Ausgabe 16/2019

Donnerstag, 8. August 2019 - 17:00

Gelegenheit macht ...

Weinwirtschaft 16/19

Man kann es drehen und wenden wie man will, der Fall Welter erscheint im Lichte immer neuer Details nicht nur als dreister Betrugsversuch, sondern auch als Fanal, dass die Regulierungswut, die den deutschen Weinbau stranguliert, ihre Grenzen überschritten hat. 
Zunächst muss auch im Fall Welter die Unschuldsvermutung gelten, bis in einem rechtstaatlichen Verfahren die Verfehlungen nachgewiesen wurden. Das sind wir ihm und uns schuldig. Doch das ist nur die eine Seite der zum Skandal mutierten Geschichte. Die andere ist der Imageschaden für die Region Rheinhessen, für tausende Winzer und ihre Familien, vielleicht für den gesamten deutschen Weinbau. »Biowein-Skandal in Rheinhessen«, »Bio-Siegel vielfach gefälscht«,  »Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Weinbetrugs im großen Stil«, lauteten bisher die Schlagzeilen, die jeden in der Weinbranche diskreditierten. Die Mengen wurden immer größer: Aus einer Million wurden sieben oder acht. »Mitarbeiter, Winzer, Weingüter, banden- und gewerbsmäßiger Betrug« werden mit »Deutschem Wein«, »Rheinhessen«, »Rheinland-Pfalz« und »Biowein« in einem Atemzug genannt. Was bleibt da beim Verbraucher hängen?   
Da muss das Privileg anonym und ungenannt bleiben zu wollen, hinter dem Interesse einer Vielzahl von Winzerfamilien zurückstehen. Wie bei vielen Skandalen hätten sonst Unbeteiligte den Schaden zu tragen. Auch gut, dass sich Welter und seine Helfer aus der ersten Reihe zurückgezogen haben. Was aus seiner Kellerei wird, muss sich zeigen. Allzu rosig dürfte es nicht aussehen, nachdem die Bonitätsbewertung ausgesetzt wurde. Winzer in Rheinhessen und abnehmende Kellereien werden sich für den kommenden Herbst wappnen müssen.
Aber was waren das für Jahre, auf die sich die Ermittlungen beziehen? 2015 ein Weinjahrgang nach Wunsch, die Menge im langjährigen Mittel. 2016 wieder ein Jahr mit reichlich Wetterkapriolen und einer unterdurchschnittlichen Menge. 2017 brachte Frost im April und nach durchwachsenem Vegetationsverlauf zum dritten Mal  hintereinander eine kleine Ernte, die kleinste Ernte der letzten Jahrzehnte. 2018 bescherte dagegen nach einem trocken-heißen Sommer eine übergroße Ernte mit rund 11 Mill. Hektolitern Most. Die größte Ernte der letzen 20 Jahre. Es hätte mehr werden können, wenn die Ertragslimitierungen nicht die Winzer gezwungen hätten, ihre bis in den Herbst hinein gesunden und vollreifen Trauben am Stock verfaulen zu lassen oder auf den Boden zu schneiden. Mehr Frevel als gesunde Trauben nicht zu ernten geht im Weinbau nicht. Aber genau das verlangt das Gesetz. Die Natur bescherte 2018 selbst Winzern, die im Vorfeld den Ertrag reduzierten, eine reichliche Ernte. Folglich mussten auf einmal Erzeuger mit Übermengen kämpfen, die jahrzehntelang damit nichts am Hut hatten. Das bescherte der Landwirtschaftsverwaltung jede Menge falscher Ernteerklärungen von Winzern, die mit der Berechnung von Übermengen und Destillationsverpflichtungen mangels Übung überfordert waren. 
Nein, es ist keine Entschuldigung für die vermuteten Betrügereien, aber das System, wie die Ertragsbegrenzungen organisiert sind und wie man sich über einen betrieblichen Flächenertrag an den wahren Verhältnissen vorbeimogeln kann, spricht einer wirklichen Qualitätspolitik Hohn. Das System reizt dazu an, auf dem einen Standort mehr und dem anderen weniger zu ernten. Ernteerträge sind am Ende nur noch theoretische Größen. Sowas verleitet zum Betrug. Winzer tauschen munter Weine, und der Schritt um Papiere, Softwareprogramme oder Dateneingaben zu fälschen, ist nicht mehr weit.
Warum nicht flexibel auf unterschiedliche Erntemengen reagieren? In Italien wie in Frankreich machen Konsortien vor, wie das funktioniert und wie Erntemengen blockiert, überlagert oder freigegeben werden können. Davon sollte man in Deutschland lernen.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

Inhalte dieser Ausgabe

WEINKompakt

Schloss Wachenheim  Kauft Pieroths Vino
Kellerei Welter  Mit neuen Dimensionen konfrontiert
Italien  Die rentabelsten Betriebe
Majestic Wines  Verkauft sich für 100 Mill. Pfund

Riesling

Warum Riesling seit Jahrzehnten die unangefochtene Nummer 1 des deutschen Weinbaus ist

Italienische Winzergenossenschaften

Die italienische Genossenschaftswelt entwickelt zunehmend unternehmerische Stärke, wird
wettbewerbsfähiger. Selbst der Süden überrascht mit neuer Dynamik

Präsente

Auf welche Inhalte und Verpackung es heute ankommt

Konjunkturumfrage Italien

Der Durst der Deutschen auf italienischen Wein ist ungebrochen, wie die Umfrage im Fachhandel ergibt

Leistungstest Genossenschaften

Italienische Winzergenossenschaften

Dossier

Rioja