Ausgabe 21/2018

Dienstag, 23. Oktober 2018 - 14:15

Sommer ohne Theater

Titel WW 21/18

War es ein toller Sommer? Auf den ersten Blick sicher ja. Deutschland segnete ein traumhaftes Bilderbuchwetter. Die Furcht, es könnten die Vorboten des Klimawandels sein, dessen Wetterextreme irgendwann katastrophalen Auswirkungen zeigen, schwang als unangenehmes Bauchgefühl sicher bei vielen mit. Aber was soll’s, die Menschen freuten sich am Jetzt und Heute, über Sonne und Wärme und ein mediterranes Lebensgefühl. Nächste Frage: Waren es gute Sommermonate für die Weinbranche? Lassen wir mal die Winzer außen vor, denen das Jahr allen Spekulationen um Trockenstress zum Trotz eine super Weinernte beschert hat und hoffen voller Inbrunst auf innere Werte der Weine, nicht zu viel Alkohol, Frucht, Struktur, Säure und mineralischen Biss. 

Wer in der Branche mit der Vermarktung von Weinen beschäftigt ist, dem ist allerdings weit weniger wohl in seiner Haut. Das gute Sommerwetter war für den Weinabsatz eher abträglich. Bier konnte sich so lala halten. Einer meiner Gesprächspartner, kein Kleiner der Branche, formulierte es so: »Besch….. ist noch zu viel gesagt.« Im Lebensmittelhandel ging nicht viel und auch der Absatz im Fachhandel und ab Weingut geriet ins Stocken. Der Weinabsatz, liegt tiefrot im Minus. Das bestätigen nicht nur die Zahlen der Anstellungen zur Qualitätsweinprüfung, die summa summarum die Vermarktung eines großen Teils der deutschen Weine widerspiegeln, sondern auch die monatlichen Zahlen für die Weinimporte sowie die Meldungen aus der Marktforschung. Wenn bis Jahresende kein Wunder geschieht, dann dürfte das Jahr Verluste bescheren, was Absatz und vermutlich auch Umsätze betrifft.

Am Angebot kann es nicht liegen. Wein war noch nie so leicht zu haben. Die Sortimente der Lebensmittelhändler bieten alles was Otto Normalverbraucher verlangt und über Fach-, Versand- und Onlinehändler sowie Weingüter ist so gut wie jeder Wein binnen weniger Tage verfügbar. Die Preisübersicht ist besser denn je und wer sich über Weine schlau machen will, bekommt gratis und franco jede Menge Informationen. Sind die Deutschen also weinmüde? Sind die nachrückenden Jungen durch Nullpromillegrenze im Straßenverkehr den alkoholischen Getränken entwöhnt? Die Antwort wird auf sich warten lassen. Ich denke zuallererst ökonomisch und mein Verdacht geht in eine ganz einfache Richtung: Die Deutschen würden gerne Wein konsumieren, wenn sie könnten. Doch es fehlt am Geld.

Die Deutschen leben, um zu arbeiten und haben trotzdem wenig Geld auf der hohen Kante. Gespart wird, wo es am wenigsten auffällt und das ist beim Essen und Trinken. Wer ist die reichste Bevölkerungsgruppe in Deutschland? Pensionäre aus der Beamtenschaft. Sie haben traditionell auch den höchsten Pro-Kopf-Konsum an Wein. Wer Geld hat, kann sich Wein leisten. Wohl dem Händler, der in einer Beamten- oder Universitätsstadt residiert. Was für privilegierte Bevölkerungsschichten zutrifft, gilt nicht für die Masse. Deutschland ist die Werkbank Europas. Andere Nationen arbeiten, um zu leben und sei es auf Kosten anderer. Der aktuell verabschiedete Haushalt Ialiens mit seinen sozialen Wohltaten spricht Bände. In Europa sorgt die gemeinsame Währungsunion für eine fröhliche Umverteilung. Deutschland exportiert und darf sich dafür Guthaben in Form von Target-Salden anschreiben. Immerhin rund eine Billion Euro beträgt die Summe inzwischen. Zusammen mit den rund 300 bis 400 Mrd. Euro Zinsverlust hat die deutsche Bevölkerung in den letzten acht Jahren viel Geld verloren oder ist dabei es zu verlieren, wird nicht bald eine Abrechnung präsentiert. Die Steuerlast ist hoch, das Leben teuer. Die  Netto-Einkommen reichen vielen gerade so, um über die Runden zu kommen. Wo soll das Geld für persönlichen Konsum, für das kleine Quäntchen Luxus herkommen, den der Wein auch heute noch für viele ist? Lasst den Arbeitnehmern ihr Geld, statt es umzuverteilen. Das wäre mal ein Thema für ein Sommertheater.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

Inhalte dieser Ausgabe

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