Genossenschaftsdrama im Markgräflerland

Mittwoch, 12. Juli 2017 - 8:45
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Wein
Über Wolfgang Grether wird in Baden viel diskutiert (Foto: Kreklau/Wiciok)

Im Mai 2017 wurde Wolfgang Grether mit sofortiger Wirkung von allen seinen Tätigkeiten und Ämtern als Geschäftsführer freigestellt wie der Trainer eines abstiegsgefährdeten Fußballclubs. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Winzergenossenschaft, Siegfried Ernst, der momentan kommissarisch die Geschäfte führt, erklärte gegenüber der Badischen Zeitung, dass Grether eine »ganze Reihe von Fehlern angelastet« werde.

Grether wiederum will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Insbesondere will er sich nicht vorhalten lassen, er habe Geschäftsvorgänge verschleiert und strebt an, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe gerichtlich klären zu lassen. Die Vorgänge in- und außerhalb der Genossenschaft werfen in der Tat einige Fragen auf. Aus der einstmals kleinen örtlichen Winzergenossenschaft die als Erste Markgräfler Winzergenossenschaft Schliengen-Müllheim firmiert, schuf Grether ein verzweigtes, auf mehreren Feldern tätiges Unternehmen.

Schwieriges Wachstum
Fusionen in den Jahren 2001 mit dem Müllheimer Lindenhof, 2005 mit den Bugginger Winzern, 2011 mit den Kaiserstühler Winzern vom Bahlinger Silberberg und schließlich 2015 mit der WG Weingarten im nordbadischen Kraichgau, die zwar beschlossen, aber bis heute aus rechtlichen Gründen nicht vollzogen ist, erweiterten die unternehmerischen Aktivitäten erheblich. Nicht alle Fusionspartner standen auf wirtschaftlich gesunden Beinen. Mit manchen Fusionen kaufte sich die Genossenschaft mehr Probleme als Lösungen ein.

2007 verließ Grether für drei Jahre die Winzergenossenschaft und war für die Royal Vinum GmbH des deutsch-schweizerischen Schmuck- und Kunsthändlers Herbert Faubel tätig. 2010 kehrte Grether an die alte Wirkungsstätte zurück, und der interimsmäßig engagierte Geschäftsführer Andreas Slabi musste wieder weichen.

Umtriebiger Geschäftsführer
Auch privat war Wolfgang Grether zusammen mit seiner Frau seit Langem im Weingeschäft tätig und intensivierte diese Aktivitäten mit der Übernahme der Weinhandlung »Weinmarkt an der Laube« in Konstanz, die von der Ehefrau geführt wird. Wie Grether immer wieder betonte, erfolgten alle Schritte in Abstimmung und mit Zustimmung von Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens. Auch habe er 21 Jahre lang das uneingeschränkte Testat des Genossenschaftsverbandes erhalten, zuletzt am 8. März 2017.

Grether kündigte an, in Kürze zusammen mit seinen Anwälten zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Grether selbst hat im März 2017 aus gesundheitlichen Gründen seinen Rückzug als Geschäftsführer für Ende 2019 angekündigt. Im Mai wurde er freigestellt und sein Geschäftsführervertrag­ gekündigt.

Große Probleme beim Traubengeld
Auslöser für die Auseinandersetzungen zwischen Grether und der Genossenschaft sind die um bis zu 50 Prozent gesunkenen Zahlungen an die Mitglieder für die angelieferten Trauben. Um überhaupt eine Auszahlung von mageren 8.500 Euro Traubengeld pro Hektar leisten zu können, musste die Genossenschaft im vergangenen Jahr einen Kredit aufnehmen, der von Vorstand und Aufsichtsrat auch abgesegnet wurde. Der tatsächlich erwirtschaftete Ertrag hätte um mehr als 2.000 Euro niedriger gelegen, berichtete Ernst.

Vorstand und Aufsichtsrat wie Belegschaft seien jetzt bemüht, Ruhe in das schlingernde Schiff zu bekommen, da andernfalls ein Verlust an Mitgliedern und Flächen drohe. HP

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