Ausgabe 01/2017

Freitag, 13. Januar 2017 - 12:00

Meilensteine

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 01/2017

Politische Börsen haben kurze Beine. Was für die Börse gilt, trifft auch für die übrige Wirtschaft zu: Man sollte sich nicht zu sehr vom Gewäsch der PolitikerInnen beeinflussen lassen, auch nicht im Wahljahr 2017. Gerade wegen der Wahlen dürfte das neue Jahr jedoch große Unsicherheiten und schwankende Stimmungslagen in sich bergen. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich im Frühjahr und die Bundestagswahl im Herbst in Deutschland sorgen für viel Dampf im Kessel. Dass politische Eingriffe am Ende nicht ohne Wirkung auf das Wirtschaftsgeschehen bleiben, lässt sich an der Vielzahl an Neuerungen und gesetzlichen Regelungen ablesen, die 2017 in Kraft treten. Wie mit dem Füllhorn schütten Politiker im Vorgriff auf die Wahlen Geschenke an ihre jeweilige Klientel aus oder setzen ihre bevormundenden Vorstellungen weiter um, wie die Bürger der Republik in Zukunft zu leben haben. Renten-, Gesundheits- und Energiekosten steigen, Kinder, ihre Erzeuger und Sozialhilfeempfänger bekommen, wenn auch in mickriger Dosierung, soziale Wohltaten verabreicht. Und auch sonst gibt es eine Fülle neuer Regelungen, die die Bürger weiter entmündigen und den umverteilenden Fürsorgestaat aufblähen. Gewinner ist, wer eine machtvolle Lobbygruppe hinter sich weiß. Auf der Strecke bleiben die Einzelkämpfer: Kleine Händler, Handwerker, Existenzgründer und neuerdings auch viele Gastronomen.

Das Sterben des Mittelstands in Handel, Handwerk und Gastronomie ist an der Jahreswende 2016/17 deutlicher zu spüren als in den Vorjahren. Die verschärften Regeln zur Kassenführung und die damit verbundenen Kontrollen der Finanzbehörden verleiden einer Menge kleiner Unternehmer das Fortführen ihrer Geschäfte. Nicht, dass man es gutheißen soll, wenn jemand Steuern hinterzieht, aber das, was der Staat und seine Hilfstruppen inzwischen an Misstrauen gegenüber Gewerbetreibenden aussäen, würgt Initiativen alter und junger Unternehmer ab. Dazu bekommen vor allem die kleinen Unternehmen aus Handel, Handwerk und Gastronomie den Mangel an Mitarbeitern zu spüren. Gewinner der Entwicklung sind international tätige Konzerne, die sich staatlichen Zugriffen leichter entziehen können und Dank der Masse an Beschäftigten über ein erhebliches Erpressungspotenzial verfügen. Man muss sich nur mal ansehen, welche Konzerne wie viel Steuern zahlen, wer die rund 1.500 Unternehmen sind, die bei den Energiekosten bevorzugt werden oder wer seine Gewinne wo und in welcher Höhe versteuert. Im Lebensmittelhandel gewinnen derzeit die beiden Genossenschaftskonzerne Rewe und Edeka sowie die beiden internationalen Discounter Aldi und Lidl, vor deren Macht selbst die Politiker kuschen. In allerletzter Minute haben sich die Genossen auf die einvernehmliche Schlachtung der Reste des einstigen Tengelmann-Imperiums geeinigt und tilgen damit ein weiteres Stück Farbe im Handel. Übrig bleiben die effizient betriebenen Konzernmärkte, die jede Form staatlicher Subvention und Umverteilung für sich zu nutzen wissen, von der Standortpolitik über Umweltschutzfragen, der Logistik und Finanzierung bis hin zu den Mitarbeiterkosten. Die Gesellschaft zahlt mit, während die Gewinne woandershin fließen. Über Finanzierungs-, Beteiligungs- und Produktionsgesellschaften wird umverteilt, was das Zeug hält, der Erfindungsreichtum ist groß. Als selbstständiger Weinhändler wird man nur mithalten können, wenn man selbst einen Fachmarkt betreibt, weitere Geschäftsfelder in der Gastronomie oder mit komplementären Warensegmenten aufbaut und dazu das Geschäft im Internet beherrscht. Das verlangt mehr denn je die Transformation »analoger« Kundenwünsche in »digitale« Prozesse. Genau darin liegt aber auch eine große Chance für selbstständige Händler: Sie müssen schneller und dichter an der digitalen Umsetzung dran sein. Mehr denn je entscheidet sich der Erfolg auf den letzten Metern der Lieferkette, wenn aus dem digitalen Kunden ein analoges Wesen wird.

Der Unterschied ist so groß wie ein Livekonzert und die Musik aus der Dose. Wer das Live-Spiel beherrscht, hat Zukunft, allen staatlichen Eingriffen zum Trotz.

Hermann Pilz
Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
pilz@meininger.de

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