Weine vom Porphyr

MEININGERS WEINWELT
Mittwoch, 25. Oktober 2017 - 11:30
Verkostungen

SO KOMMT DER PORPHYR INS GLAS 

„Porphyr“ ist nicht so geläufig wie Kalk oder Buntsandstein, erscheint auch seltener auf Weinetiketten. Doch das purpurne Vulkangestein ist Bestandteil höchst spannender Weinbergsböden. Die Weintypen ähneln denen von Granit und Schiefer. Porphyr – wofür? Hier die Antwort.

Text: Michael Hornickel

Fotos: Weingut Schäfer-Fröhlich; Uwe Schiereck; Weingut Steitz/Foto: Melanie Hubach

„Wenn ich in der Landschaft sitze, kann ich den Feuerstein schon riechen“, schwärmt Doris Emmerich-Koebernik. Ihre Vulkan-Lagen hätten immer diesen Charakter, kann sich die Ex-Deutsche-Weinkönigin für ihr reizvolles Nahe-Tal begeistern. So gibt es im Weingut Emmerich-Koebernik zwar keinen „Vulkan“-Wein, aber einen „Porphyr“-Riesling. Doch so einfach ist das nicht, denn Porphyr ist eigentlich kein Gestein, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Gesteine vulkanischen Ursprungs. In der geologischen Fachsprache versteht man darunter ein bestimmtes „Gefügebild eines Gesteins“, also dessen Aussehen. So erinnern manche vulkanischen Gesteinsbrocken mit großen einzelnen Kristallen, locker hineingestreut in eine feinkörnige Grundmasse, ein bisschen an aufgeschnittene Blutwurst. Das ist dann ein Porphyr oder porphyrisches Gestein.

Es wird unterschieden zwischen quarzarmem und quarzreichem Porphyr, der wiederum heute „Rhyolith“ genannt wird. Dieser Name sagt im Umkehrschluss nichts über das Gefügebild aus, sondern über den Mineralbestand, was uns für Weinbergsböden mehr interessiert, sowie die Entstehung. Verwittertes Gestein, nur auf diesem kann eine Rebe gedeihen, sieht ja auch nicht mehr aus wie Blutwurst, sodass schließlich die Bezeichnung Rhyolith (statt Porphyr) Einzug in die wein-geologische Sprache gehalten hat. Auf Emmerich-Koeberniks Riesling- Etikett müsste demnach statt „Porphyr“ eigentlich „Rhyolith“ stehen – aber das ist ja noch unbekannter. So bleibt Porphyr als umgangssprachlicher Kulturbegriff gebräuchlich.

Rhyolith ist ein saures magmatisches Gestein, in seiner chemischen und mineralogischen Zusammensetzung dem Granit ähnlich. Es entstand vor knapp 300 Millionen Jahren, als Magma durch die Erdkruste aufstieg, aber nie die Oberfläche erreichte. Vielmehr erstarrte es kurz vorher zu Rhyolith – ist also sozusagen ein verhinderter Vulkan. In den folgenden Millionen Jahren wurden die darüber gelegenen Gesteinsschichten abgetragen, so dass Rhyolith schließlich an die Oberfläche gelangen konnte. Diese Böden sind dann meist flachgründig, grobkörnig und sehr steinig, wodurch sie sehr schlecht das Wasser halten. Die darauf stehenden Reben kommen in trockenen Jahren dann kaum auf ein hohes Mostgewicht, wodurch leichtere Weine mit dezenter Aromatik entstehen. Da diese Wasserdurchlässigkeit einer Rebe kaum entgegen kommt, wurden etwa an der Nahe manche Rhyolith-Böden mit humusreichem Bodenmaterial vermischt. Damit verbesserte man den Wasser- und Nährstoffhaushalt. Demgegenüber hat Gesteinsschutt im Untergrund den Vorteil, dass er gut durchlüftet ist und sich leicht erwärmt.

„Die Weine vom Porphyr sind kühler“, so Doris Emmerich-Koebernik. Und sie seien Spätentwickler. „Sie entwickeln sich auch noch in der Flasche.“ Ähnliches bestätigt Gernot Achenbach vom rheinhessischen Familienweingut in Wonsheim, nur ein paar Kilometer von der Nahe entfernt. Aus ihrem Besitz in der Lage Heerkretz, der wohl größten deutschen Porphyr-Lage, kommen stahlige Rieslinge. „Die Säure ist etwas härter als auf wärmeren Böden.“ Deshalb empfehle er, die Weine erst nach 15 Monaten zu trinken. Sie kommen erst nach dem Sommer in den Verkauf, ähnlich den Großen Gewächsen des VDP. Ein wesentliches, zudem messbares Merkmal der Porphyr-Böden sei ihr niedriger pH-Wert, stellt Oliver Müller (Weingut Wagner-Stempel) fest. Der liege bei 3,5 bis 4,0 (zum Vergleich: übliches Ackerland bei 6 bis 6,5). Es seien extrem saure Böden und die darauf erzeugten Weine entsprechend säurebetont. Der Literwein des Hauses liege bei einem pH-Wert von 3,0. Vor allem die Äpfelsäure sei hoch, besonders im Zusammenspiel mit einem kühlen Klima. Das Resultat sind schlanke, säurefrische Tropfen, die Entwicklungszeit brauchen und gut altern. Die Charakteristiken von Porphyr-Weinen ähneln demnach denen von Granit und Schiefer.

