Porquerolles - Dorade und Vermentino für Bono

2012
Wednesday, 26. September 2012 - 12:00
Producer
Wine
Die Côte d’Azur von der Seeseite aus in Zeitlupe erleben – und die provençalische Insel Porquerolles mit ihrem Weingut Domaine de la Courtade entdecken: wie Laetitia Casta, Bono von U2, wie Belmondo – und wie einst Sarkozy und Carla Bruni.
 
Er hat den Mann mit den Bodyguards und der schönen Frau nicht gesehen. Und auch nicht all die anderen Prominenten. Er hatte wie immer zu tun: im Keller, am Schreibtisch. Und um diese Jahreszeit vor allem zwischen den Weinstöcken. Laurent Vidal zuckt tonlos mit den Schultern, als sollte das heißen: „Macht nichts. Der Wein ist mir wichtiger als der Ex-Präsident und all die anderen.“
 
Schöne Buchten und ruhige Flecken findet man rund um PorquerollesEigentlich sollte den damals möglichst sowieso keiner bemerken – als er gemeinsam mit Ehefrau Carla fürs verlängerte Wochenende anreiste. Aber dann geriet die Yacht, mit der er ankam, doch selbst für die verwöhnten hiesigen Maßstäbe etwas zu schick, etwas zu elegant, etwas zu auffällig – obwohl sie die beiden nur kurz an der Langoustier-Halbinsel absetzte und wieder Richtung St. Tropez verschwand: Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy auf Porquerolles.
 
Die Côte d’Azur ist in Sichtweite, wenn auch am Horizont, und St. Tropez ist nur zwei, drei Yacht-Fahrtstunden entfernt. Mit dem Linienschiff von La Tour Fondue über die Meerenge hinweg hätte Sarkozy nur eine knappe Viertelstunde bis zum Anleger im Hauptort Porquerolles-Village gebraucht. Aber kaum einer der Gäste des Hotels Mas du Langoustier reist so an. Es machte einen zusätzlichen Zehn-Minuten-Transfer über holperige und nur auf der Hälfte des Weges asphaltierte Straßen bis zum Hotel erforderlich. Und es wäre unstandesgemäß. Mindestens ein Wassertaxi-Schnellboot muss es sein, notfalls das hoteleigene – oder die Yacht, am besten die eigene, notfalls eine gecharterte. Oder der Helikopter – wieder möglichst der eigene wie bei Stammgast Jean-Paul Belmondo, notfalls ein gecharterter. Der ist sogar überraschend günstig: 25 Euro pro Minute kassieren die Heli-Unternehmer am Flughafen Hyères für den kurzen Himmelsritt hinüber zum Hubschrauberlandeplatz des einsam gelegenen Insel-Hideaways. Dass die leere Rücktour zur Basis mit nochmal sechs Minuten auf der Rechnung auftauchen wird, ist leicht zu verschmerzen: ein Taschengeld für die meisten.
 
Promis von Laetitia Casta bis Zinedine Zidane, von Sarkozy bis Bruni finden auf der Langoustier-Halbinsel von Porquerolles ihre Ruhe – wenn Belmondo nicht gerade eine Heli-Ehrenrunde vor lauter Ankunftsfreude drehen lässt. Alle anderen, die nicht ganz so exklusiv wohnen und obendrein mit dem Linienschiff zufrieden sind, haben ein bisschen mehr Rummel um sich – gut drei Kilometer weiter östlich im Hauptort Porquerolles-Village. Und drum herum. Warum sie alle diese kleine Insel, gerade mal zwölfeinhalb Quadratkilometer groß, so lieben? Weil sie so etwas wie ein typisch südfranzösisches Dorf ist, das vor der Küste Anker geworfen und vor ein paar Jahrzehnten die Uhr angehalten hat: mit großem Sandplatz vor der kleinen Kirche, den sich die Boule-Fans mit fußballspielenden Kindern teilen, ohne dass es an irgendeiner Stelle eng würde. Mit Platanen, Straßencafés, einem halben Dutzend Eisdielen mit über fünfzig Sorten im Angebot – und Orange-Mango als Renner der Saison. Mit geschlossenem Ortsbild ohne Bausünden, ohne Mietsblöcke, ohne Industrie – ein bisschen wie die reale Disneyland-Version eines provençalischen Dorfes. Ein Eiland mit zahllosen Wanderwegen, mit vielen Weinstöcken und -reben, zehntausenden Olivenbäumchen, Steilküste auf der einen und herrlichen Sandstränden auf der anderen Seite.
 
