Ausgabe 01/2019

Freitag, 11. Januar 2019 - 14:00

Eingeständnis

Titel WW01/19

Zunächst muss ich mich entschuldigen. Es tut mit aufrichtig leid. Eine blöde Sache, die ich so nicht mehr aus der Welt schaffen kann. Ich entschuldige mich bei allen, die mir zum Jahreswechsel zum Geburtstag gratuliert haben. Da waren wirklich die herzlichsten Grüße dabei, Gedichte sogar und aufrichtige Wünsche für Gesundheit und ein langes Leben.
Als die ersten E-Mails hereinflatterten, habe ich zuerst nur ein bisschen gestutzt und gedacht, wird wohl jemand einen Scherz machen. Aber dann habe ich ob der Flut irgendwann um den Jahreswechsel herum nachgesehen, was es mit den Glückwünschen auf sich hat. Wenn ich den Erzählungen meiner Eltern und dem Eintrag in meiner Geburtsurkunde Glauben schenken darf, bin ich nicht im Winter, sondern mitten im Sommer im prächtigen Juli geboren. Aber wieso dann die vielen Glückwünsche zum Geburtstag und zum neuen Jahr?
Irgendwann fiel es mir wieder ein. Ich weiß nicht mehr wieso und warum, aber vor langer Zeit habe ich auf einem x-beliebigen Social-Media-Portal aus Verärgerung über die ständige Abfragerei, ob ich nicht ein Premium- oder sonst ein kostenpflichtiges Abo abschließen oder wenigstens meine persönlichen Daten vervollständigen wolle, als Geburtsdatum den 1. Januar 2000 eingetragen. Das ploppte einfach so auf. Ja, ich erinnere mich, dass ich boshaft genug gedacht habe, so jetzt habt ihr’s. Die Folgen habe ich damals gar nicht bedacht: Habe ich die Gratulanten betrogen, hinters Licht geführt sogar peinlich kompromittiert? Ein bisschen schon, muss ich eingestehen. Klar, wer bei wachem Verstand ist, der wird mir das zarte Alter von 18 Jahren nicht mehr attestieren und zum Geburtstag gratulieren. Wer hat also einen Fehler gemacht? Ich, das System, die Absender? Wer auf den entsprechenden Portalen unterwegs ist und Freunde findet, generiert die Glückwunsch-Mails automatisch. Wie viele davon haben wir weitergeleitet, ohne uns viel Gedanken darüber zu machen?
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, wie leicht es eigentlich ist, eine gefälschte Identität zu schaffen. Es hätte nur ein paar Klicks bedurft und ich wäre jemand ganz anderer. Aktuell wird viel über Datensicherheit diskutiert, und wir gehen in der Tat fahrlässig damit um. Ich gebe, wie viele andere, Persönliches ungern preis. Mir geht es da wie Andrea Nahles, die auch nicht ihre Privatadresse im Internet veröffentlicht sehen will. Da fällt mir ein: Was sind angesichts solcher simpler Manipulationsmöglichkeiten all die gesammelten Daten wert, die in den Arsenalen der Datenkraken schlummern? Was taugen die Geschäftsmodelle, auf denen die New Economy beruht, wenn ihre Basis so weich und manipulationsanfällig ist? Wie viel falsche Daten werden gesammelt und daraus die falschen Schlüsse und Entscheidungen getroffen? Ja, ich weiß, auf mich kommt es gar nicht an, wird ein neunmalkluger Statistiker sagen. Das filtern wir heraus, wir liefern valide Daten. 
Soweit ist es mit uns gekommen. Wir überlassen Maschinen unsere persönlichsten Glückwünsche, die wir anderen Menschen entgegenbringen. Der Stöpsel-Kamerad erledigt das für uns. Wir brauchen uns nicht mal mehr daran erinnern. Wir brauchen kein Gedächtnis mehr. Wir wägen nicht mal mehr ab, ob es realistisch ist, was hinter unserem Rücken passiert. Solchen Systemen vertrauen wir unsere Zukunft an. Es soll die Basis sein für zukünftige Geschäftsmodelle, auch wenn es um den banalen Verkauf von Wein geht? Wie viele falsche Datensätze werden jede Sekunde mit großem Aufwand erzeugt und bewegt? Wie viel Manipulation ist möglich? Mir wird ganz angst und bang. Die nächste große Blase die platzt, wird das Internet sein. Dann steht die Welt still, und die hereinbrechenden Katastrophen werden schlimmer sein als alle Tsunami, Vulkanausbrüche und Meteoriten-Einschläge zusammen. Es ist Zeit, für mehr Sicherheit im Netz zu sorgen und die Integrität unserer Persönlichkeit zu wahren.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

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