Weine vom Granit

MEININGERS WEINWELT
Mittwoch, 6. Dezember 2017 - 10:00

SO KOMMT DER GRANIT INS GLAS

Granit kennen wir vor allem aus Küchen und Bädern. In verwitterter Form als Weinbergsboden ist er in Deutschland weniger geläufig und nur vereinzelt zu finden. Auch im Ausland sind seine Anbauflächen eher klein. Dabei wachsen einige der frischsten Weißweine und größten Roten der Welt auf Granit. Wir haben mal ordentlich drauf gebissen.

Text: Michael Hornickel/red.

Fotos: Patrick Zani; Weingut Bründlmayer

Granit ist eines der härtesten Gesteine, das wir kennen. Es entsteht durch langsame Erstarrung von Magma innerhalb der Erdkruste, ist also ein Vulkangestein, das allerdings meist in einer Tiefe von über zwei Kilometern unter der Erdoberfläche bleibt. Nur vereinzelt treten Granite an die Erdoberfläche, überall ein bisschen aber selten großflächig, am spektakulärsten und weitesten an der bretonischen Küste. In Deutschland stammt er meist aus dem Karbon, ist also so um die 300 Millionen Jahre alt. Hier ist er vorwiegend in den Mittelgebirgen zu finden, wird dort auch abgebaut, hat aber längst nicht die Bedeutung etwa des Buntsandsteins. Der weltgrößte Granitsteinbruch befindet sich in Vermont (USA). Als Bruchstein ist er allgegenwärtig und begegnet uns alltäglich. So sind die Bordsteine an Straßen meist aus Granit und der Schotter, auf dem die Eisenbahnschienen liegen, ebenfalls. Zudem sind viele Arbeitsplatten in privaten Küchen aus Granit, weil er kompakt, robust und somit langlebig ist.

Weine vom Granit; Foto: Renate WeberDas körnige Gestein (Granit von lat. Granum = Korn) ist reich an Quarz und Feldspaten sowie dunklen Mineralien wie Glimmer, die eng miteinander verwachsen sind. Soweit die vereinfachte Version. Daraus entstanden durch sehr langwierige Verwitterung nährstoffarme Böden, die außerdem zur Versauerung neigen. Sie werden deshalb mehr forstwirtschaftlich denn weinbaulich genutzt. Böden aus Granitverwitterung sind eher karg, wenig tiefgründig, sandig, manchmal grob, manchmal pudrig. Sie halten das Wasser schlecht, sind dafür gute Wärmespeicher.

In deutschen Weinbergsböden ist Granit an der Hessischen Bergstraße, in der badischen Ortenau und sehr vereinzelt in der Pfalz anzutreffen. Ein bisschen gibt es ihn in Südtirol, schon viel bedeutender ist er in Spaniens Westen und Nordwesten (Rías Baixas) und über die Grenze nach Portugal im Gebiet des Vinho Verde. Der Gamay im nördlichen Beaujolais fühlt sich auf Granit wohl, sowie Syrah und Viognier an den Hängen der nördlichen Côtes-du-Rhône. Auch einige elsässische Grands Crus sind auf Granit gebaut: Schlossberg, Brand, Eichberg ...

SPANNENDE NÖRDLICHE CÔTES DU-RHÔNE

Die wohl bekanntesten Granit-Rebflächen liegen im nördlichen Rhône-Tal. Der weiße Condrieu und die roten Hermitage, Côte Rôtie, Saint-Joseph und vor allem Cornas wachsen nicht ausschließlich aber zum großen Teil auf Granit. Saint-Joseph etwa kommt im Norden von Hängen aus Gneiss und mehr oder weniger stark verwitterten Graniten, während sich am Hangfuß Sande und Tone sammeln. Im Süden bestehen die Terrassenlagen aus Graniten mit großen, weißen Feldspatkristallen, die magere, kieselsäurehaltige Böden bilden, aber reich an Kalium, Eisen und Magnesium sind. Am südlichsten Zipfel der Appellation stehen die Reben auf einer Kalksteininsel. So gibt es völlig verschiedene St.-Joseph-Typen, wobei die spannendsten sicherlich vom Granit stammen. Ähnlich gelagert ist die Vielfalt der Böden in der Appellation Cornas, die immer etwas im Schatten der berühmten Nachbarn stand, inzwischen aber stark im Kommen ist und große Weine bieten kann. Aus diesen beiden Appellationen haben wir bekannte Vertreter verkostet. Bei unserer Auswahl haben wir die Weine mit überreifer Frucht und die Alkohol-Monster gleich weggelassen. Die gibt es vor allem aus dem sonnigen Jahr 2015. Achtung bei den 2014ern: wurde überextrahiert, dann können die Tannine schon mal trocken sein.