Das Meer sieht Winzer Laurent Vidal meistens nur von Weitem: wenn er vom Weingut aus über die Weinstöcke hinweg und den Hügel hinunter Richtung Küste blickt. Zeit für den Strand bleibt kaum: „Manchmal spätabends nach Feierabend“, sagt er und lacht. Es ist viel zu tun auf der Domaine de la Courtade, dem Insel-Weingut mitten auf Porquerolles.
 
So beschränkt das Anbaugebiet durch die Insellage zwangsläufig ist, so erstklassig sind die Weine, die unter reichlich Sonne reifen, während der frische Mistral-Wind den Sommer über fast unablässig durch die Blätter pfeift. Zu den Kunden zählen sowohl Meisterköche wie Alain Ducasse als auch Paul Boucuse mit ihren Restaurants.
 
Der Wein könnte es kaum idyllischer haben: zwischen Bergen und Meer
 
„Weinbau auf Porquerolles gibt es seit etwa 100 Jahren“, erzählt Laurent Vidal. Dabei hatten die ersten Pf lanzungen einen ganz profanen Grund und nichts mit Feinschmecker-Sehnsüchten zu tun. Die Rebstöcke wurden auf gerodetem Land gesetzt, das als Feuerschutz-Schneise durch den Wald geschlagen wurde. Diese Funktion erfüllt das in dieser Form erst 1985 gegründete Weingut noch heute und zugleich mehr denn je. Die Pflanzungen reichen als breiter Gürtel einmal quer über die Insel. Zu den Trauben gehören vor allem Shiraz, Grenache, die provençalische Tibouron, darüber hinaus Vermentino und Sémillon für den Weißwein. „Wir ernten“, erzählt Vidal, „zu hundert Prozent von Hand. Das beginnt jedes Jahr um den 20. August herum und dauert etwa fünf Wochen.“
 
150 000 Flaschen produziert die Domaine de la Courtade pro Jahr. Davon werden allein 20 Prozent hier auf der Insel an Gäste verkauft oder in den Restaurants vom edlen „L’Olivier“ des Mas du Langoustier bis zur schicken Fischgaststätte „Le Porquerollais“ am Hauptplatz mitten im Ort ausgeschenkt. 30 Prozent gehen in den Export vor allem nach Japan und in die USA. Und 50 Prozent werden auf dem französischen Festland vertrieben.
 
Frankreichs Staatspräsident Pompidou war es, der 1972 die anstehende Urbanisierung der Insel nach dem Vorbild der Côte d’Azur verhindern wollte und kurzerhand veranlasste, dass der Staat das Eiland der Besitzerfamilie Fournier abkauft – und anschließend unter strengen Schutz stellt. Familienoberhaupt Lélia Fournier blieb noch lange Bürgermeisterin von Porquerolles mit rund 340 ganzjährigen Einwohnern – und etwa eineinhalbtausend während der Saison. Ihre Mutter Sylvia war es, die die Insel 1912 als Hochzeitgeschenk von Gatte François-Joseph Fournier bekam, der ausgewandert, in Mexiko als Bergbau-Unternehmer reich geworden und schließlich nach Frankreich zurückgekehrt war.
 
Die Reben auf der Domaine de la Courtade
Ein paar Quadratkilometer Eigenland haben die Fourniers 1972 behalten – die kostbarsten Böden, die schönsten Grundstücke: die Langoustier-Halbinsel mit dem Hotel zum Beispiel, dazu die Villa Sainte-Anne – ebenfalls ein Hotel – direkt am Place d’Armes, die meisten Flächen der „Domaine de la Courtarde “ – und einen Flecken Sand unter Pinien direkt am Strand, wo heute Stephanie Le Ber Fournier regiert: als Chefin des Restaurants „Plage d’Argent“, dessen Tische fast alle im Freien auf der großen Holzterrasse stehen, durchweg Meerblick haben und dessen Gäste fast alle mit dem Fahrrad anreisen. Weil es so üblich ist auf dieser Insel. Weil es Spaß macht, schön ist – und weil es unterwegs so herrlich nach Südfrankreich duftet, nach Pinien, nach Gräsern, nach provençalischen Kräutern. Weil die Vögel singen und weil der salzige Seewind die Lippen benetzt: „Und weil der kühle Vermentino von der Domaine mit Meerblick einfach noch besser schmeckt.“ Sie lacht. Und schenkt ein.
 
