Stefan Ninks Shoppingtour in Peking

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
03
2019
Donnerstag, 20. Juni 2019 - 7:45
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler / AdLumina

Bei der Frage nach der besten Verbindung schaut die nette Frau an der Rezeption beinahe erschrocken: Mit der U-Bahn? Zum Seidenmarkt? Sie würde nun wahrscheinlich gerne den Kopf schütteln angesichts solcher Naivität, aber das verbietet ihr die chinesische Höflichkeit. Stattdessen empfiehlt sie nachdrücklich den hoteleigenen Limousinenservice. Dessen Fahrer wüssten den schnellsten Weg durch die ganztägige Rushhour der Hauptstadt und seien natürlich später auch beim Verstauen der Einkäufe behilflich. „Mit all den Einkaufstüten bekämen Sie in der U-Bahn sowieso bloß Probleme.“

Die hat dann später erst einmal der Fahrer: Er findet nämlich keinen Parkplatz, weil die schon alle von seinen Kollegen aus anderen Hotels in Beschlag genommen worden sind. Schließlich lässt er seinen Gast vor einem Hochhaus aussteigen, das aussieht, als sei es 1954 für einen Vorort von Warschau entworfen worden. Das soll es sein? Pekings berühmtestes Kaufhaus? Er nickt und zeigt auf ein Schild: „Sicheres Einkaufen von authentischen Qualitätswaren!“ steht da in mehreren Sprachen. Darunter prangt das Siegel der Pekinger Polizei.

Statt all der Qualitätswaren sieht man dann aber zuerst Sanitäter. Die helfen einer Frau, der das sichere Einkaufen offenbar ein bisschen zu viel wurde. Überhaupt hocken überall erschöpfte Kunden, glotzen apathisch vor sich hin oder schlafen – wahrscheinlich haben sie vor jener Geräuschkulisse kapituliert, die entsteht, wenn 344 Standbesitzer auf jeder Etage 344 unterschiedliche Cantopop-CDs abspielen. Möglicherweise wollen sie aber auch bloß nicht die Aufmerksamkeit der Verkäuferinnen auf sich ziehen. Die nämlich hängen sich an jeden, der in ihren Radius gerät, wobei sie sämtliche rhetorischen Register ziehen, um ihn vom unglaublichen Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Qualitätswaren zu überzeugen – zum Beispiel von ihrer Thermomix-Küchenmaschine, die es hier sogar in „Hello Kitty“-Lackierung gibt. Sie locken und säuseln, sie quengeln und zetern, sie schimpfen und wehklagen, nur 400 Euro – und sie hätten hungrige Kinder zu Hause und eine sieche Oma, da müsse man doch einfach. Eine Engländerin schlägt schließlich zu. Für 30 Euro.

Außer den authentischen Küchenmaschinen werden Skateboards angeboten oder auch komplette Golfausrüstungen (VHB 1.000 Euro, auf 60 verhandelbar), und wenn auf den Laufschuhen nicht „adlas“ stehen würde, sähen auch die ziemlich original aus. Es gibt Virtual-Reality-Brillen und einen Stand mit Kochtöpfen „made in Germany“. Nebenan wird eine übergewichtige Holländerin in ein viel zu enges Seidenkleid aus Polyester gepresst. „Like Shanghai 1930“, säuselt die Verkäuferin. Mehrere Händler lassen Drohnen über den Köpfen der Kunden kreisen. An einer Bar werden Bordeaux-Weine aus nicht existenten Ortschaften ausgeschenkt.

Der Fahrer lächelt, als er seinen Gast drei Stunden später in Empfang nimmt; die Tüten passen gerade so eben in den Kofferraum. Er lächelt noch immer, als er im Spiegel beobachtet, wie auf dem Rücksitz ein neues iPhone 14s ausgepackt wird, ein Gerät, das dem Rest der Welt wohl erst 2022 präsentiert werden wird, wenn überhaupt. Dass man nicht mit ihm telefonieren kann, weil es leider überhaupt keinen SIM-Karten-Slot hat: Das wird der Gast erst zu Hause feststellen.

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