Ausgabe 10/2018

Freitag, 18. Mai 2018 - 12:45

Form vor Inhalt?

Titel WW10/18

Die deutschen Winzer diskutieren nach langem Zögern ein neues Weinrecht. Bevor es ans Eingemachte geht, wie deutsche Weine in Zukunft definiert werden, dreht sich die Diskussion erstmal um die Organisation. Die nimmt in Form der Schutzgemeinschaften breiten Raum ein. Baden und Württemberg haben auf Gebiets­ebene bereits derlei Gebilde aus der Taufe gehoben. In der Pfalz findet die Gründungsversammlu ng der »Ritter der Tafelrunde«, wie Spötter frotzeln, voraussichtlich am 12. Juni 2018 statt. Dabei geht es auch anders und wie, das machen derzeit die Franken vor.
Die haben nicht zuerst über die Form debattiert, sondern über den Inhalt. Die Region putzt sich als Marke heraus und kehrt zu ihren Wurzeln zurück. Franken, das einen Anteil von rund 6 Prozent am deutschen Weinbau besitzt und zweifellos über eine Alleinstellung verfügt, hat sich zunächst vor die naheliegenden Fragen gestellt: Was sind unsere Stärken? Was ist der Kern unserer Marke? Über zwei Jahre wurde in einem »Kraftschluss« wie es Horst Kolesch, Vize-Präsident des fränkischen Weinbauverbands formulierte, zwischen allen Beteiligten, ein Dachmarken-Konzept entwickelt, das in der Formulierung »Franken Silvaner Heimat seit 1659« seinen griffigen Ausdruck gefunden hat. Das Gebiet knüpft damit an die guten Zeiten vor den Skandal- und Zuckerexzessen des deutschen Weinbaus in den achtziger Jahren an, als Franken den Ruf eines Premiumgebietes besaß und seine Weine über lange Jahre die höchsten Preise in deutschen Landen erzielten. Nichts anderes als eine Premiumstrategie bringt Franken mit seiner neuen Dachmarkenkampagne jetzt wieder auf den Weg: Die Produktionskosten sind hoch. Ertragsreduzierung und Mengenbegrenzung müssen somit Bestandteile des zukünftigen Konzeptes sein.
Für den Absatz wird man sich auf den deutschen Markt konzentrieren, was angesichts eines Exportanteils von 4 Prozent auch mehr als naheliegend ist. Der fränkische Weg kann gelingen, und auch in Baden, vom Bodensee bis zur Ortenau, oder an der Mosel, die sich endlich auf ihre Steillagen besinnen sollte, könnte ein Premiumkonzept gelingen, das die Kernbotschaft des Gebiets zur Marke macht. Württemberg als Rotweinregion geht eh seinen eigenen Weg. Bleiben, wenn man von den mitteldeutschen Weinbaugebieten absieht, Rheinhessen, Nahe und Pfalz mit mehr als der Hälfte der deutschen Rebfläche übrig. Der Weinbau hat sich hier aufgrund der besseren Bedingungen angesiedelt, wie der amerikanische Professor Karl Storchmann in einer Studie eindrucksvoll nachweisen konnte. Wirtschaftliche Basis ist die Menge, und ich wage zu behaupten, dass es weltweit nur wenige andere Regionen gibt, die ähnliche günstige Bedingungen für den Weinbau besitzen.
Aber das ist Fluch und Segen zugleich. Eine Premiumstrategie wie in Franken hat es in Rheinland-Pfalz schwer. Schon die Suche nach einem Markenkern und einer Dachmarkenstrategie wird schwierig. Bleibt also nur der harte und langwierige Gang der Evolution bis einzelne Teilnehmer von selbst aus dem Markt ausscheiden, wie es sich heute schon abzeichnet. Die Kellereien, die den LEH bedienen, sind nicht in der Lage, die am Fassweinmarkt geforderten Preise für bessere Weine und höhere Qualitäten umzusetzen, da der Handel die höheren Preise nicht weitergeben will oder kann. Privaten Weingütern gelingt das schon eher. Sie entwickeln sich zur Konkurrenz für Kellereien und bedienen nun vorzüglich den gehobenen Lebensmittelhandel und den Fachhandel. Ach ja und da wäre noch ein Unterschied: Franken will einen Branchenverband entwickeln, der hat dann richtig was zu sagen. Da kommt den Franken zugute, dass sie nicht wie Rheinland-Pfalz über ein Kammersystem als verlängerten Arm des Staates verfügen. Davor fürchten sich die Funktionäre: Ein funktionierender Branchenverband würde Bauernverbände und Landwirtschaftskammer überflüssig machen. Die Franken haben’s offenbar besser.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

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