Stefan Nink meldet sich aus Wales

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
03
2017
Mittwoch, 30. August 2017 - 14:15
Kolumne

Foto: Ralf Ziegler / AdLumina

Am letzten Tag saßen wir abends im Pub und tranken Weine aus Wales. Ja ja, doch, da könnte man schon mal einen Moment drüber nachdenken, Klimawandel und so, aber dafür hatten wir keine Zeit, schließlich war das hier eines der ältesten Gasthäuser des Landes: eröffnet 1229 und seitdem angeblich keinen einzigen Abend geschlossen. Das muss man sich mal vorstellen! Wer mochte hier alles gesessen und über den Lauf der Dinge in der Welt sinniert haben? Da muss man sich nicht wundern, dass der Pub auch für sein Hausgespenst berühmt ist: Die arme Sylvia war von ihrem Gatten gemeuchelt worden, einem Seemann, der unerwartet früh nach Hause zurückkehrte und seine Frau im Bett mit … Kann man sich ja vorstellen, dass der sauer war. Sylvia jedenfalls spukt seitdem als weiße Frau im Wirtshaus herum. Angeblich erscheint sie regelmäßig.

Zuerst einmal aber lief Fußball. Liverpool gegen irgendwen, mit Jürgen Klopp an der Seitenlinie. Auf einem Bildschirm, vor dem acht dicke Rentner in unterschiedlichen Besetzungen das Spiel verfolgten. Weil immer irgendwer auf die Toilette musste, zwei der Herren zwischendurch von ihren Frauen telefonisch zum Abendessen beordert wurden und drei oder vier andere während des Spiels neu hinzu kamen, erinnerte das ganze an ein Kammerspiel in traditioneller Pub-Kulisse.

Einer der Herren hatte Geburtstag. Bran wurde 67, sah aber zehn, fünfzehn Jahre älter aus, mindestens. Möglicherweise hatte das mit der Menge an Bier zu tun, die jeder der Senioren in sich hineinkippte, allen voran der Jubilar. Er hatte ein Loch in der Tasche, deswegen fiel das Wechselgeld nach jedem Bezahlen eines neuen Pints aus dem rechten Hosenbein heraus. Wenn der Mann es kurz darauf am Boden entdeckte, hob er es erfreut auf und steckte es verstohlen ein – offenbar glaubte er jedes Mal, Münzen gefunden zu haben, die andere verloren hatten. Kurze Zeit später lag das Geld erneut am Boden.

Foto: Ralf Ziegler / AdLuminaUnd dann erschien – nein, nicht Sylvia, sondern: Honey. Honey war Brans Frau, und Honey war fast ebenso dick. Was auch deswegen erstaunlich war, weil Honey aus Thailand stammte. Ihr Englisch war rudimentär, dafür aber umso lauter. Sie hatte drei Handys dabei, auf denen sie ständig angerufen wurde (statt zu klingeln, meldeten sich die drei Geräte mit unterschiedlichen Thai-Pop-Melodien). Die Klangqualität schien miserabel zu sein, Honey schrie ihre Neuigkeiten nach Bangkok und rannte dabei aufgeregt durch den Pub. Zwischendurch tätschelte sie Bran den Bauch. Worauf wieder jemand ging oder kam und Jürgen Klopp auf dem Bildschirm sich wie Rumpelstilzchen über den Schiedsrichter aufregte.

Das Ganze erinnerte irgendwann an eine sehr schlechte Serienfolge aus dem deutschen Privatfernsehen. Zu deren Finale Bran unendlich langsam von der Toilette kam und aussah, als habe er soeben einen Herzinfarkt erlitten. Die anderen wollten wissen, was passiert war, aber Bran wollte nichts erzählen. Er schien auch nicht mehr richtig sprechen zu können. Seine Freunde machten sich nun ernste Sorgen, von Schlaganfall war die Rede und davon, dass sie allemal kürzer treten müssten, oh ja. Dann aber redete Bran doch, besser gesagt: er stammelte. Wir an unserem Tisch konnten nicht alles verstehen, aber die Worte „weiß“ und „Frau“ fielen mehrmals. Es schauderte uns, und wir beschlossen, jetzt besser zu gehen. Oben auf dem Fernsehbildschirm grinste Jürgen Klopp. Liverpool hatte gewonnen.

Anzeige