Ausgabe 02/2019

Donnerstag, 28. Februar 2019 - 14:15

Durchhalten

Titel WW 2/2019

Zum Jahresanfang wollte ich eigentlich einen schonungslosen Blick auf den Weinmarkt und seinen elenden Zustand werfen. Ich hätte darüber lamentiert, wie versaut der Markt ist und wie düster sich im konsumschwachen Monat Januar die Lage auf dem deutschen Weinmarkt darstellt. Jetzt scheint mir ein Apell angebrachter.

Denn tatsächlich trudeln die entsprechenden Nachrichten ein. Die Trinkweinbilanz 2017/2018 weist einen leichten Rückgang von 2 Prozent aus. Das Konsumvolumen an Wein und Sekt sinkt knapp unter 20 Mill. Hektoliter. Nehmen wir die Zahlen hin, wir können es im Nachhinein ja eh nicht ändern. Hoffnungsfroher stimmt mich in dem Zusammenhang die Kalkulation des Weinkonsums der Erwachsenen im Alter über 20 Jahre. Der verteilt sich auf 67 Mill. Menschen, was einen theoretischen Pro-Kopf-Konsum an Wein von circa 30 Litern pro Jahr und 2,5 Liter pro Monat ergibt. Immerhin. Die Bevölkerung in Deutschland denkt doch öfter an Wein als es die Schwarzmaler beklagen. 

Hauptgrund für den schwächelnden Weinkonsum dürfte die anhaltende Hitzeperiode des vergangenen Jahres gewesen sein. Man muss nur an die Konsumverteilung denken: 50 Prozent Rot-, 40 Prozent Weiß- und 10 Prozent Roséweine lautet die Farbenformel für den deutschen Markt. Schwächelt der Rotwein, strauchelt der Markt. Für die meisten Menschen ist Wein zuallererst Rotwein. Den trinkt man nicht, wenn das Wasser Blasen wirft und Abkühlung und Frische Not tun. 

Also nur keine Kopfstände. Wein ist nicht auf dem absteigenden Ast, sondern erfreut sich unveränderter Beliebtheit. Es wird nur höchste Zeit, dass die Deutschen Winzer und ihre Abgesandten mal werblich was für ihre Weißweine auf dem heimischen Markt tun. Wie dichtete doch einst ein Mainzer Fastnachtssänger: »Hopp, hopp, hopp, Schoppe in de‘ Kopp«. Das sollte man allerdings nicht so auslegen wie das Handelsunternehmen Netto, das wiederholt mit seiner Ein-Euro-Dornfelder-Aktion statt zur Absatzförderung zur Wertevernichtung beiträgt. 

Ob die tatsächlich Erfolg haben? Aktuell scheint ihr Konzept als »Vollsortimenter in Stadt und Land« aufzugehen. Die Liebe zu Lebensmitteln habe ich mir allerdings anders vorgestellt. Schlimmer noch als die Rufschädigung für den Dornfelder ist für mich das immer weiter um sich greifende Geschäftsgebaren im Online-Handel. Die Rezepte sind so perfide wie wertvernichtend. In schöner Regelmäßigkeit bieten sie Weine zu Ab-Hof-Preisen, die jeder Kalkulation spotten. Erst kürzlich wieder beim Genuss-Erlebnis-Händler Ebrosia. Aus der Zusammenarbeit der beiden »talentierten Pfälzer-Winzer« Jürgen Lergenmüller und Gunter L. Möller bietet Ebrosia-Inhaber und Weinverständiger Rüdiger Kleinke einen Riesling für 5,49 Euro statt des regulären (Streich-)Preises von 9,99 Euro an. Kleinke, der seine eigenen Punkte verteilt und damit nicht geizig umgeht, lobt einen Rabatt von schlappen 45 Prozent für den seiner Meinung nach 90-Punkte-Wein aus. Da weiß der Kunde doch gleich, welcher Vorteil ihm zu Teil wird, entmündigt von einer reelen Wertschätzung. Der kauft dann auch x-beliebige Weine, die regulär für 13,99 Euro und mit Streichpreisen für unter 6 Euro offeriert werden. Die Weine sind in Wahrheit 2 Euro wert und schmecken auch so. Das sichert Aufschläge von 200 Prozent und mehr, womit sich der ganze Preisverhau am Ende für den Händler doch noch rentiert, aber nicht für die Weingüter. 

Das ist dann auch der Grund, warum Flaschenweinvermarkter sich immer schwerer tun als Fassweinvermarkter, wie der Betriebswirt Jürgen Oberhofer von der DLR Rheinpfalz nicht müde wird, mit Zahlen zu untermauern. Sie lassen sich sprichwörtlich am Nasenring durch die Manege führen. Aber was soll das Lamentieren: Deutsche trinken Preise und das knausrige Einkaufsverhalten wird man so schnell nicht ändern. Durchhalten, wachsam sein und die Klamotten beisammen halten, muss deshalb die Losung lauten. Zu Verzagtheit ist kein Anlass.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

Inhalte dieser Ausgabe

WEINKompakt

Wein & Co  mit neuer Unternehmensspitze

Trinkweinbilanz  weist Rückgang aus

ProWein  verlost in WEINWIRTSCHAFT Fachhandelspakete

Weinladen.de  wird selbstständig

Südamerika

Sowohl in Chile und noch mehr in Argentinien sind die Bedingungen nicht einfach. Dennoch wird investiert

Südamerika im Handel

Erfahrene Südamerika-Spezialisten und Generalisten berichten über die Situation auf dem deutschen Markt und sagen, wo sie Chancen sehen

Griechenland

Griechenland-Kenner verraten, wie das Land auf dem deutschen Markt erfolgreicher sein könnte und das Image von Retsina und Imiglykos abschütteln könnte

Basilikata

Die Basilikata bietet den noch ungehobenen Schatz des Aglianico, den Barolo Süditaliens

Weinhändler des Jahres

In der Kategorie Online- und Versandhandel wurden mit Pinard de Picard Pioniere des Internets ausgezeichnet