Ausgabe 02/2017

Samstag, 28. Januar 2017 - 9:15

Fossile ahoi!

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 02/2017

Wer ist nicht schon von Albträumen geplagt des Nachts erwacht und sieht plötzlich Wiedergänger oder Untote vor seinem geistigen Auge? Nein, nicht dass ich schlecht schlafen würde. Es passiert tagsüber, bei der Lektüre aktueller Nachrichten. Die nimmt jeder anders wahr, und für manchen mag Donald, der Polit-Clown aus New York, in den letzten Wochen das Wichtigste gewesen sein. Ich bewege mich da auf näherliegenderem Niveau, ärgere mich nicht minder über Grüne Woche und Eiswein. Die haben natürlich überhaupt nichts miteinander zu tun, zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dahinter die gleiche miefige, kleingeistige Welt, die wohl auch dem starken Mann in Washington zu eigen ist.

Die Grüne Woche ist ein Fossil, ein Messesaurier mit Ursprung in den Goldenen Zwanziger Jahren, als Fressen noch was war. Damals prägten die in grüne Lodenmäntel gehüllten Bauern und Forstleute das Bild der Stadt und verhalfen der Messe zu ihrem Namen. Heute ist es das Stelldichein der Apparatschicks und Ministerialen aus der ganzen Welt, die mit vielköpfigen Delegationen anreisen und an ihren staatlich finanzierten Gemeinschaftsständen zeigen, was die »faszinierende Welt der Nahrungs- und Genussmittel zu bieten hat«, wie die Macher der Grüne Woche voller Stolz verkünden. Auf der Messe gibt’s tatsächlich viel zu sehen: Stramme Burschen und zünftige Mädels in Tracht, überall wird die Idylle des kunterbunten Bauernhofs beschworen, auf dem die Schweine fröhlich quieken und die glücklichsten aller Kühe mit prallen Eutern vergessen lassen, dass der darbende Bauernstand noch vor Kurzem über die mageren Milchpreise klagte. Ja, das Gedächtnis ist kurz. Näher betrachtet erweist sich die Grüne Woche als ein Eldorado der Rentnergangs und Häppchenjäger, die aus allen Teilen der Republik per Bus nach Berlin gekarrt werden. So ein Messebesuch der Grünen Woche hat schon was. Denn hier gibt’s zu Fressen und zu Saufen für lau, wie der Berliner Volksmund weiß.

Auch für Politiker aller Couleur, hohen Staatsbeamten der Agrar- und Umweltministerien sowie den Lobbyisten aus den Bauernverbänden und der Food-Industrie ist die Grüne Woche ein Hochamt der Spesenritter. Hauptsache mal auf Kosten der Allgemeinheit in Berlin gewesen. Amusement inbegriffen. Dass die Agrarwirtschaft nicht mehr weiter machen kann wie bisher, eine Welt schon lange nicht mehr reicht und Nahrungsmittel künstlich, schlecht oder fade sind, die Gesundheit der Menschen leidet und eine intakte Umwelt vernichtet wird, kommt eher am Rande von Außenstehenden zur Sprache.
Kritischen Fragen stellt man sich kaum: Wie findet tierische Produktion heute statt? Warum ist so viel Nitrat im Wasser? Wie ist das mit der Artenvielfalt? Wieviel Chemie ist auf den Äckern? Gibt es noch eine Chance zur Umkehr?

Statt Antworten zu bekommen, darf man sich auf der Grünen Woche am Wein laben, weshalb auch zahlreiche Politiker und Verbandshengste aus den Weinbauländern das Schaulaufen auf grünem Parket üben. Dort finden sich dann die Ulknudeln des Weingeschäfts vom Schlage Pallhuber & Söhne als Aussteller, wie sie Loriot trefflich auf die Schippe genommen hat. Die kredenzen an bacchantischen Ständen den Rentern und Berlin-Besuchern gern mal was »Süßes«, weil in deutschen Weingärten ja so liebliche Tropfen gedeihen. Aber Achtung: Die gibt’s auch bald wieder beim Discounter. Vermutlich zu Ostern kommt ein Teil der jetzt geernteten Eisweine auf den Markt. Das letzte Mal gab es die Halbliterflasche Eiswein für 5,99 Euro. Auch wieder so ein Untoter, den es nur deshalb gibt, da die eigentlich limitierte Produktion pro Hektar auf die gesamte Betriebsfläche verrechnet werden kann. Da bleibt entweder was übrig oder wird wegdestilliert, und schon kann der gute Tropfen der Rebenmäster für kleines Geld über’n Tresen wandern. GHE-Berechnung (Gesamthektarertrag) heißt das im Fachjargon. Was soll’s. Ist doch der Rentnerin egal, Hauptsache süß und edel muss es sein. Da sind sie wieder, die Untoten, die Kostbares veralbern, dass einem der Appetit vergeht.

Hermann Pilz
Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
pilz@meininger.de

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