DEUTSCHLANDS GRANIT-ZONE ORTENAU

Weine vom Granit in Baden; Foto: Renate WeberAus Deutschland haben wir uns, neben ein paar Pfälzer Rieslingen und ein paar Gewächsen der Hessischen Bergstraße, auf Baden konzentriert. Granit ist das Grundgebirge des Schwarzwaldes, also das Fundament für darüber liegende Schichten, die dann im Wesentlichen aus Buntsandstein bestehen. Im Baden-Württembergischen Weinbauatlas taucht Granit vor allem zwischen Baden-Baden und Offenburg auf, der sogenannten Ortenau (Bühl, Achern, Kappelrodeck, Oberkirch, Durbach ...), und das in einem recht breiten Streifen. Nirgends sonst gibt es das innerhalb von Deutschland. Mehr als die Hälfte der Reben in der Ortenau stehen heute auf Granit. Sie wachsen auf drei bis sechs Meter tief verwittertem Granitersatz. Der darauf entstandene Weinbergsboden wird als Braunerde-Rigosol bezeichnet. Mittel bis stark steiniger und grusführender, wenig lehmiger Sand liegt hier in einer Dicke von rund einem Meter auf sandig-grusigem und steinigem Granitersatz. Aufgrund des geringen Anteils an Feinerde sind die Böden keine guten Wasserspeicher. Unter den 50 Ortenau-Weinen probierten sich die Rieslinge besser als die Burgundersorten. Wir haben nur die Weine ausgewählt, bei denen man etwas Granit-Mineralisches vermuten konnte.

VINHO VERDE – GRÜN UND GRANIT

Erkundet man den Norden Portugals, kommt man am Anblick von Granit kaum vorbei. Fast überall finden sich die großen Granitbrocken, die fast surreal auf den grünen Hügeln thronen. Nur hier und da, zum Beispiel entlang der beiden Flüsse Lima (weiter im Norden) und Douro (weiter im Süden) werden die von Granit dominierten Böden auch etwas von Schiefer durchzogen. Rund 21 000 Hektar umfasst die nördliche Weinbauregion, die eine relativ hohe jährliche Regenmenge (1200 mm) verzeichnet und von einem milden Klima geprägt ist. Hier entstehen die spritzigen Weißweine, die im Sommer auch gerne bei uns in Deutschland entkorkt werden. Hierzulande weniger bekannt sind hingegen die Rosé- sowie die Rotweine – wobei letztere aufgrund ihrer frischen und spritzigen Art eher ungewöhnlich auf den deutschen Gaumen wirken.

Weine vom Granit im Vinho Verde; Foto: Renate WeberWie in ganz Portugal stehen auch im Vinho Verde autochthone Rebsorten im Fokus. Fast in der gesamten Region vertreten ist zum Beispiel die Rebsorte Loureiro, die wir allerdings aufgrund ihres teils floralen Aromas (weiße Blüten, Rose, Freesie) nur als Cuvéepartner für unsere Verkostung zugelassen haben. Oftmals reinsortig ausgebaut und mittlerweile auch namentlich bei uns bekannt, ist hingegen die Rebsorte Alvarinho. Besonders ganz im Norden, in der Subregion Monção und Melgaço, an der spanischen Grenze entfaltet er sein Potenzial und zeigt, welch tiefgründigen Weine hier entstehen können. Aufgrund seiner spritzigen Art, seiner Vielschichtigkeit und seiner Fähigkeit, seine Herkunft widerzuspiegeln, wird er auch manchmal als „Riesling von Portugal“ bezeichnet. Der Welt zu demonstrieren, dass Weißweine aus dem Vinho Verde nicht nur leichte Sommerzischer, sondern auch komplexe Gewächse mit hohem Lagerpotenzial sind, ist vor allem sein Verdienst. Und tatsächlich haben das in unserer Verkostung zwei Weine der Rebsorte Alvarinho aus dem Jahrgang 2014 auf ganzer Linie bewiesen. Aber auch andere weiße Rebsorten wie Arinto (frische Säure, zitrusfruchtig mit Aromen von heimischen Früchten), Avesso (fruchtig mit Aromen von Orange und Pfirsich, säurefrisch) und Azal (frisch, sehr säurebetont, Aromen von Zitrone und grünem Apfel) erfahren derzeit großen Zuspruch und sind immer öfter auch rebsortenrein auf der Flasche zu finden.

DIE VERKOSTUNG

Bei der Verkostung der Granit-Weine fiel auf, dass die schlanken Vinho Verde manchmal von geradezu steiniger Mineralität (nasser Stein) sein können. Die Rieslinge vom Granit präsentieren sich feiner, finessenreicher, geradliniger und präziser, somit delikater, als etwa von lehmigen Böden. Die Rotweine sind deutlich floral duftig in ihrer Jugend. Ein bisschen erwiesen sich die Granit-Weine als das Gegenteil der Gewächse vom Kalkboden: weniger Körper als vom Kalk, weniger Kraft, weniger üppig, früher zugänglich aber bei vergleichbarem Reifepotenzial.

Folgende Assoziationen und Erkenntnisse wurden zu Weinen vom Granit notiert:

Farbe:

  • keine Besonderheiten

Geruch:

  • intensives aber zartes Aroma
  • Rote in der Jugend sehr floral
  • kühl steinig
  • Graphit; Graphit-Ton-Gemisch (Bleistift)
  • saline Noten
  • fruchtbetont (helle Früchte ...)
  • unmittelbare Fruchtigkeit
  • kräutrige Noten (Brennnessel ...)

Geschmack:

  • steinige Mineralität
  • kernig
  • zart säurefrisch
  • dennoch maskulin zupackend
  • linear
  • fest
  • straff
  • druckvoll