Nur ein paar Gäste machen es wie Bono von U2 und der ehemalige Formel 1-Rennstall- Magnat Eddie Jordan: Sie kommen per Boot – was ein bisschen untertrieben ist, wenn es darum geht, die Yacht von Jordan zu beschreiben. Sie ankern in der Bucht vorm Restaurant, nehmen das Beiboot, knattern Richtung Strand – und machen es sich anschließend auf eine gebratene Dorade bei Stephanie Le Ber Fournier gemütlich. Der Auftritt, selbst so einer, ist so selbstverständlich wie der Fahrrad-Trip der anderen, die auf Porquerolles unterwegs sind. Er hat nichts von einer Inszenierung – und löst kaum Getuschel, kaum neugierige Blicke aus: „Bono? Auch hier? Kein Problem. Schön, dass er diese Insel mag!“ 
 
Eher gefällt es den anderen so noch einen Hauch besser als ohnehin schon, wenn sie einen wie ihn hier sehen, der sich jeden Winkel der Welt leisten könnte. Aber auf die Idee, um ein Autogramm zu bitten, kommt keiner: nicht beim Essen, nicht beim Glas Wein, nicht auf Porquerolles. 
 
Die Insel ist trotz der vielen Tagesbesucher seltsam entspannt – selbst für Stars. Und anders als die Mole in St. Tropez oder die Croisette in Cannes ist kein Flecken dieses Eilands so etwas wie ein Laufsteg der Eitelkeiten. Wer als Prominenter insgeheim darauf hofft, von Papparazzi gesehen zu werden, muss woanders hin. Wer die Schlagzeilen sucht, bleibt auf dem Festland.
 
Am schönsten ist es auf Porquerolles und der Nachbarinsel Port-Cros in der Vorsaison bis Anfang Juni und wieder ab Anfang September, wenn sich der Sommerrummel gelegt hat. Und am allerschönsten ist es in der Nebensaison nach sechs, in der Hauptsaison nach halb acht abends, wenn das letzte Linienschiff zurück aufs Festland wieder abgelegt hat. Bis nächsten Morgen gegen neun sind die Einheimischen jetzt gemeinsam mit den Gästen der vergleichsweise wenigen Hotels und Pensionen unter sich: keine Spur mehr vom Rummel manchen Tages, auf Anhieb freie Plätze fürs Abendessen in den schönsten Restaurants. Die Boule-Spieler sind wieder da. Nebenan tollen Kinder mit einem klatschnassen Golden Retriever herum, die ersten Eisdielen schließen, und Gérard Genta trägt Tunfisch-Sushi in seinem kleinen Restaurant „Le Porquerollais“ am Place d’Armes auf: hausgemacht. Den Fisch hat er ein paar Stunden zuvor selbst gefangen.
 
Fischer bei ihrer täglichen Arbeit
 
Genta ist einer der drei Fischer von Porquerolles – und er ist Wirt des besten Fischrestaurants der Insel. Er beliefert sie alle – das „Mas du Langoustier“ mit dem Feinschmecker-Palast „L’Olivier“, die „Villa Sainte-Anne“, das „Plage d’Argent“ von Stephanie Le Ber Fournier. Gentas heimliche Liebe zur japanischen Küche unterdessen ist neu. Auf dieser Insel hält er das Monopol dafür – bislang. Aber er beschränkt sich in seinem Lokal keineswegs auf Sushi. Es ist eher Minderheitenprogramm. Bono hat es probiert, Eddie Jordan lieber gegrillte Rotbarben bestellt, gestern Abend erst. Beide waren sehr zufrieden – sagt Gérard Genta. Der Mann sagt die Wahrheit, denn einen halben Tag später beim Mittagessen hat der irische Sänger mit den blau getönten Brillengläsern Stephanie Le Ber Fournier davon vorgeschwärmt. Sie musste passen und hat stattdessen die gegrillte Dorade mit Mandelkruste serviert, immerhin gefangen von Genta. Dazu gab es einen Tibouren der Domaine de la Courtade, der auch bei Bocuse und Ducasse auf der Karte steht.
 
