Stefan Nink unterwegs am Polarkreis

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
04
2017
Freitag, 17. November 2017 - 10:15
Kolumne

Foto: Ralf Ziegler / AdLumina

Sie stellt noch schnell den Koffer aufs Fließband, so, Moment, wo ist er, da: der Schlüssel fürs Clubhaus. Gibt’s heute ausnahmsweise am Check-in-Schalter am Airport in Kangerlussuaq, sonst bewahren sie ihn gegenüber im Café auf, aber Gitte und Mina sind krank, deswegen hat ihn heute die Angestellte der Air Greenland. Falls jemand spielen will. Will ja jetzt jemand. Leihschläger? Bälle? „Nehmen Sie sich, was Sie brauchen.“ Und wie kommt man zum Golfplatz? „Aus dem Terminal raus und dann rechts, zehn Minuten.“ Sie kommt hinterhergelaufen, eins noch: „Falls da Moschusochsen sind – einfach still verhalten. Die trollen sich meistens.“

Manche Golfrunden beginnen lange vor dem ersten Abschlag. Zum Beispiel in jenem Augenblick, in dem man entdeckt, dass die hier oben überhaupt einen Golfplatz haben. In Grönland! Soweit ist es also schon gekommen mit dem Klimawandel! Und weil da fünf Stunden Zeit sind zwischen Schiffsankunft und Weiterflug, kann man sich das natürlich nicht entgehen lassen.

Es ist Juli, es ist warm, und Grönland sieht rund um Kangerlussuaq aus wie die kasachische Steppe. Deswegen entdeckt man den Golfplatz nach einer knappen Stunde Anmarsch auch nur, weil seine gelben Fähnchen sich allerliebst von Sand, Flechten und Gesträuch abheben. Das Clubhaus ist ein Bretterschuppen, drinnen stehen die Schlägersets der 45 Clubmitglieder. Und ein Kühlschrank, hinter dessen Glastür viele Flaschen Mineralwasser gestapelt sind. Und zwei Flaschen Chardonnay.

Der Golfplatz liegt knapp jenseits des Polarkreises, deswegen gibt es natürlich keinen Rasen, sondern Sand, überall Sand. Leider gibt es aber auch keine Markierungen oder irgendetwas Vergleichbares, und Fairways gibt es ebenfalls nicht. Anders gesagt: Eine Runde hier ähnelt einem Orientierungslauf im tiefen Gelände, bei dem man einen Karren Metall hinter sich her schleift. Außerdem muss man auch noch ein großes Stück Kunstrasen mit sich herumschleppen, auf den man seinen Ball beim Abschlag legt. Auf den Fotos sehen wir später aus wie depressive Teppichhändler mit ihren Lieblingswarenmustern. Ziemlich abgekämpft kehren wir nach etlichen Stunden zurück.

Foto: Ralf Ziegler / AdLuminaVor der Clubhaustür steht ein Trumm von einem Zottelwesen, das aussieht wie ein Hauptdarsteller aus den Ice Age-Filmen. Völlig regungslos starrt uns der Moschusochse an. Er geht nicht zur Seite, er wendet sich nicht ab, er glotzt bloß unbekümmert. Wie ausgestopft sieht er aus, und wenn wir nicht wüssten, dass er ein paar Stunden zuvor noch nicht dagestanden hätte – man könnte glatt meinen, irgendwer hätte ein Exponat aus dem Heimatmuseum hierhin transportiert, um Besuchern einen Streich zu spielen.

Es ist immer noch sehr warm, und wenn man ganz still ist und die Ohren spitzt, kann man den Chardonnay im Kühlschrank hinter dem Moschusochsen leise „trinkt mich, trinkt mich!“ rufen hören, aber vielleicht bilden wir uns das auch bloß ein. Plötzlich erwacht der Ochse zum Leben, er schüttelt den Kopf und gibt ein schreckliches Geräusch von sich, wahrscheinlich ruft er mit diesem Grunzbrüllen seine Herde herbei.

Wir jedenfalls beschließen in diesem Augenblick, dass wir Chardonnay sowieso nicht wirklich mögen. Die Leihgolftaschen stellen wir hinter dem Clubschuppen ab. Die Frau am Check-in-Schalter wirkt erleichtert, als sie erfährt, dass die Sache mit dem Moschusochsen gut ausgegangen ist, „wie meistens“. Und wir überlegen auf dem Flug nach Kopenhagen, was in den anderen Fällen passiert ist.

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