Ausgabe 23/2020

Donnerstag, 12. November 2020 - 14:45

Kollateralschäden

WEINWIRTSCHAFT 23/2020

Der Fall Trump hat ausgetrumpt und das nicht, weil er sich vier Jahre lang wie ein Geisteskranker gebärdete und dem Begriff »fremdschämen« mit jedem seiner Auftritte eine Steigerung hinzufügte, sondern weil er die Corona-Krise falsch eingeschätzt hat. Er wäre spielend wieder gewählt worden, sind sich Kommentatoren sicher, was nicht unbedingt für den Verstand seiner Wähler spricht, wenn, ja wenn er die Corona-Pandemie von Anfang an ernst genommen und den Menschen in seinem Land sinnvolle Lösungen angeboten hätte.

Aber so ist seine Karriere als Präsident glücklicherweise zu Ende und ob er zum Schluss durch die Hintertür verschwindet oder mit einem Fußtritt vorne rausfliegt, ist nur eine Frage der Zeit. Apropos Zeit, würde er 2024 wieder antreten, hätte er das Alter des neu gewählten Präsidenten. Kaum vorstellbar, dass sich da nicht ein jüngerer Aspirant findet und die Amerikaner zweimal nacheinander einen fast Achtzigjährigen auf den Schild heben. 

Trump hinterlässt in vielerlei Hinsicht einen Scherbenhaufen, der seinen jetzigen und kommenden Nachfolger noch lange beschäftigen wird. Auf allzu viel Änderungen braucht man angesichts der absehbaren politischen Konstellationen in den USA allerdings nicht hoffen. Aber es bestehen wenigstens die Chancen wieder mit Sachargumenten und auf dem Verhandlungswege Lösungen zu finden, statt sich erpresserischen Forderungen stellen zu müssen.

Deshalb hat Gerhard Brauer, Vorsitzender der Verbandes Deutscher Weinexporteure, auch vollkommen recht, wenn er im Handelsstreit zwischen EU und USA nicht auf noch mehr Strafzölle setzt, sondern beide Seiten auffordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und die handelshemmenden Strafzölle unverzüglich aufzuheben. 

Die Hoffnung, dass ein Impfstoff rasch Verbesserungen bringt, wenn er denn Ende des Jahres oder Anfang 2021 kommt, darf man mittelfristig, aber nicht kurzfristig hegen. Es wird bis weit ins nächste, vielleicht sogar ins übernächste Jahr dauern, bis eine wirksame Immunität in der Bevölkerung aufgebaut ist. So lange wird die Wirtschaft weiter mit Verzerrungen leben müssen, und das heißt für die Weinwirtschaft, dass Einzel- und Onlinehandel, Direktvertrieb ab Hof und Zustellservice boomen und der Absatz über die Gastronomie und Veranstaltungen aller Art daniederliegt.

Angesichts einer durchschnittlichen Weltweinernte von 260 Mill. Hektolitern 2020, wiegen die Überhänge aus den Vorjahren und die aufgelaufenen Lagerbestände schwer. Angelo Gaja hat mit seinem Brandbrief vollkommen recht, den er im September unters Volk streute: Wenn Ende des Jahres Bilanz gezogen wird, werden die Weinbestände besorgniserregend hoch sein und die im Export erzielten Erlöse werden zweistellige Einbußen aufweisen. In Italien, Frankreich und Spanien wird neben dem Export ein Großteil des Weines über die Gastronomie vermarktet. Die Gastronomie liegt brach und findet keinen adäquaten Ausgleich durch mehr Absatz im Einzelhandel. Eine gefährliche Melange, die vor allem eines zur Folge haben wird: sinkende Preise. 

Wer keine Rücklagen hat und verkaufen muss, wird Verluste einfahren. Einmal mehr werden Hasardeure und Schnäppchenjäger zu Gewinnern. Und Corona hat Folgen an ganz ungewohnten Stellen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, soll die Lufthansa auf einem mehr als 50 Mill. Liter großen Weinsee schwimmen. Wein, der wie im Luftfahrtgeschäft üblich zwei Jahre im Voraus geordert wurde und für den sich mangels Passagieren derzeit keine Verwendung findet.

In den Weinsee dürften dann auch ein paar hundert Millionen der rund 10 Mrd. Euro Steuergelder fließen, die der Bund dem Kranich zur Verfügung gestellt hat. Da bestreite noch einer, Wein verleihe keine Flügel. Schwingen wir uns mit Lufthansa-Berater Markus del Monego auf. Ich erkläre mich freiwillig zum Restetrinken bereit, um dem trüben Novemberblues zu entfliehen. Vielleicht finden sich ja noch ein paar Mitstreiter. 

Inhalte dieser Ausgabe

WeinKompakt
WeinKompakt

Qualitätswein aus dem Kioskregal
Schuster verlässt den Badischen Winzerkeller
EU-Strafzölle für US-Produkte führen zu Kritik
Importzahlen des Jahres 2019 veröffentlicht

Ernte: Mehr und etwas weniger
Ernte: Mehr und etwas weniger

Die Weinernte 2020 dürfte leicht über dem Vorjahr, aber unter dem langjährigen Durchschnitt liegen.

Rioja: Gutes Image, weniger Absatz
Rioja: Gutes Image, weniger Absatz

Die Stellung der Rioja als eine der großen Qualitätsregionen der Welt ist unbestritten. Warum die Exporte der Region dennoch ins Stottern kamen, ist nicht einfach zu erklären.

Piemont: Allgemeine Verunsicherung
Piemont: Allgemeine Verunsicherung

Die Erholung der Märkte im dritten Quartal 2020 lässt die Produzenten hoffen, dass die Verkäufe auch nach den neuen Schließungen schnell wieder Fahrt aufnehmen. Aber die Unwägbarkeiten sind größer geworden.

Weinexport: Was zählt – Marke oder Herkunft?
Weinexport: Was zählt – Marke oder Herkunft?

Wie wichtig sind Marke, Rebsorte und Herkunft beim Export? Eine Geisenheimer Studie gibt Antwort für drei Länder.

Weinabteilung des Jahres: Kaufland Steinheim
Weinabteilung des Jahres: Kaufland Steinheim

Der Wein- und Getränkemarkt von Kaufland kann als beste Weinabteilung 2021 in der Kategorie SB-Warenhaus/Verbrauchermarkt punkten.

Weinabteilung des Jahres: Edeka Zurheide
Weinabteilung des Jahres: Edeka Zurheide

Edeka Zurheide in der Berliner Allee in Düsseldorf wird von WEINWIRTSCHAFT für die beste Weinabteilung im selbständigen Lebensmitteleinzelhandel ausgezeichnet. Dafür gibt es zahlreiche Gründe.

Südafrika: Der Krise trotzen
Südafrika: Der Krise trotzen

Südafrikas Weinbranche wird von der Corona-Pandemie schwer gebeutelt. Die deutschen Importeure zeigen sich solidarisch und versuchen zu helfen, indem sie hierzulande die Absätze ankurbeln.

Omnichannel: Auf allen Kanälen
Omnichannel: Auf allen Kanälen

Die Pandemie hat gezeigt: Wer schlau ist, fährt nicht eingleisig, sondern nutzt mehrere Kanäle, um Kunden zu erreichen. Viele Händler basteln aktuell an ihren Strategien, andere haben bereits seit Jahren Mehrkanal-Erfolg.

Champagner: Facettenreich
Champagner: Facettenreich

Unsere große Champagner-Verkostung Mitte Oktober unterstreicht ein weiteres Mal, wie vielfältig und erstklassig der prestigeträchtigste Schaumwein der Welt sich darstellen kann.