Stefan Nink zu Gast im Geisterhaus

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
01
2019
Freitag, 22. März 2019 - 11:15
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler/AdLumina

Halb drei morgens und glockenhellwach: Jetlag ist etwas Schreckliches. Man schreckt von irgendeinem Geräusch aus dem Schlaf und weiß: Das war’s. Vor allem, wenn das Geräusch weiterhin zu hören ist – dann kann man das Wiedereinschlafen vergessen, das ist ein ehernes Jetlag-Gesetz. So wie neulich bei diesem Knarzen von der Decke meines Hotelzimmers.

Wieso musste die Frau aus Kansas da über mir um diese Zeit auf und ab laufen? Wurde die denn nie müde? Draußen schneite es. Auf der Hinfahrt hatte es genieselt und es war nebelig, man konnte nur ein paar hundert Meter weit sehen. Zum Glück tauchten irgendwann die Lichter des Ortes Estes Park auf. Und das „Stanley“, mein Hotel. Baujahr 1909 und berühmt geworden durch den Gruselautor Stephen King. Der hat hier nämlich schlecht geschlafen, weil kleine Mädchen immerzu vor seinem Zimmer Ball spielten. Am nächsten Morgen teilte man ihm allerdings mit, dass er der einzige Gast gewesen sei, und schon war die Idee zu „Shining“ geboren. Ich dachte: Ist bestimmt spannend. Und historische Hotels mag ich sowieso.

Der Mann an der Rezeption gab mir Zimmer 401. Das war natürlich perfekt – genau in diesem Zimmer hat damals nämlich auch King übernachtet, hatte ich gelesen. Leider war 401 an diesem Herbsttag vor allem lausig kalt. Als ich den Regler des Heizungsthermostats bedienen wollte, löste sich das komplette Ding. Statt der Hausgeister erschien also: der Hausmeister. Er schraubte das Thermostat fest und verabschiedete sich. Im Hauskanal lief „Shining“, was denn auch sonst. Gerade befreite der Hausgeistbutler den durchgeknallten Jack Nicholson aus der Kühlkammer.

Im Zimmer obendrüber trampelte jemand auf und ab. Musste eine der Freundinnen aus Kansas sein, die vor mir eingecheckt hatten. Beim abendlichen „Geister-Rundgang für unerschrockene Gäste“ waren sie auch mit dabei gewesen. Unsere Führerin erzählte von Mord und Totschlag und all den ruhelosen Seelen, die im Hotel herumspuken. Ich habe dann den Rezeptionisten gefragt, ob er auch diese seltsame Musik höre, die in der Lobby schwebe. „Die kommt aus dem CD-Player“, meinte er indigniert.

Zurück in Zimmer 401 war es unterdessen etwa 20 Grad kälter geworden. Der herbeigerufene Hausmeister schaute fassungslos. Weil alle anderen Zimmer belegt waren, wurden zwei fahrbare Heizungen hineingerollt. Eine teure Flasche Rotwein kam auch, auf Kosten des Hauses. Im Fernsehen irrte Jack Nicholson mit seinem Hackebeil im Heckenlabyrinth des Hotelgartens herum. Die Frau über mir lärmte weiterhin. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, jedenfalls war es draußen plötzlich hell.

Der Mann an der Rezeption war immer noch da. Er freute sich, sehr, dass ich nicht erfroren war in 401. Ich erzählte ihm vom nervigen Getrampel. Er wurde kreidebleich. Er öffnete den Mund. Er drehte sich kurz um, als ob er sich sammeln müsse. „Im Zimmer ÜBER Ihnen?“, fragte er dann. Und plötzlich wusste ich, was er gleich sagen würde. Ganz genau wusste ich das.

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