Ausgabe 09/2017

Sonntag, 7. Mai 2017 - 10:00

Irrweg oder Zukunft?

WEINWIRTSCHAFT 09/2017

Es scheint nur zwei Sichtweisen zu geben: totale Ablehnung und diebische Freude, etwas Altes aber noch Brauchbares auf dem Dachboden der Geschichte wiedergefunden zu haben. In der seriösen Welt der Weine hat die Liebfraumilch oder besser die Weine, die unter dem Namen der einst im In- wie im Ausland bekanntesten deutschen Weinmarke feilgeboten wurden, schon lange keinen guten Ruf mehr. Von »billig und süß« bis hin zur »ungenießbaren Plörre« reichten die ablehnenden Beschreibungen. Selbst die offiziellen Weinwerber des Deutschen Weininstituts distanzieren sich von der Liebfraumilch und wollen das Thema noch nicht mal mit Glacéhandschuhen anfassen, obwohl 2016 immerhin noch rund 15 Mill. Flaschen ins Ausland exportiert wurden. Das ist zwar nur noch ein Schatten einstiger Größe, aber immerhin – 15 Millionen sind kein Pappenstiel. Bei der Frage pro oder contra Liebfrau(en)milch (beide Schreibweisen sind laut deutschem Weingesetz erlaubt) prallen zwei Sichtweisen aus der Welt des Produktmarketings aufeinander: Mit denkbar schlechtestem Ruf beleumundet, kann die Liebfraumilch niemals mehr auf ihren früheren Märkten in England, USA, den Niederlanden und Skandinavien belebt werden, so könnte man die Ansicht von DWI-Geschäftsführerin Monika Reule zusammenfassen, die sie auf der ProWein am Stand des Meininger Verlags anlässlich einer Verkostung »neuer« und »alter« Liebfraumilch-Weine geäußert hatte. Die Liebfraumilch hat ihren Zenit längst überschritten und ein neuer Aufstieg ist nicht denkbar. Die ablehnende Haltung ist durchaus nachvollziehbar und angesichts der Kommentare, etwa von englischen Journalisten vom Format eines Robert Joseph, auch nicht aus der Luft gegriffen.

Eine andere Sicht vertritt der seit 2016 amtierende neue rheinland-pfälzische Weinbauminister Volker Wissing, der sich auf verschiedenen Winzerversammlungen und Weinbautagungen eine Wiederbelebung vorstellen kann. Er zitiert gerne andere Marken wie beispielsweise Jägermeister, das als Wort wie die Liebfraumilch auch eher aus der Zeit gefallen zu sein scheint, das als Marke jedoch fröhliche Auferstehung feiern konnte. Voller Tatendrang, die Liebfraumilch wieder zu restaurieren, hat der Minister einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, in dem die Liebfraumilch im Kreis von Vertretern der großen Weinkellereien, über die verschiedenen Weinwerbeinstitutionen bis hin zu Vertretern der Winzerschaft wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden soll. Die Vorschläge und Ideen, wie die Liebfraumilch wieder auf die Beine kommen kann, reichen von Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen bis hin zur Schaffung eines Ursprungsgebietes Liebfraumilch, der Gründung einer Schutzgemeinschaft oder gar eines Branchenverbands. Für’s Erste scheint die Sache jedoch auf der langen Bank zu liegen, und so soll erstmal erforscht werden, was möglich ist: Ob eine Wiederbelebung überhaupt Sinn macht und möglich ist? Dazu wurde am Institut für Betriebswirtschaft und Marktforschung der Hochschule Geisenheim eine Forschungsarbeit in Auftrag gegeben, auf deren Basis in Sachen Liebfraumilch dann weiter gedacht werden soll.

So lange wollen zwei andere nicht warten und haben mit der Gründungsversammlung der »Liebfraumilch Society« am 28. April 2017 in den Räumen des Weinguts Hammel in Kirchheim auch schon Pflöcke eingeschlagen. Die wortgewaltigen Winzer und Weinblogger Christoph Hammel und Dirk Würtz haben feste Vorstellungen, wie die neue Liebfraumilch aussehen und vor allem welche neuen Qualitäten sich dahin verbergen sollen: Ein Wein, ein Cuvée aus Weißweinsorten, das es eh schon in jedem selbstvermarktenden Weingut in der einen oder anderen Form als Basiswein gibt. Und Hammel und Würtz wissen aus ihren Erfahrungen auch genau, dass es weltweit eine Vielzahl Konsumenten und noch mehr Konsumentinnen gibt, die es nach solch einem Wein dürstet. Abseits der alten Liebfraumilchmärkte wähnen sie in Asien und vielen anderen Ländern der Erde genügend Absatzpotenzial, und dürften damit nicht verkehrt liegen. So ein bisschen ist es die Geschichte vom Propheten, der im eigene Lande nichts zählt.

Hermann Pilz
Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
pilz@meininger.de

Inhalte dieser Ausgabe

WeinKompakt

Rotkäppchen  Umsatz knapp unter 1 Mrd. Euro
Hawesko  Gute Zahlen und große Pläne
Italien  Gaja investiert am Ätna
Weinbau  Frost trifft deutsche Winzer

Italiens Weißweine

Lugana läuft unbeirrt weiter, während sich der Bestseller Pinot Grigio und andere Klassiker neu aufstellen

Franken

Eine ordentliche Erntemenge unterstützt die fränkischen Erzeuger bei ihren Versuchen und Innovationen

Liebfraumilch

Dirk Würtz und Christoph Hammel haben die Liebfraumilch Society aus der Taufe gehoben

Übersee – Markt

Die Distributeure sind mit der Entwicklung ihrer Marken zufrieden und stellen ein breites Angebot zur Verfügung