Ausgabe 18/2020

Freitag, 4. September 2020 - 9:00

Trost in der Not

Die Entwicklung des deutschen Weinmarktes in den ersten acht Monaten des Jahres liefert eine angenehme Überraschung. Anders als angesichts der Corona-Krise vermutet, wird nicht weniger, sondern mehr Wein getrunken und allem Anschein nach auch besserer. Das war nicht vorherzusehen. In Krisenzeiten würde man eher erwarten, die Konsumenten sparen sich das Geld für die essenziellen Ausgaben. Dem ist glücklicherweise nicht so.

Wein befindet sich im Gegensatz zum Bier auf der Gewinnerseite. Wenn man sein Geld schon nicht für Urlaub oder Restaurantbesuche ausgeben kann, dann sorgt man wenigstens in den eigenen vier Wänden für ein bisschen Freude und Entspannung, scheint die Devise in der Bevölkerung zu lauten. Das gilt fürs Trinken wie fürs selbst zubereitete Essen. Die notwendige Infrastruktur in Form schicker Küchen ist ja in Hülle und Fülle vorhanden. Die Küche als zentraler Hort neuer deutscher Identität, ist doch mal eine wirklich angenehme Botschaft, genauso wie sich Schrebergärten als Sehnsuchtsorte einer hippen Bürgerlichkeit entpuppen. Wer hätte das vor Jahren gedacht. Die Virus-Krise als Motor einer neuen Volksgesundheit? 

Verlierer in der Gastronomie

Allerdings profitieren nicht alle in der Branche von der überraschenden Sonderkonjunktur. Auf der Verliererseite befinden sich die Gastronomie und ihre Lieferanten. Im Weinbereich sind von der Krise und von schwindenden Umsätzen vor allem Weingüter mit Absatzschwerpunkt im Horeca-Bereich und gastronomie-orientierte Fachgroßhändler betroffen.

Davon gibt es neben den C&C-Märkten als Einkaufsstätten für Gastronomen in den Ballungszentren rund drei Dutzend über das gesamte Bundesgebiet verstreute Spezialisten, die in der Vergangenheit ihre Claims mit Zähnen und Klauen verteidigt hatten. Die leiden wirklich, und Kurzarbeit ist für die Unternehmen ein Segen. Andernfalls stünden die Mitarbeiter, Fahrer, Lageristen und Gebietsvertreter auf der Straße.

Auf längere Sicht wird das Geschäft zurückkommen, aber die Strukturen werden sich gewaltig verändern, sprich der eine oder andere wird, wie seine Kunden in der Gastronomie, aufgeben müssen. In der Gastronomie leiden aber nicht nur die Kleinen, auch manchem Dickschiff sind über Nacht die Umsatze zur Gänze weggebrochen.

Man muss nur an die Kongress- und Großstadthotellerie denken, deren Bettenburgen seit Monaten leer stehen. Die haben die letzten Jahre gutes Geld verdient und zum Teil unverschämt bei Übernachtungen und Zimmerpreisen zugelangt. Nicht jeder dürfte daher Mitleid verspüren, wenn der eine oder andere internationale Hotelkonzern oder Gastronom jetzt bluten muss.

Strukturwandel beschleunigt

Der Umbruch in der Gastronomie nimmt Fahrt auf. Schneller als gedacht, haben sich viele schwache Gastronomen, die ein austauschbares Angebot feil hielten, von der Bildfläche verabschiedet. Zahlreiche haben schon dicht gemacht, und bis Jahresende werden wahrscheinlich mehrere zehntausend Gastronomen ihre Zapfhähne für immer schließen. Ob mit oder ohne staatliche Hilfe, die eh zu spät kommt und kompliziert genug, immer die Falschen rettet.

Aber es gibt auch die Leuchttürme in der Gastronomie: Wer bei Speisen Qualität bietet, erfreut sich regen Zuspruchs. Die guten Lokale sind landauf landab an den Wochenenden ausgebucht und in den Ferienregionen herrscht angesichts der im Land gebliebenen Urlauber regelrecht Goldgräberstimmung, ob in den bayerischen Bergen, im Schwarzwald oder an Nord- und Ostseeküste. 

Dort wird wie zuhause Wein getrunken, wie mir vor kurzem ein im Norden urlaubender Marketingprofessor versicherte. Das kommt nicht von ungefähr. Es hängt mit der Wirkung und dem Image von Wein zusammen. Wein entschleunigt, ermöglicht den Menschen Abstand zum Alltag zu finden. Beim Glas Wein findet man zur Ruhe, und die scheinen die Menschen mehr denn je zu suchen.

Inhalte dieser Ausgabe

WeinKompakt
WeinKompakt

Weingesetz  begibt sich in die finale Abstimmungsphase
Rotkäppchen  präsentiert Fruchtsecco und Glühwein
Valpolicella  von Hagelunwetter getroffen
wine trade summit  als neue Handelsplattform

Interview mit Patrick F.W. Langguth
Interview mit Patrick F.W. Langguth

Die Weinkellerei F.W. Langguth Erben engagiert sich mit innovativen Produkten für mehr Nachhaltigkeit.

Ausgezeichnete Genossen
Ausgezeichnete Genossen

Erneut hat die WEINWIRTSCHAFT die Sieger und Platzierten des Leistungstests Genossenschaften gekürt. Am 26. August durften die Vertreter aus Italien, Frankreich und den deutschen Anbaugebieten in Deidesheim ihre Urkunden entgegennehmen – dieses Jahr mit gebührendem Abstand und gemäß der geltenden Hygiene-Auflagen.

Rindchens Meinung: Win-Win-Situation
Rindchens Meinung: Win-Win-Situation

Individualisierte Weine sind ein Weg zur intelligenten Wertschöpfung für Weingüter und Fachhandel-

Internationale Markenweine: Wert und Volumen
Internationale Markenweine: Wert und Volumen

Was sind die Erfolgsrezepte von Markenweinen? In der Rangliste der meistverkauften Weine geben internationale Marken den Ton an. Was sind die Konzepte hinter den Markenserien?

Verpackungen: Mehr Vielfalt an Größen und Formen
Verpackungen: Mehr Vielfalt an Größen und Formen

Neue Anforderungen für Verpackungshersteller: Kreativität und Reaktion auf die Anforderungen des wachsenden Onlinehandels sind gefragt. 

Social Media: @Kunde: Hallo, hier bin ich!
Social Media: @Kunde: Hallo, hier bin ich!

Die Rolle von Social Media wird immer wichtiger – und das auch in der Weinvermarktung. Wir klären welches ungenutzte Potenzial dort schlummert und wie man sich im Netz am besten präsentiert.

Präsente: We proudly PRÄSENT
Präsente: We proudly PRÄSENT

Einst bedeutend, dann »klein-reglementiert«, aber: Das Präsentgeschäft hat nach wie vor seine feste Nische beim Umsatz vieler Unternehmen, gerade im Jahresendgeschäft. Was kommt gut an auf dem Markt und wohin geht der Trend? Und warum kann ein Geschenk kleine Wunder bewirken?

Große Gewächse: Nahe voraus
Große Gewächse: Nahe voraus

Kein klares Bild lieferte der Riesling Jahrgang 2019 bei der Vorpremiere der Großen Gewächse des VDP in Wiesbaden.