Wenn Laurent Vidal unterdessen ein Boot besteigt, verrät er nicht, wo genau es hingeht. Die Domaine probiert gerade einen Unterwasserkeller aus: „Wir lagern 200 Flaschen auf dem Grund des Mittelmeers in einer Höhle und wollen testen, inwieweit das Einfluss auf die Qualität des Weines hat. Unter höherem Druck altern die Weine schließlich schneller.“ Die genaue Position verrät er sicherheitshalber nicht. „Am Anfang war es nur ein Marketing-Gag. Aber inzwischen sind wir wirklich gespannt, was dabei herauskommt. Wir experimentieren ein bisschen. Beim ersten Test allerdings schmeckte der Weißwein plötzlich nach Crevette. Und der Rote war verdorben.“ Zu schade für die edlen Tropfen.
 
Helge Sobik
 

Information

FLUG

Flug nach Nizza oder Marseille mit Air France (www.airfrance.de) oder Lufthansa (www.lufthansa.com) ab verschiedenen deutschen Flughäfen realistisch ab rund 150 Euro.

ÜBERFAHRT

Am schnellsten geht die Überfahrt nach Porquerolles von La Tour Fondue bei Hyères über die dort nur 3,5 km breite Meerenge. Abfahrt in der Nebensaison von 7.30-19 Uhr, in Gegenrichtung von Porquerolles aus von 8-19.30 Uhr in der Hauptsaison halbstündlich, die Überfahrt dauert rund 15 Minuten.
Ticket für Hin- und Rückfahrt komplett 18 Euro, Infos/Fahrplan: www.tlv-tvm.com.
Weitere Überfahrtmöglichkeiten von Port du Lavandou, Port de Cavalaire und Plage de la Croix Valmer nach Port Cros, Le Levant und Porquerolles vor allem während der Saison mit der Reederei Vedettes Iles d’Or et Le Corsaire ab 28,50 Euro je nach Strecke (www.vedettesilesdor.fr).

UNTERKUNFT

Es gibt nur wenige und vergleichsweise teure Quartiere auf Porquerolles. Wer aber den Inselnamen bei Google oder in Hotel-Suchmaschinen eingibt, muss auf der Hut sein: Etliche Herbergen versuchen auf ihren Websites den Eindruck zu erwecken, auf Porquerolles zu sein – und befinden sich bei näherem Hinsehen auf dem nahen Festland.

Auberge des Glycines
ganzjährig geöffnetes, kleines Hotel im Landhausstil am zentralen Place d’Armes. DZ mit Frühstück ab 79 €/Nacht.
Tel.: +33 4 94583036
www.auberge-glycines.com

Villa Sainte-Anne
familiengeführtes kleines Hotel im Besitz der ehemaligen Inseleigner Fournier neben der Kirche am Place d’Armes. DZ ab 170 €/Nacht
Tel.: +33 4 98046300
www.sainteanne.com

Le Mas du Langoustier
Luxushotel an der abseits gelegenen Langoustier-Halbinsel. Geöffnet bis Oktober. DZ ab 430 €/Nacht
Tel.: +33 4 94583009
www.langoustier.com

ESSEN GEHEN

La Plage d’Argent
Besten Meerblick über den schönsten Strand der Insel hinweg haben Gäste dieses Restaurants von der großen Terrasse aus. Fisch- und Fleisch in großer Auswahl. Geöffnet 11 bis ca. 21 Uhr. Hauptgerichte um 15 €.
Am Strand Plage d’Argent
Tel.: +33 4 94583248.

Le Porquerollais
Im Fisch-Spezialitätenrestaurant von Gérard Genta kommt nur auf den Tisch, was der Chef zuvor selbst gefangen hat. Neu sind Sushi-Kreationen rund um fangfrischen Tunfisch. Die Pasta ist grundsätzlich hausgemacht. Geöffnet 9.30 Uhr bis ca. 22 Uhr. Hauptgerichte um 20 Euro.
Place d’Armes
Tel.: +33 4 94123270
www.leporquerollais.com

L’Olivier
Spitzenrestaurant mit Schwerpunkt auf Fischgerichten unter der Leitung von Küchenchef Joël Guillit, das rund um einen alten Olivenbaum herum errichtet wurde und dessen Glaswände bei schönem Wetter komplett geöffnet werden können. Menüs ab ca. 80 Euro. Gehört zum Hotel Le Mas du Langoustier.
Tel.: +33 4 94583009
www.langoustier.com

INFOS

Bureau d’Information Porquerollais
Tel.: +33 4 94583376
www.porquerolles.com

Französisches Fremdenverkehrsamt
Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/M.
www.franceguide.com

Die Domaine de la Courtade ist
erreichbar unter Tel.: +33 4 94583144
www.lacourtade.com