Ausgabe 07/2019

Freitag, 5. April 2019 - 12:00

Ins Stammbuch

Titel WW 7/19

Erschüttert bin ich –  nein noch mehr benommen, desillusioniert, enttäuscht, verärgert. Ich kann und will gar nicht aufschreiben, was an Empfindungen alles in mir hochkocht. Ärger ist vermutlich noch das Naheliegendste. Am Ende sind glücklicherweise auch ein paar Lichtblicke zu erkennen, die mich wieder versöhnlich und froh stimmen. 
Was ich gerade getan habe? Klausuren korrigiert von Geisenheimer Studenten und Studentinnen: grottenschlechte und exzellente. Die Bandbreite ist groß und reicht von vollkommenem Versagen, in Form unzusammenhängender Wortfetzen und Begriffe in einer Schrift als sei ein Hühnerhaufen übers Blatt gewandert bis zu anderen, die akkurat geschriebene Beantwortungen liefern, mit klaren Sätzen, folgerichtigen Zusammenhängen und sinnvollen Schlussfolgerungen, wenn eine Frage eine Begründung verlangte. Die Guten bringen das, was notwendig und sinnvoll als Wissen gefragt ist, richtig widergegeben aufs Blatt. Sie haben was verstanden und gelernt.
So bitter mein Resümee klingen mag, aber ein Teil der Studierenden hat es offensichtlich nicht verdient, eine höhere akademische Bildungseinrichtung zu besuchen. Sie werden sagen, das war schon immer so. Ja, es gab und gibt tolle junge Leute mit rascher Auffassungsgabe, wachem Verstand und Interesse an den von ihnen fürs Studium selbst gewählten Themen. Sie wollen sich in die mitunter komplexe Materie eines Studiums der Weinwirtschaft einfinden. Doch daneben dümpeln andere träge im Teich der Bildung, ohne Interesse und Engagement und lassen erkennen, dass es irgendwo in Elternhaus und Schule gefehlt hat. Sie wollen sich durchmogeln, da und dort ein paar Punkte erhaschen, um am Ende einen Abschluss vorweisen zu können. Die Verschulung der Studiengänge fördert förmlich die Unselbstständigkeit, das Einpauken, Abhaken und Vergessen. Vieles wird angerissen, oft unter hochtrabenden Titeln bis ins Detail ausgebreitet und richtig gelernt wird nichts.
Schon seit Jahren beobachte ich diesen graduellen Unterschied: Die Schulbildung in anderen Ländern scheint mir oft besser als in Deutschland. Studierende aus Österreich, aber auch aus osteuropäischen und skandinavischen Ländern oder dem Baltikum sind nicht nur sprachlich besser gebildet und verfügen über mehr Allgemeinbildung als ihre deutschen Kommilitonen, sie sind oft auch engagierter und in ihren schriftlichen Darstellungsformen besser. 
Mit Sorge sehe ich der Bildungskatastrophe entgegen, die in wenigen Jahren auf uns zuströmt: Menschen, die nicht mehr schreiben können, denen die Verbindung abhandengekommen ist oder die es nie gelernt haben, einen Gedanken in die Kunstfertigkeit einer handschriftlichen Notiz zu übertragen. Die nicht mehr Kopfrechnen können und das Erinnerungsvermögen ihres Gehirns nicht mehr trainieren. Zum Menschensein gehören Wissen und Methode. 
Digitalisierung, frohlocken die halbtagsbeschäftigten Gralshüter moderner Bildungseinrichtungen, heiße das neue Zauberwort. Statt anständig Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen, werden Bildungsinhalte mit und rund um die digitalen Hilfsmittel erworben. Wozu was lernen? Google weiß alles. Aber das Leben ist nicht digital: Das Leben verlangt, sich Fähigkeiten, Methoden und Wissen anzueignen und dieses auf neue Situationen anzuwenden. Unser Leben ist sprunghaft und lässt sich nicht in digitale Formen zwängen. 
Ein Neurologe warnte vor kurzem vor der Vergötterung künstlicher Intelligenz und machte klar, dass wir bis heute noch kaum verstehen, wie unser Gehirn funktioniert und was Denken ausmacht. Unser Gehirn trainiert von Beginn seiner Existenz an, sich ständig neu zu organisieren und versucht Lösungen und Antworten zu finden. Auch wenn es Anstrengungen und Mühe kostet, diesen Prozess immer wieder aufs Neue anzustoßen.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

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