf vergleichsweise geringem Raum viel sichtbare Geschichte birgt. Ans Herz gelegt sei hier die wunderschöne Basilika mit ihren eindrucksvollen Mosaiken und dem Baptisterium. Nur 35 Kilometer von Aquileia entfernt, aber definitiv geeignet für mehr als einen Tagesausf lug ist Triest, eine wichtige Hafenstadt des Römischen Reichs und später der Habsburger. Hier gibt es neben allerlei Geschichte auch jede Menge gute Restaurants, was auch die weniger Geschichtsinteressierten begeistern dürfte.
 
Das absolute Kontrastprogramm zum Meer finden Sie eineinhalb Autostunden nördlich von Udine in den Karnischen Alpen bei Sau ris. Hier oben in den Bergen scheint die Zeit stehen geblieben, Holzhäuser prägen das Bild, die in kleinen Dörfen zwischen viel Wald und Bergspitzen ins Auge fallen. In teilweise noch sehr traditionellen Sennereien können Sie in den Sommermonaten die Produktion des Malga-Käses miterleben, der hier oben auf bis zu 2 000 Metern Höhe noch häufig ein Mix aus Kuh- und Ziegenmilch ist – Rohmilch selbstverständlich – und teilweise noch über direktem Holzfeuer im Kupferkessel zubereitet und dann in gut belüfteten Räumen gereift. Oder geräucherter Ricotta. Alleine das Erlebnis, bei der Käseproduktion live dabei zu sein und den frischen Käse zu probieren, lohnt den Aufstieg!
 
Ganz bequem mit dem Auto können Sie hingegen vor den Schinken-Manufakturen von Sauris anhalten. Im Gegensatz zum San Daniele Schinken wird der Sauris-Schinken hauchzart angeräuchert und statt Einreiben mit reinem Salz wird hier eine Mischung aus Salz, Pfeffer und Knoblauch verwendet. Ein Genuss! Zum Kalorienverbrennen bieten sich Wanderungen oder anspruchsvolle Mountainbike-Touren auf gut ausgeschilderten Wegen an.
 
Nach soviel Kultur und frischer Bergluft wäre es mal wieder höchste Zeit für Wein, oder? Bis dato waren alle Ausf lugsziele innerhalb oder in der Nähe der östlichen und süd-östlichen friaulischen Weinanbaugebiete. Viele Winzer haben Sie dort hoffentlich auch schon kennengelernt. Einen Besuch im größten friaulischen Weinanbaugebiet, dem Friuli Grave, steht also noch an. Hier können Sie die Verkostung ebenfalls mit einer Spezialität abrunden: dem traditionellen 

 
„Prosciutto di San Daniele“, dem Schinken aus der gleichnamigen Stadt im Nord-Westen des Friaul. In dem auf einem Hügel gelegenen Dorf dreht sich alles um den edlen Schinken, Verkostungsmenüs bietet fast jedes Restaurant an und in fast allen hängen Schinken an der Wand. Wer in die Thematik tiefer einsteigen will, der kann bei einem der 33 Produzenten eine Führung machen. Ein Tipp: Kommen Sie mit dem Kombi – Sie werden ihn brauchen!
Mehr Infos unter www.ersa.fvg.it und www.friulano.fvg.it
 
Richard Grosche