DIE VERKOSTUNG

Wir beschränkten uns für unsere Verkostung auf drei Anbaugebiete: Südtirol, Rheinhessen und die Nahe. Ungewöhnlich am Weinland Nahe ist seine geologische Vielfalt. Obwohl das Anbaugebiet mit 4 200 Hektar relativ klein ist (etwa halb so groß wie die Mosel), bietet es die größte Bodenvielfalt aller deutschen Anbaugebiete: Quarz und Porphyr, Melaphyr und Buntsandstein an der mittleren Nahe, Verwitterungsböden und Tonüberlagerungen aus Sandstein, Löss und Lehm um Bad Kreuznach.

Nahe Riesling; Foto: Renate Weber

Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass an der Nahe auch die meisten Porphyr-Lagen Deutschlands zu finden sind. Vor allem südwestlich von Bad Kreuznach, an der mittleren Nahe, etwa von Bad Münster am Stein bis Schlossböckelheim. Unter den dunkelrotbraunen Felsen (Porphyr von griechisch Purpurfarbe) ist das gewaltige Porphyr-Massiv von Bad Münster am Stein, höchste Steilwand nördlich der Alpen, am berühmtesten. Von hier folgen naheaufwärts Porphyr-Lagen wie der Traisener Rotenfels, der Niederhäusener Steinberg oder eben in Schlossböckelheim der Felsenberg oder die Kupfergrube.

Rheinhessen Riesling und Silvaner; Foto: Renate Weber

In Rheinhessen ist Siefersheim, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Nahe, das ungekrönte Zentrum des rheinhessischen Porphyrs. Saure Magmatite (Rhyolith etc.) gibt es im größten deutschen Anbaugebiet nur hier und in ein paar benachbarten Gemeinden, eine kleine Vulkan-Insel im riesigen rheinhessischen Rebenmeer. Bekannteste Lage ist Heerkretz, eine der höchsten in Rheinhessen, die sich als zerklüfteter Hang bis Neu-Bamberg zieht und mit über 50 Hektar die größte Porphyr-Lage Deutschlands sein dürfte. Natürlich gibt es das nicht in Reinform, vielmehr geht es hier um verschiedene Porphyr-Typen und andere Gesteine (etwa Muschelkalk, Urgestein des Rotliegenden ...) sowie stark wechselnde Feinbodenanteile. Von hier präsentieren wir einige beispielhafte Rieslinge und Silvaner.

Südtirol Sauvignon Blanc, Lagrein, Weißburgunder; Foto: Renate Weber

In Südtirol gibt es die meisten Steinbrüche für Porphyr. Von den 20 Betrieben bauen viele auch Porphyr ab, etwa für Bäder und Küchen oder den Straßenbau (Schotter, Kopfsteinpflaster ...). Das Vulkangestein ist hier also allgegenwärtig, seine Verwitterungen in vielen Rebflächen zu finden. So schreibt auch keiner „Porphyr“ so groß aufs Etikett wie die Südtiroler Kellerei Terlan für ihren Top-Lagrein. Aber ausgerechnet aus der Cantina war wenig zu den Bodeneigenschaften zu erfahren, auch habe man nicht so viel Lagrein, dass man mit anderen Gesteinen vergleichen könne. Zudem sind viele der ehrgeizigen Weine aus der Region so voluminös und so vom Barrique-Ausbau geprägt, dass sich hier weniger Terroir erahnen ließ als bei einem Nahe- oder Rheinhessen-Riesling. Selbst die Südtiroler Weißweine, etwa Weißburgunder, Chardonnay oder Sauvignon Blanc, sind alle opulent. So zumindest bei den Anstellungen zu unserer Verkostung. Doch kommen auch von hier brillante Gewächse. Wir stellen knapp 60 Weine vor.

Folgende Assoziationen wurden zu Weinen vom Porphyr notiert:

Farbe:

  • keine spezielle Charakteristik

Geruch:

  • in der Jugend verschlossen
  • oft helle Frucht (Apfel, Birne), aber auch gelbe Früchte (auch von anderen Böden bekannt)
  • Feuerstein, Graphit (Bleistiftmine)
  • weißer Pfeffer

Geschmack:

  • kühl, schlank
  • Rückgrat
  • säurebetont (stahlige, harte Säure)