Sake ist nicht gleich Sake

Stefan Nink - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
04
2016
Donnerstag, 28. Juli 2016 - 14:30
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler / AdLumina

Draußen in der Dämmerung zogen Reisfelder vorbei, Reisfelder und Bambushaine und kleine Orte mit schmalen Straßen und winzigen Autos. Wir saßen seit mehreren Stunden in diesem Zug von Hiroshima nach Kyoto, wir hatten uns zugenickt und kurz angelächelt und geschwiegen. Dann aber schien er plötzlich einen inneren Impetus zu verspüren, oder ihm war einfach eingefallen, dass er ja etwas eingepackt hatte für diese Reise in die japanische Nacht. Der Mann im Sitz gegenüber stand auf und holte eine voluminöse Flasche aus seiner Tasche oben in der Gepäckablage. Er stellte sie auf den Tisch zwischen uns, es war eine sehr schöne Flasche, sie sah aus, als sei sie aus Keramik. Der Mann verbeugte sich. Dann lief er aus unserem Wagen und kehrte kurz darauf mit zwei Plastikbechern zurück. „Sake very good!“, sagte er. Und dann schenkte er ein. Sich selbst. Und mir.

Japanischer Reiswein zählt zu jenen Getränken, von denen man gerne sagt, dass man ihnen eine Chance geben müsse. Millionen Menschen liebten Sake, heißt es dann immer, er werde mit viel Liebe und Fachwissen hergestellt – so schlecht könne er also nicht sein (das Gleiche behauptet man von Retsina, mit Melonenaroma versetztem Bier und jenem Sud, den man auf Fiji als Begrüßungstrunk gereicht bekommt und nach dem sich der Mundbereich anfühlt, als habe man einen Schlaganfall erlitten). Der Reiswein, den der Mann im Zug eingeschenkt hatte, war aber leider tatsächlich so schlecht: Er schmeckte fürchterlich. Was man natürlich so nicht sagen darf, wirklich nicht, wann passiert das schon, dass ein Bahnmitreisender mit einem anstoßen möchte? In einem deutschen Zug jedenfalls nie.

Foto: Ralf Ziegler / AdLuminaGlücklicherweise wollte Mr. Sake auch überhaupt nicht wissen, wie seinem Gast der feine Reiswein mundete. Vielmehr war ihm daran gelegen, ein paar Tipps für Kyoto zu geben, das kenne er nämlich gut, und was für eine wunderschöne Stadt sei das! Wir prosteten uns zu und tranken, und Mr. Sake füllte die Becher sogleich wieder auf und empfahl in schneller Folge Dutzende Tempel, Gärten und Restaurants. Und ein Souvenir müsse ich natürlich ebenfalls erstehen! Einen Yukaza, den japanischen Bademantel, ohja, der sei nicht nur praktisch – weil man ihn jeden Tag tragen könne, erinnere er einen immerzu an die schöne Reise. Im Gegensatz zu einer Flasche Reiswein, die sei ja bald schon ausgetrunken. Sagte Mr. Sake und füllte unsere Becher auf. Als er ausstieg, verabschiedeten wir uns herzlich. Die Flasche ließ er da. Es war noch ein bisschen was drin.

Später im Bahnhof empfand ich eine äußerst angenehme Leichtigkeit. Ach, wie wunderbar war dieses Land! Gegenüber gab es auch gleich einen großen depato, so heißen in Japan die Kaufhäuser. Meine beharrlichen Versuche, in der Herrenabteilung einen dieser Yakuza zu erstehen, riefen allgemeines Entsetzen hervor, aber ich finde ja, dass man nachsichtig sein sollte, wenn Ausländer Vokale in einer für sie fremden Sprache verwechseln (Yakuza ist ein Mitglied der japanischen Mafia). Mit einem kunstvoll verpackten Yukaza verließ ich schließlich sieben unentwegt lächelnde Verkäuferinnen. Die wunderbare Reisweinschwerelosigkeit hielt weiter an. Sie hielt an bis zu jenem Moment, in dem ich draußen vor dem Kaufhaus stand und feststellte, dass ich überhaupt nicht in Kyoto war. Sondern in einer Stadt namens Hikone. Für Kyoto hätte ich sieben Stationen früher aussteigen müssen.

Stefan Nink ist Reisejournalist. Man kennt ihn aus Funk, Fernsehen und verschiedenen Magazinen. Für uns schreibt er Kolumnen.

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